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Soziale Verkehrswende

Fridays for Future will Tarifverhandlungen im Nahverkehr unterstützen

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.

Schichtarbeit, Überstunden, Stress - im Öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) haben sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen 20 Jahren massiv verschlechtert. Als der ÖPNV für den Europäischen Wettbewerb geöffnet wurde, folgten Privatisierungen und damit schlechtere Arbeitsbedingungen. Zudem finden die Unternehmen schlicht keine Leute, die Arbeit wird also auf weniger Schultern verteilt. »Nach 20 Jahren Sparprogramm fehlen heute am Jahr 2000 gemessen 15 000 Beschäftigte, obwohl im selben Zeitraum die Anzahl der Fahrgäste um 24 Prozent anstieg«, heißt es bei Verdi. Bis 2030 benötige der ÖPNV gar 100 000 neue Beschäftigte. »Wenn die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden, wird das Interesse, sich zu bewerben, gering und das dringend benötigte Personal nicht zu finden sein«, erklärte die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle bei der Vorstellung der Tarifforderungen am Mittwoch in Berlin. Laut Angaben der Gewerkschaft würden 77 Prozent der Beschäftigten gerne weniger arbeiten, 71 Prozent arbeiten regelmäßig drei Stunden länger als vereinbart.

Damit soll jetzt Schluss sein. »Die Coronakrise hat deutlich gemacht, dass die Beschäftigten im öffentlichen Personennahverkehr zu den Unverzichtbaren gehören. Wegen der Krise wurde die Tarifrunde unterbrochen, jetzt muss sie aber wieder ins Rollen gebracht werden«, so Behle. Es gäbe kein Interesse daran, von den ursprünglichen Forderungen abzuweichen. Zum 30. Juni hat die Gewerkschaft alle 16 Flächentarifverträge in den Ländern gekündigt und die Arbeitgeber ab Mitte August zu Verhandlungen für über 87 000 Beschäftigte in 130 ÖPNV-Unternehmen aufgefordert.

Ihr Ziel: Entlastung. Die ist dringend notwendig, sagt Michael Schneider, Betriebsratsvorsitzender des Dortmunder Verkehrsbetriebes DSW21. Er habe sich schwer getan, ausgerechnet in Zeiten von Corona Tarifauseinandersetzungen einzufordern, sagt der Busfahrer, weiß aber aus 31 Jahren Berufserfahrung: »Der Druck ist einfach zu hoch.« Immer Schichtdienst, höchstens 15 freie Sonntage im Jahr, 14-Stunden-Tage im Fahrdienst, bei dem es immer wieder zu Unterbrechungen kommt,was aber nicht erlaubt, nach Hause zu fahren. Einige Kolleginnen und Kollegen hätten so viele Überstunden angesammelt, berichtet Schneider, dass es fast unmöglich sei, diese abzubummeln.

Verdi plant nun, in allen Bundesländern mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden neue Tarifverträge auszuhandeln. Hier sollen die Löhne verhandelt werden. Darüber hinaus sollen Rahmenbedingungen in einem bundesweit einheitlichen Tarifvertrag festgelegt werden. Neben der geforderten Entlastung soll in den Bereichen, in denen Belastungen unvermeidlich sind, etwa beim Schichtdienst, die Bezahlung besser werden. Gleichzeitig sollen elementare Standards wie Urlaubstage oder Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld bundesweit vereinheitlicht werden. Aktuell schwanke die Zahl der Urlaubstage zwischen 26 und 30 pro Jahr. Auch die Wochenarbeitszeit ist unterschiedlich, ebenso das Einstiegsgehalt. Das liegt laut Gewerkschaftsangaben für Bus- und Bahnfahrer*innen in Brandenburg bei 2166,90 Euro, in Hessen bei 2295,25 und in Nordrhein-Westfalen bei 2418,91 Euro.

Unterstützung bekommen die Beschäftigten nun aus der Klimabewegung. Fridays for Future kündigte am Mittwoch an, zukünftig die Tarifverhandlungen mit Aktionen zu begleiten. »Wir streiten gemeinsam für eine dringend nötige klimagerechte Verkehrswende und gute Arbeitsbedingungen in den Jobs der Zukunft«, sagte Helena Marschall von Fridays for Future. Beides hänge eng zusammen, so die Sprecherin, wichtig sei es, die soziale Sicherheit und den Kampf gegen die Folgend es Klimawandels zu verzahnen. Und klar sei auch: Die Klimabewegungen müssten mehr Menschen für ihre Sache begeistern, auch deshalb arbeite man mit Verdi zusammen. Im Verkehrssektor seien in den letzten Jahren die CO2-Emissionen weiter gestiegen, die Zahlen der Autos auf deutschen Straßen wachse stetig. »Wir fordern die Bundesregierung auf, dass endlich gehandelt wird und die Weichen gestellt werden für mehr klimafreundlichen ÖPNV, Fahrrad- und Fußverkehr auf unseren Straßen statt Autos«, erklärte Marschall. Auch Behle sieht gemeinsame Interessen: »Für Klimaschutz und eine echte Verkehrswende wird ein starker ÖPNV benötigt, dazu gehören auch gute Arbeitsbedingungen.«

Am Freitag sind erste Aktionen und Demonstrationen in zehn Städten geplant - darunter Hannover, Bochum, Leipzig und Berlin. Zudem gebe es bereits rund 30 lokale Bündnisse, um vor Ort Unterstützung für einen möglichen Streik der Busfahrer*innen zu organisieren und gleichzeitig die Forderung nach einer Verkehrswende auf die Straße zu bringen.

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