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20 Jahre zurückgeworfen

Auf Lateinamerika und die Karibik rollt laut der UN aufgrund der Corona-Pandemie eine Armutswelle zu

  • Von Jürgen Vogt
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona-Pandemie: 20 Jahre zurückgeworfen

Die UN warnen vor massiven sozialen Verwerfungen und einem sprunghaften Anstieg der Armut infolge der Corona-Pandemie in Lateinamerika und der Karibik. »In Sachen Armut wird die Region um 20 Jahre zurückgeworfen«, sagte jüngst Alicia Bárcena, Exekutivsekretärin der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (Cepal), anlässlich der Vorstellung des »Special Report Covid-19«. Als Konsequenz der Corona-Pandemie werden demzufolge in der Region Ende des Jahres 37,3 Prozent der Bevölkerung in Armut leben. »Wir schätzen, dass die Zahl der Menschen in Armut um 45,4 Millionen zunehmen wird«, so Bárcena. In der Cepal, die ihren Sitz in Santiago de Chile hat, sind 33 Staaten aus der Region vertreten, in denen insgesamt rund 620 Millionen Menschen leben.

Der weltweite Lockdown hat zu einem Einbruch beim Handel und sinkenden Rohstoffpreisen geführt, was auch die Region spürt. Außerdem leiden Lateinamerika und die Karibik unter dem völligen Zusammenbruch der Tourismusindustrie und dem Ausbleiben der Remesas infolge der Pandemie. Die Remesas sind Überweisungen von Familienangehörigen, die fern von Zuhause arbeiten, aber ihre Familien finanziell unterstützen. Verschärft wird die Situation noch weiter, weil die Region zum Epizentrum der Pandemie geworden ist. »Für die Karibik kommt erschwerend hinzu, dass in diesem Jahr noch mit einigen starken Wirbelstürmen zu rechnen ist«, so Bárcena.

Noch im vergangenen Dezember hatte die Cepal ein moderates Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 1,3 Prozent für 2020 prognostiziert. Seither muss sie die Zahl stetig nach unten korrigieren. Aktuell rechnet die Kommission mit einem Absacken der Wirtschaftsleitung im Durschnitt um 9,1 Prozent. Es wäre der schlimmste Einbruch der vergangenen 100 Jahre. »Der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit ist so groß, dass das Pro-Kopf-Einkommen bis Ende 2020 auf den Stand von 2010 sinken wird«, erklärt Bárcena.

Besonders schwer trifft es Venezuela (26 Prozent), Peru (13 Prozent) und Argentinien (10,5 Prozent) sowie karibische Staaten wie Belice (14 Prozent), Antigua und Barbuda (12,5 Prozent) oder Santa Lucía (11,9 Prozent). Einziger positiver Ausreißer ist das kleine Guayana. Die dort entdeckten Erdölvorkommen führen demnach zu einem Wachstum von über 40 Prozent.

2,7 Millionen Unternehmen werden im laufenden Jahr für immer schließen, 2,6 Millionen davon sind kleine und mittelgroße Betriebe. Als Folge steigt die Arbeitslosenquote bis Ende 2020 auf 13,5 Prozent. In absoluten Zahlen sind das 44,1 Millionen Menschen, rund 18 Millionen mehr als im Dezember des Vorjahres. Die Auswirkungen auf den in der Region riesigen informellen Sektor sind dabei noch gar nicht erfasst.

Die Cepal-Chefin warnt davor, die Region alleine zu lassen: »Die nationalen Bemühungen müssen durch internationale Zusammenarbeit unterstützt werden, wie etwa eine verstärkte Finanzierung zu günstigen Konditionen und einen Schuldenerlass.« So sollten die internationalen Institutionen gestärkt werden, die wiederum die Länder besser unterstützen könnten. Als eine soziale Schutzmaßnahme schlägt die Cepal die Einführung eines »Bonus gegen den Hunger« vor. Dieser würde nach ihren Berechnungen jährlich 27,1 Milliarden Dollar kosten.

Angesichts der dramatischen Zahlen fordert die Cepal außerdem eine Debatte über die Einführung eines Grundeinkommens. In Argentinien ist man damit bereits vertraut. Die Bezeichnung wurde aus ideologischen Gründen bisher allerdings immer vermieden. Nach der großen Krise im Jahr 2001, als sich die Hälfte der Bevölkerung in Armut wiederfand, wurde das Programm »Jefes y Jefas de Hogar« aufgelegt, mit dem erstmals auch Frauen als Chefinnen eines Familienhaushalts direkt unterstützt wurden.

Geschätzt wird, dass nach der Pandemie die Hälfte der 45 Millionen Einwohner*innen des Landes unter der Armutsgrenze leben werden. Vor Corona waren es rund 15 Millionen. »Wir haben schon länger ein universelles Kindergeld für Bedürftige sowie Sozialhilfeprogramme und jetzt das Nothilfeprogramm Ingreso Familiar de Emergencia (IFE)«, sagt Argentiniens Sozialminister Daniel Arroyo und hält dies bereits für erste Elemente eines Grundeinkommens.

Während Kindergeld und Sozialhilfe schon vor Corona existierten, war das IFE ursprünglich eine Sonderhilfe für Familien in Notlagen in Höhe von 10 000 Peso (145 Euro). Rund zwölf Millionen Argentinier*innen hatten sie beantragt, neun Millionen erhielten sie, darunter vor allem Niedriglohnempfänger*innen und informell Beschäftigte. Mittlerweile wurde diese Hilfe dreimal ausgezahlt. Angesichts der dramatischen Zahlen wird darüber nachgedacht, ob und wie es mit Kindergeld und Sozialhilfe vereint werden kann.

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