Coronakrise verschärft Ungleichheit in Frankreich

Oxfam und andere Hilfsorganisationen sehen wachsende Gefahren, je schlechter die Bürger wirtschaftlich gestellt sind

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Epidemie des neuartigen Coronavirus trifft alle Franzosen, aber überdurchschnittlich hart die Ärmsten und sozial Schwächsten in der Bevölkerung. Das gilt sowohl für ihre gesundheitliche Situation und Betreuung als auch für ihre wirtschaftliche Lage. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die Oxfam France und andere Nichtregierungsorganisationen bei Wissenschaftlern in Auftrag gegeben haben und die jetzt vorgelegt wurde. Demnach habe das Virus die bestehenden Ungerechtigkeiten schlaglichtartig deutlich gemacht. Und es sei sehr wahrscheinlich, dass sich diese weiter zuspitzen.

Zu Beginn der Epidemie war man davon ausgegangen, dass besonders ältere Franzosen durch das Virus hochgradig gefährdet sind. Doch tatsächlich wächst die Gefahr in dem Maße, wie die Menschen - egal welchen Alters - wirtschaftlich schlechter gestellt sind. »Franzosen in bescheidenen Verhältnissen und damit meist in schlechterer gesundheitlicher Verfassung als der Bevölkerungsdurchschnitt, sind deutlich stärker der Gefahr ausgesetzt sich mit dem Virus zu infizieren und ernstlich zu erkranken als Besserverdienende«, betont der Epidemiologe Lucas Chancel, einer der Verfasser der Studie. So sei ein Arbeiter etwa in demselben Maße der Gefahr ausgesetzt, schwer zu erkranken und sogar zu sterben, wie ein »Durchschnittsfranzose« mit einer ernsten Herzkreislauferkrankung.

Auch wenn im Prinzip alle Bürger, auch die ärmsten Franzosen sowie Geflüchtete, gesetzlich gesicherten Zugang zu medizinischer Betreuung und Behandlung haben, so ist doch deren Qualität sehr von den Mitteln abhängig, die der Einzelne über den Minimalstandard hinaus in seine Gesundheit »investieren« kann, wird in der Studie festgestellt. Die wirtschaftlich und sozial schwächeren Franzosen und Geflüchtete leben zumeist beengt in Sozialwohnungen, wo gewöhnlich schon Hygieneregeln und Gesundheitsvorsorge und jetzt auch die Vorbeugungsmaßnahmen gegen Covid-19 schwer einzuhalten sind. Besonders dramatisch ist die Lage der schätzungsweise 160 000 Obdachlosen in Frankreich, die schon vorher unter extrem schlechten Hygienebedingungen lebten, oft nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und sich während des Shutdown während der Coronakrise immer schwerer ernähren konnten, weil die Restaurants geschlossen waren, wo sie sonst spätabends übrig gebliebene Lebensmittel bekamen.

Haushalte mit bisher schon geringem Einkommen sind durch die coronabedingte Schließung von Betrieben und durch Kurzarbeit weit stärker betroffen als der Bevölkerungsdurchschnitt. »Für Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die jetzt durch die Krise ganz wegbrechen, kann es schnell kritisch werden«, heißt es in der Studie. Zum stark verringerten Einkommen kamen ein durch das wochenlange Ausgehverbot angestiegener Energieverbrauch und auch höhere Kosten für Ernährung, weil das preiswertere Kantinenessen in den Schulen und Unternehmen fehlte.

Ferner wird in der Studie nachgewiesen, dass Berufsgruppen, deren Angehörige während der Coronakrise besonders gefordert und gefährdet waren, dabei aber meist großes Engagement zeigten, wie Krankenschwestern, Müllfahrer oder Supermarktkassiererinnen, weit weniger verdienen als der Bevölkerungsdurchschnitt. So beträgt das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Frankreich 3021 Euro, während Krankenschwestern 2752 Euro verdienen, Busfahrer 2636 Euro, Müllfahrer 2372 Euro, Briefträger 2110 Euro und Kassiererinnen gar nur 2034 Euro.

Oxfam und andere Hilfsorganisationen wie Secours catholique, Emmaus, Fondation Abbé Pierre und ATD Quart Monde sowie Frankreichs größte Gewerkschaft CFDT fordern für die Dauer der Epidemie, dass die Regierung den sozial besonders schwachen Mitbürgern einen monatlichen Solidaritätszuschuss von 250 Euro zahlt. Im Gegenzug müsse gewährleistet sein, dass Großunternehmen keine Dividende an ihre Aktionäre ausschütten und Spitzenmanager zu ihren Gehältern nicht noch Prämien bekommen.

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