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Akademie des Strukturwandels

In Raddusch im Spreewald wird für die Zeit nach der Braunkohle geplant

  • Von Ida Petrat, Raddusch
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Strukturwandel ist für Regionen mit Braunkohletagebauen wie die um Cottbus eine große Herausforderung.
Der Strukturwandel ist für Regionen mit Braunkohletagebauen wie die um Cottbus eine große Herausforderung.

Früher holten die Menschen in der Radduscher Dorfstraße 18 ihre Post ab, kauften im sogenannten Kolonialwarenladen ein oder vergnügten sich im Gasthof Pösch. Noch bis in die 1990er Jahre hinein wurden Hochzeiten und andere Feste im stuckverzierten Tanzsaal mit Bühne gefeiert. Das Gebäude in Raddusch (Oberspreewald-Lausitz) hat in über 100 Jahren viel erlebt. Bis es nach der Wende zum Schandfleck verkam, wie Sebastian Zoepp erklärt. Bei einer Restaurierung wurde historische Bausubstanz zerstört, unter anderem wurde Stuck abgeschlagen. Danach stand das Haus lange leer, die Fassade bröckelte ab. Zoepp ist Geschäftsführer der Spreeakademie, die heute hier ihr Domizil hat.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Erst 2014 interessierten sich drei Privatpersonen für das Gebäude, fanden jedoch nur mit Mühe eine Bank, die ihnen einen Kredit für den Kauf und die Sanierung gewährte. Mittlerweile wurde das Vorderhaus für einen sechsstelligen Betrag saniert. Diesmal blieben die noch übrigen historischen Elemente wie die Deckenfarbe erhalten. Die Spreeakademie verfügt nun über moderne Büros und Toiletten. Doch um auch den alten Tanzsaal für Veranstaltungen einsatzbereit zu machen, wäre noch mal ein sechsstelliger Betrag notwendig. Es ist die Frage, ob sich das rentiert. Deshalb zögern die Eigentümer noch, erläutert Zoepp. Er ist im Spreewald aufgewachsen, hat im niedersächsischen Hannover und im englischen Bristol Landschafts- und Freiraumplanung studiert und erste berufliche Erfahrungen in der Verwaltung des Biosphärenreservats Spreewald gesammelt.

Unter dem Dach der Spreeakademie werden Bildungs- und Beratungsangebote entwickelt und umgesetzt. Die Stichworte dabei lauten: zukunftsfähige Energieversorgung, Erhalt der biologischen Vielfalt, Nachnutzung der Bergbaufolgelandschaften und nachhaltiger Tourismus. Es geht nicht zuletzt um Perspektiven für die Zeit nach dem Braunkohleausstieg, der in der Lausitz spätestens 2038 und vielleicht schon einige Jahre früher kommen soll. In bescheidenem Umfang trägt die Spreeakademie jetzt schon dazu bei, neue Jobs zu schaffen. Zoepp wollte eine Projektleiterin einstellen und hat 70 Bewerbungen erhalten, unter anderem aus Simbabwe und Spanien. Zwischen zwei Bewerberinnen konnte er sich am Ende nicht entscheiden und hat beide eingestellt. »Zukunftsorientierte Arbeitsplätze, die sich mit Strukturwandel und Nachhaltigkeit auseinandersetzen, ziehen qualifizierte Leute an«, freut er sich.

Zu den vielfältigen Projekten der Akademie gehört eine gemeinsam mit dem Sportverein organisierte Bauernolympiade. Dabei haben sich Dorfbewohner etwa im Erbsenzählen, Heuballrollen und Kartoffelwerfen gemessen. Für einen Schubkarren-Parcour wurde regionales Kulturerbe spielerisch verpackt: Einst schoben die Dorfbewohner einen Frosch auf einer Karre um die Wette. Sobald die Amphibie heruntersprang, hatte der Teilnehmer verloren. In der modernen Version setzt sich eine Person in eine Schubkarre und dirigiert denjenigen, der mit verbundenen Augen die Schubkarre lenkt. Bei einer solchen Bauernolympiade wollte der Landtagsabgeordnete Benjamin Raschke (Grüne) für 15 Minuten vorbeischauen. Doch er wurde gleich einbezogen und ist zwei Stunden geblieben, solchen Spaß hat ihm das gemacht, versichert der Politiker.

Bei einem weiteren Projekt geht es darum, 750 Obstbäume in und um Raddusch zu pflanzen. Zwei Streuobstwiesen sind bereits entstanden. Ein Rentner und ein Hausmeister kümmern sich nun um diese Wiesen, gießen die Bäume, erhalten dafür eine geringe Aufwandsentschädigung.

Die Spreeakademie orientiert sich nach Angaben von Zoepp an der von Großbritannien ausgegangenen Transition-Town-Bewegung entwickelt. Transition Town bedeutet so viel wie »Stadt im Wandel«. Die Bewegung ist vor allem in westlichen Industrieländern verbreitet. Städte und Gemeinden sollen sich auf das kommende Zeitalter einstellen, in dem nicht mehr auf fossile Brennstoffe zurückgegriffen wird. Vor zwei Jahren plante Zoepp das erste Projekt in Raddusch, das dieser Idee folgte. Vorbeikommende Radtourist*innen dürfen Obst und Gemüse von einem Hochbeet naschen und können mit Solarenergie ihr Handy aufladen. Die Dorfbewohner wünschten sich noch eine Bank dazu.

Solche Projekte finanzieren sich vor allem über öffentlich Fördermittel, teils auch durch Spenden. Das gestaltet sich meistens ziemlich kompliziert. Zoepp versteht nicht, warum bestimmte Fördermittel nur unter der Bedingung ausgereicht werden, dass die Empfänger 50 000 Euro vorfinanzieren, was für gemeinnützige Vereine in der Regel nicht machbar sei. Zoepp selbst hat in einem solchen Fall zinslose Darlehn von Dorfbewohnern aufgetrieben und einen Teil des Geldes aus eigener Tasche vorgestreckt. Viel unbezahlte Arbeitszeit muss er investieren, um beispielsweise Anträge auf Fördermittel so umzuschreiben, dass sie zum jeweiligen Förderprogramm passen - oder eben auch, um hilfsbereiten Dorfbewohnern Verträge für ihre zinslosen Darlehen auszustellen. Zeit, die besser in den Projekten investiert wäre. Der Abgeordnete Raschke zeigt Verständnis und verspricht, die Problematik bei der rot-schwarz-grünen Landesregierung anzusprechen. Die Bemühungen der Dorfgemeinschaft hält er für sehr wertvoll. Eine engagierte Zivilgesellschaft kann nur hilfreich sein, gerade in Südbrandenburg, wo die AfD in vielen Städte und Gemeinden zur stärksten Kraft in den Kommunalparlamenten aufgestiegen ist.

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