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Die präsidiale Spambombe

Wie mir Donald Trump mit dreisten Spendenaufrufen jede Nacht den Schlaf raubt.

Von Oliver Kern

MUM12 - Die präsidiale Spambombe

Freund,

Wir haben gerade festgestellt, dass Dein Name in unserer Spenderliste fehlt. Da Du in der Vergangenheit ein so treuer Unterstützer warst, wurdest Du als einer der wenigen Patrioten ausgewählt, für die der Präsident die Frist verlängern will.

PERSÖNLICHE VERLÄNGERUNG

500%-AUFSTOCKUNG

NEUE FRIST: 1 STUNDE

Präsident Trump braucht Dich wirklich. Dieses Angebot ist nur 1 STUNDE verfügbar. Du musst schnell handeln. Spende in der NÄCHSTEN STUNDE und der Betrag wird automatisch um 500 Prozent erhöht. (Es folgen große rote Buttons zum Klicken):

$ 20 = $ 120

$ 15 = $ 90

$ 10 = $ 60

$ 5 = $ 30

Wir werden die Liste der Spender HEUTE ABEND mit Präsident Trump überprüfen und er wird Deinen Namen suchen.

SPENDE JETZT.

Danke, das Trump-Finanz-Team

Ich erhielt diese Mail am 1. Juli. Es war der Beginn eines nicht enden wollenden Spam-Wahnsinns. Um zu verstehen, wie ich in diesen Schlamassel geraten bin, muss man eines wissen: Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2016 bereiste ich für »neues deutschland« die USA. Auch eine Rede von Donald Trump wollte ich mir anhören. Also besorgte ich mir eine Presseakkreditierung. Seitdem haben Trump und sein Gefolge meine Mail-Adresse, und ich erhielt regelmäßig ein paar Nachrichten. Immerhin blieb ich so auf dem Laufenden, was Trump so mit seinen Anhängern bespricht. Doch am 1. Juli änderte sich alles. Seitdem bekomme ich bis zu zehn Mails täglch. Wirklich jeden Tag! Nicht nur vom Wahlkampfteam. Hier ist eine von Vizepräsident Mike Pence am selben Abend:

Freund,

Um Dir zu zeigen, wie viel Patrioten wie DU mir bedeuten, mache ich etwas, das ich noch nie zuvor getan habe. Ich veranstalte eine sehr wichtige Veranstaltung und möchte, dass DU mein besonderer Gast bist.

Du musst nur bis HEUTE, 23:59 Uhr spenden und wirst automatisch eingetragen, um eine Reise zu gewinnen und mit mir zu essen. SPENDE bis 23:59 Uhr HEUTE.

Es folgen erneut rote Spendenbuttons sowie die Versicherung, dass der Vizepräsident mich »wirklich treffen will«. Im Fall eines Gewinns übernehme man Kosten für Flug, Hotel und Essen, und ich darf sogar einen Gast meiner Wahl mitbringen. Ein gemeinsames Foto mit Pence wird auch geschossen.

Man muss weit runterscrollen, um das Kleingedruckte zu finden. Darin steht aber Erstaunliches: »Für die Teilnahme oder den Gewinn ist keine Zahlung erforderlich.« Es ist offenbar nicht ganz legal, Treffen mit dem Vizepräsidenten zu verkaufen. Dabei las sich das etwas weiter oben noch ganz anders.

Die Alternative, sich fürs Gewinnspiel einfach nur mit einer SMS anzumelden, ist jedoch fast noch gemeiner. Denn dazu ist - ebenfalls sehr klein gedruckt - zu lesen, dass ich damit meine »Zustimmung zum Empfang von Anrufen und SMS, einschließlich automatisierter Anrufe von Trumps Wahlkampf-Komitee und der gesamten Republikanischen Partei« erteile. Ich verzichte doch lieber.

Wahlkampf in den USA, das bedeutet vor allem das Verbrennen riesiger Geldberge. 2016 gaben Hillary Clinton, Donald Trump, sowie die Kandidaten für den Kongress und deren Unterstützer nach offiziellen Angaben 8,8 Milliarden US-Dollar (7,7 Milliarden Euro) für Wahlwerbung aus. So viel Geld holt selbst Trump nicht aus der eigenen Tasche. Es muss also erst einmal eingesammelt werden. Waren es früher eher Großspender, die mit ihren »Hilfen« versuchten, die Politik zu beeinflussen, sind es seit Barack Obama zunehmend viele kleine Einzelspender, die für volle Kassen bei den Kandidaten sorgen.

»Viel Geld hilft viel«, war jahrzehntelang die vorherrschende Meinung, da TV-Wahlwerbung teuer war und als alternativlos galt. Trump selbst hat das vor vier Jahren widerlegt: »Trump besiegte Clinton, obwohl er nur halb so viel Geld eingesammelt hatte«, titelte das Magazin »Politico« nach der Wahl. Ausgerechnet der Präsident scheint die Lektion daraus aber nicht gelernt zu haben, denn als er im zweiten Quartal nicht nur in Umfragen, sondern erstmals auch beim Spendensammeln hinter Kontrahent Joe Biden zurückfiel, hat er die Schnur an der Spambombe angezündet, die nun die Mailfächer aller Anhänger - und meins - explodieren lässt. Alles fußt auf dreisten Techniken einer Drückerkolonne: Immer habe ich nur wenig Zeit. Ich werde erst gelobt, weil ich ein toller Unterstützer war. Danach folgt das Schuldgefühl, weil ich noch nicht genug getan hätte.

Noch ein Beispiel: Drei Stunden nach der letzten Mail - es ist immer noch der 1. Juli - nimmt der Präsident Kontakt auf, während über der Mail ein bedrohlicher einstündiger Countdown startet:

Freund,

Wow. Unsere Bewegung hat in den letzten Tagen 18 MILLIONEN Dollar eingesammelt. Patrioten aus dem ganzen Land haben sich gemeldet, als es darauf ankam, aber ich wurde darüber informiert, dass DU keiner von ihnen warst. Warum? Ich dachte, ich könnte mich darauf verlassen, dass Du uns im November zum Sieg führst. Der Wahltag ist nur noch 4 Monate entfernt. Daher habe ich mich entschlossen, Dir noch EINE CHANCE zu geben, indem ich Dein PERSÖNLICHES 500%-AUFSTOCKUNGS-ANGEBOT VERLÄNGERE.

Es folgen dieselben roten Buttons und wieder das Versprechen (oder ist es eine Drohung?), dass der US-Präsident am Abend meinen Namen auf der Spenderliste suchen wird. Er hat ja sonst nichts zu tun. »Lass mich nicht im Stich!«, fleht er noch.

Es dauert keine 24 Stunden, da habe ich Post von Trumps Sohn Eric im Mailfach. Offenbar bin ich auch sein »Freund«. »Wir brauchen dich jetzt«, schreibt er. Joe Biden wolle Amerika zu einer sozialistischen Nation machen. Und ich soll das offenbar verhindern, indem ich endlich spende. Eric habe seinen Vater überzeugt, mir mein schon zweimal abgelaufenes Angebot noch einmal zu unterbreiten. »Wir werden es nicht noch einmal verlängern«, lügt er. Innerhalb der nächsten Tage werden auch Newt Gingrich, ehemaliger republikanischer Vorsitzender im Repräsentantenhaus, noch zweimal Eric Trump sowie dessen Bruder Don Jr. den Präsidenten überzeugen, mir immer wieder mehr Zeit zu geben. Aber stets habe ich »NUR 1 STUNDE«. Und der Countdown fehlt auch nie.

Aufgrund der Zeitverschiebung pingt mein Handy mehrfach in der Nacht. Ich wache jedes Mal auf, lese die Mails dann aber erst am Morgen. Egal, wann ein Spendenaufruf eintrifft, der Countdown startet erst, wenn ich ihn öffne. Und so wie diese Aktion wird auch jede andere zig mal ausgeschlachtet.

Am 3. Juli wird etwas Neues ausprobiert. Nachts um 1:35 erhalte ich eine Einladung samt frischem Schuldgefühl:

Freund,

Du hast noch nicht zu unserer Bewegung beigetragen. Überzeug Dich selbst:

OFFIZIELLE AKTE

Unterstützer: O. Kern

Spenden für die Kampagnen 2020: 0 USD

Gesamtspenden: $ 0

Deshalb mache ich Dir ein einmaliges Angebot. Wenn Du deine ERSTE Spende überweist, wirst du Mitglied im Trump VIP-Club. Dein persönliches Trump-VIP-Club-Angebot ist nur bis 23:59 Uhr verfügbar. Möglicherweise bekommst Du nie wieder die Chance.

Donald Trump, Präsident der USA

VIP-Club! Wow! Der bietet viel: Man würde als erster Umfragen zur Kampagnenstrategie erhalten sowie Zugriff auf neue Trump-Devotionalien und E-Mails von wichtigen Leuten wie Eric Trump, Donald Jr. und dem Vizepräsidenten bekommen. Da man das alles längst schon genießt, wenn man in diesem Mailverteiler steckt, muss man sich spätestens jetzt verarscht fühlen. Jedoch ist zu befürchten, dass es viele Trump-Fans gibt, die auf so etwas hereinfallen, fünf Dollar spenden und wirklich denken, jetzt ein Trump-VIP zu sein. Allein im Juni, noch bevor dieser Spam-Wahnsinn so richtig losging, hatten der Präsident und seine Partei bereits mehr als 130 Millionen Dollar eingesammelt.

In den vergangenen 24 Tagen erhielt ich mehr als 180 Mails von Trumps Wahlkampfteam. Bei den Demokraten - die haben meine Adresse auch, weil ich mir Bernie Sanders mal live anschauen wollte) waren es etwas mehr als 100. Sie haben immerhin den Anstand, mir zu erklären, für welche politischen Inhalte ich spenden soll. Bei Trump dagegen ist Politisches äußerste Mangelware. Wie will das Land die Gesundheitskrise überwinden? Oder die Talfahrt der Wirtschaft stoppen? Was plant Trump für seine zweite Amtszeit? Nichts davon wird beantwortet.

Dafür glänzen die Digitalstrategen mit immer neuen Ideen, wie die Kuh noch mehr gemolken werden kann: Zuletzt konnte ich auch um ein Essen mit dem Präsidenten wettspielen. Ich erhalte ständig »spezielle« Angebote für verbilligte Hüte, Münzen und Fußabtreter. Meine Spenden würden nun sogar versechsfacht (von wem steht nie dabei). Es gibt Gold- und Platinkarten für die besten Spender (dafür reichen schon 25 Dollar). Ständig bin ich »auserwählt« oder ein »Gewinner«. Manches ist »total geheim« oder »nur für Dich!«, obwohl es sich eindeutig um Massenmails handelt. Ich bin natürlich immer einer der besten Unterstützer, obwohl ich noch nie einen Cent gespendet habe. Ich darf jetzt auch in den Top-100-Club oder kann Exekutiv-Mitglied werden. Wovon, weiß ich nicht, aber anscheinend würde ich »perfekt passen« für den Job. Zu blöd, dass ich für den nicht bezahlt werde, sondern selbst 35 Dollar berappen muss. Aber hey, das Angebot ist um zehn Dollar runtergesetzt!

Mit der Zeit wird die Sprache aggressiver: »Du lässt den Präsidenten im Stich«, heißt es, oder: »Du hast versagt!« Plötzlich gehöre ich nur noch zum letzten Prozent der Trump-Helfer. Aber kein Problem, denn zum Glück reichen schon 37 Dollar, um wieder an die Spitze zu kommen. Und dann, vor wenigen Tagen, kommt diese Mail von Donald Trump jr.:

Freund,

Ich hasse es, Dir sagen zu müssen, dass das Angebot für den VIP-Club zurückgezogen wurde. Du hast zahlreiche Einladungen vom Team Trump, inklusive meines Vaters, bekommen, sich dem BRANDNEUEN, prestigeträchtigen Club anzuschließen. Du hast sie alle ignoriert.

Über mein Gesicht zuckt ein kurzes Lächeln. Endlich: Ein Ende ist in Sicht.

Präsident Trump weiß aber, dass Du immer ein starker Unterstützer warst. Daher ist er einverstanden damit, dass ich das Angebot noch einmal REAKTIVIERE. Aber nur für EINEN TAG!

Mist. Höchste Zeit, den Newsletter endlich abzubestellen.

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