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Loyalitätskonflikte

Ein Buch, das übersetzt werden sollte: Die Studie der Französin Sonia Combes über die DDR-Intellektuellen

  • Von Sabine Kebir
  • Lesedauer: 5 Min.

Sie bezog bereits in mehreren Büchern Stellung gegen die Klischees, die nach 1989 von Medien und Historikern über die Intellektuellen der DDR verbreitet worden sind - die französische Historikerin und Osteuropaspezialistin Sonia Combe. Im Urteil des Mainstreams gelten jene, die - trotz Enttäuschung über den Realsozialismus - nicht in den Westen gingen, sondern im ostdeutschen Staat blieben, ihn als eine gesellschaftliche Alternative nicht aufgeben wollten, als »nützliche Idioten« eines Regimes, dessen »Totalitarismus« sie angeblich nicht wahrhaben wollten. Sonia Combe widerspricht dieser Verleumdung energisch.

Die an der Université de Paris-Ouest und am Centre Marc Bloch arbeitende Wissenschaftlerin lehnt ebenso vehement eine Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus ab. Sie zitiert den israelischen Philosophen Avishai Margalit, der meint, dass Menschen meist aus moralischen Motiven Kommunisten wurden, was unmöglich vom Faschismus zu behaupten ist. Was erfordere, zwischen »guten und schlechten Kompromissen« zu unterscheiden.

Sonia Combe geht zunächst der kaum untersuchten Frage nach, wieso so viele Remigranten sich für die Sowjetische Besatzungszone entschieden. Nicht nur ihre linken Überzeugungen waren hierfür ausschlaggebend, sondern auch, dass sie von den westlichen Besatzungsmächten keine Einladungen erhielten, während ihnen die sowjetische Seite attraktive Angebote machte. Ein weiterer Grund, weshalb Bertolt Brecht, Anna Seghers, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Ernst Bloch, Hans Mayer und viele andere nach Deutschland zurückkehrten, war ein linguistischer. In deutscher Sprache zu publizieren, der Sprache der unter großen Opfern verjagten Okkupanten und Mörder von sechs Millionen Juden, war unmittelbar nach dem Krieg im Ausland schwierig. Arnold Zweig, der aus Palästina remigrierte, berichtete über die Verlockung, in deutscher Sprache schreibend am Aufbau eines antifaschistischen Deutschland mitzuwirken.

Hinzu kommt, dass viele Remigranten es nach erfahrenen Enttäuschungen und Repressionen durch die Nazis als eine Zumutung empfanden, in einem Staat zu leben, in dem ein Hans Globke, Kommentator der Nürnberger NS-Rassegesetze, Staatssekretär war und Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht, Chef des Bundesnachrichtendienstes. Sonia Combe betont, dass sowohl in personeller wie materieller Hinsicht, also was Besitz und Produktionskapazitäten betrifft, in der DDR wesentlich gründlicher entnazifiziert wurde als in der Bundesrepublik.

Die französische Forscherin widerspricht auch dem Vorwurf vom »verordneten Antifaschismus« in der DDR. Ganz entkräften ließe sich zwar nicht, dass mit der Betonung der antifaschistischen Repräsentanz der DDR eine Entlastung der Deutschen östlich der Elbe von der Verantwortung für die Vergangenheit einhergegangen sei. Diese Ansicht findet sich auch in Notizen des aus der Schweiz remigrierten Schriftstellers Stephan Hermlin, die Sonia Combe zitiert. Entgegen der heute gängigen Behauptung, das Fehlen demokratischer Kultur in der DDR habe die Kritikfähigkeit der Bevölkerung eingeschränkt, führt sie an, dass es dem Regime nie gelungen sei, selbstständiges und widerständiges Denken zu überwinden. Solches habe es bis tief in die SED hinein gegeben. Und selbstredend bei den Intellektuellen. Ein großer Teil von ihnen habe sich verantwortlich gefühlt, auf Entwicklungsfehler aufmerksam zu machen, die oft der intellektuellen Beschränktheit der Führung von Partei und Staat geschuldet waren. Teilweise versuchten sie, kritische Botschaften in ihren Werken »zwischen den Zeilen« zu vermitteln, was ihnen auch mit großem Geschick gelang. Leser in der DDR entwickelten einen siebten Sinn, solche Botschaften zu erkennen. In der Literatur des ostdeutschen Staates, so Sonia Combe, wurden sowohl Systemfragen als auch Fragen von allgemeinerer menschlicher Bedeutung aufgeworfen.

Schwieriger für die Intellektuellen war es hingegen, sich direkt in politische Fragen einzumischen, insbesondere wenn es um Solidarität mit zu Unrecht verfolgten Kollegen ging. Da kritischen oder oppositionellen Auffassungen der Weg in die DDR-Medien versperrt war und die Kontaktaufnahme zu westlichen Medien sanktioniert wurde, nutzten einige die Möglichkeit, in direkten Kontakt mit den Mächtigen zu treten. Das zog normalerweise keine Nachteile nach sich, blieb aber von begrenzter Wirkung oder verfehlte sie sogar. Paradebeispiel für den Versuch einer solidarischen Aktion ist das Zusammenwirken von Anna Seghers, Walter Janka und Kulturminister Johannes R. Becher, um den Philosophen Georg Lukács während des Aufstandes in Ungarn durch Entführung in die DDR zu retten.

Sonia Combe gliedert ihre Darstellung nach den Generationen, die das intellektuelle Leben der DDR bestimmten und deren Abwägen zwischen »Eigensinn« und »Staatsraison« nicht konstant-homogen blieb. Die aus westlichem Exil zurückgekehrten Literaten und Wissenschaftler hatten nach dem von Moskau initiierten Bruch mit Titos Jugoslawien und den Schauprozessen gegen Rudolf Slánský in Prag und László Rajk in Budapest selbst mit Repressionen zu rechnen. Heiner Müller, Christa Wolf und Werner Mittenzwei rechnet Sonia Combe zur »Zwischengeneration«, die von den Remigranten lernte und sowohl deren antifaschistischen Grundkonsens als auch deren »Loyalität« gegenüber dem »ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden« übernahmen. Kritischer standen jüngere Intellektuelle, oft Kinder der Remigranten, dem Realsozialismus gegenüber, darunter Volker Braun, Ulrich Plenzdorf, die Geschwister Brasch und Herzberg, Regina Scheer, Daniela Dahn.

Ein beträchtlicher Teil der Intellektuellen, aber auch der Staatskader in der DDR, waren jüdischer Herkunft. Sonia Combe erklärt das aus der Emanzipationsgeschichte, die sie vor 1933 in linken Organisationen erlebt hatten. Bei ihrem Anschluss an die Kommunisten kann eine säkularisierte messianische Hoffnung mitgespielt haben. Die Autorin widerlegt die Behauptung, dass es in der DDR keine Auseinandersetzung mit der Shoah gegeben hätte. Realiter sei sie in der Literatur sehr früh und häufig behandelt worden. Dagegen hätte sich die Geschichtswissenschaft des Themas erst relativ spät angenommen. Doch diese Feststellung, so Sonia Combe, treffe ebenso auf die Bundesrepublik und Frankreich zu.

Sonia Combe: La Loyauté à tout prix. Les Floués du Socialismus réel (Loyalität um jeden Preis). Edition Bord de L’Eau, 238 S., br., 22 €.

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