FARC

Gesicherter Neuanfang

Ehemalige FARC-Guerilleros sind in vielen Teilen Kolumbiens nicht sicher. Nun werden sie umgesiedelt. Bis zu einer erfolgreichen Reintegration der Ex-Kämpfer dauert es noch. Von David Graaff

Von David Graaff

Erika Tuberquia* packt ein. »Zieh noch etwas fester! Jetzt weiter oben! Halte die Spannung, ich mache einen Knoten«, befiehlt sie ihrer Nachbarin. Gebückt gehen beide Frauen um einen Kleiderschrank herum, um ihn in Plastikplanen, Kartoffelsäcke und Kartonfetzen zu hüllen und für den Transport fertigzumachen. Kräftig zurrt Tuberquia, das Knie gegen das Möbelstück gestemmt und auffällig auf einem Kaugummi kauend, an der Schnur. »Das Ding hat mich einiges gekostet, das lasse ich doch nicht hier.« Um sie herum steht bereits der Rest ihres Hausrats. Ein paar Plastikstühle, ein Tisch, das Bett, der Kühlschrank. »Ich kann es kaum erwarten, hier wegzukommen«, sagt sie und blickt abschätzig auf die kleine Siedlung, die sich unterhalb ihrer Terrasse am Rande eines rauschenden Gebirgsbaches ins malerisch grüne Tal schmiegt. »Endlich ist es vorbei mit der Angst.«

Tuberquia, Mitte 40, ist ehemalige Kämpferin der FARC-Guerilla, der Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens. Sie lebt in einer der landesweit 24 sogenannten Fortbildungs- und Reintegrationszonen. Hier im Weiler Santa Lucia in der Gemeinde Ituango im Nordwesten von Kolumbien übergaben Tuberquia und 238 ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter nach dem Friedensabkommen von Havanna 2017 den Vereinten Nationen ihre Waffen. Hier sollten sie ihr Leben als Kämpfer hinter sich lassen und in ein bürgerliches Leben starten. Sie wollten hier heimisch werden, Familien gründen, mit kollektiven Produktivprojekten ihren Lebensunterhalt verdienen. Disarmament, Demobilization, Reintegration - kurz DDR - heißt das im Fachjargon: Entwaffnung, Demobilisierung, Reintegration. Doch zumindest aus dem letzten Schritt, der Reintegration, wird nichts. Nicht hier. Am nächsten Morgen werden 15 Lkw und drei Reisebusse kommen, um sie an einen anderen, sichereren Ort zu bringen. Die Regierung hat dafür ein Stück Land gemietet. Es liegt 451 Kilometer und 18 Busstunden entfernt.

Schon jetzt wirkt die Siedlung verlassen. Die Mehrheit der einstigen Bewohner ist geflohen. In vielen der Häuser aus dünnen Gipskartonwänden und Zinkdächern, die sie mit staatlichen Geldern in aller Eile und viel Arbeitseinsatz aus dem Boden gestampft haben, wohnt niemand mehr. Die großen Räume, die als Klassenzimmer dienten und ihrem Nachwuchs als Kindergarten, stehen leer. In einer Ecke vergammeln kistenweise alte politische Broschüren. Die bunten Konterfeis und klugen Sprüche der einstigen FARC-Helden wirken so verblasst wie der Friedensenthusiasmus, mit denen die Guerilleros sie beim Einzug einst auf die grauen Wände malten.

Das Schicksal der Gemeinschaft von Ituango ist zum Sinnbild für den wackligen Frieden in Kolumbien geworden. 218 ehemalige FARC-Kämpfer und mehrere Familienangehörige sind seit dem Abschluss des Friedensabkommens gewaltsam ums Leben gekommen. Allein 19 davon in Ituango. Die meisten von ihnen trafen ihre Mörder auf der 15 Kilometer langen Buckelpiste, die sich die Schlucht entlangschlängelt und die Siedlung mit dem Dorf und der Überlandstraße nach Medellín, der nächstgelegenen Großstadt, verbindet.

In den vergangenen Monaten wurden die Morde immer häufiger. »Vor ein paar Wochen haben Bewaffnete den Bus gestoppt, der einmal täglich die Strecke zurücklegt, und töteten den Sohn einer Ex-Guerillera und die beiden Busfahrer«, erzählt Tuberquia in verächtlichem Tonfall. Das haben auch die 200 Soldaten nicht verhindern können, die wenige Kilometer entfernt zum Schutz der Ex-Kämpfer stationiert waren. Oder wollten sie es nicht verhindern? Die Ineffektivität der Sicherheitskräfte können sich viele hier nicht erklären. Das verstärkt die Skepsis gegenüber Regierung und Staat. Mittlerweile ist das Militärbataillon bis auf wenige Meter an die Siedlung herangerückt und Soldaten patrouillieren durch die Siedlung.

»Wer diese Schlucht kontrolliert, kontrolliert die ganze Region. Und unsere Siedlung stört sie dabei«, sagt Cristian Guevara, ehemaliger Kommandeur der 18. Guerillafront, die hier operierte. Heute sitzt er für die FARC in dem Gremium, das gemeinsam mit der Regierung die Reintegration der ehemaligen Kämpfer koordiniert. Zwei Leibwächter, selbst ehemalige Guerilleros, lassen ihn nicht aus den Augen, während er an einem Kaffee nippt. »Sie wollen, dass wir von hier verschwinden - und die Polizei und das Militär gleich mit.« »Sie«, damit meint der 34-Jährige die bewaffneten Gruppen, die um die Vorherrschaft in der abgelegenen Region um den Nationalpark Nudo de Paramillo kämpfen. Die Gegend ist von strategischer Bedeutung, weil sie ein Gebiet für illegalen Bergbau, Kokaanbau und Kokainlabore mit der Küstenregion Urabá verbindet, von wo aus nicht nur Bananen, sondern auch Kokain für den Weltmarkt exportiert wird. Laut Konfliktforschern investieren selbst mexikanische Kartelle in die Drogenbanden vor Ort, die den Paramilitärs der Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) und einer kleinen Gruppe von FARC-Dissidenten gegenüberstehen. Lokale Basisorganisationen berichten, die Paramilitärs der AGC versuchten derzeit mit einer Tausend Mann starken Armee, die Gegend vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Das erklärt, warum nach Angaben des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten dieses Jahr bereits 2500 Menschen vertrieben wurden.

Über seine ehemaligen Guerilla-Kameraden, die sich auf den Weg zurück in die Berge gemacht haben und deren Handeln auch dazu beiträgt, dass sie nun aufgrund der Gewalt zu Vertriebenen, zu Flüchtlingen werden, verliert Guevara kein gutes Wort. »Nicht gut überlegt«, sei es gewesen, den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen, sagt er knapp, aber bestimmt und setzt einen festen Blick auf, der seine Selbstsicherheit betonen soll. Er kennt viele von ihnen persönlich. Sein Schwager, der sich desillusioniert den Dissidenten anschloss, wurde im März bei Kämpfen mit den Militärs getötet. »Die Leute hier in Ituango wollen Frieden. Im Plebiszit, bei dem über das ausgehandelte Friedensabkommen abgestimmt wurde, hat eine Mehrheit mit ›Ja‹ votiert«, argumentiert er.

»Wir haben uns als Organisation kollektiv für den Frieden entschieden. Der Frieden ist der richtige Weg.« Daran zweifeln immer mehr, auch innerhalb der eigenen Reihen. Bis in obere Parteiebenen hinein wird der Friedensprozess als gescheitert betrachtet. Iván Márquez, der in Havanna das Verhandlungsteam der Guerilla führte, hat sich mit Vertrauten längst in den Untergrund abgesetzt, von wo aus sie das einst älteste und größte Rebellenprojekt des lateinamerikanischen Kontinents fortsetzen wollen. Die anhaltende Mordserie und die zögerliche Umsetzung des Abkommens durch die Rechtsregierung von Präsident Iván Duque zehren an der Organisation, die heute eine legale politische Partei ist. Sie hat sich, um das weltbekannte Akronym FARC beizubehalten, den umständlichen Namen Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes (Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común) gegeben. Es kommt zu Flügelkämpfen, Austritten und Parteiausschlüssen. Dem Parteivorsitzenden Rodrigo Londoño wird parteiintern vorgeworfen, mit der Regierung Duque angesichts der »systematischen Auslöschung«, von der die FARC spricht, zu zaghaft umzugehen.

Die politische Debatte ist für Vicky Quintero*, die mit ihrer Familie ganz am Ende der Demobilisierungszone lebt, weit weg. Sie erlebt den wackligen Frieden Kolumbiens Tag für Tag. Der Weg zu ihr führt vorbei an gelben Lilien, violetten Glockenblumen und zwei mächtigen Rottweiler-Hunden. Sie schlagen an, sobald sich jemand dem Haus nähert. Im Schuppen davor stehen zwei Häckselmaschinen, Schaufeln, Hacken und Futtersäcke. Sauber geschnittene Hölzer lehnen an einer der wenigen gemauerten Hauswände, die es in der Siedlung gibt. Zwei Männer greifen nach den herumlaufenden Hühnern und stopfen sie sanft, aber bestimmt in kleine Holzkästen, um sie abzutransportieren. »Wir haben sie unter Wert verkaufen müssen. Genauso wie die Kühe und die Ziegen, die wir hatten«, erzählt die 25-Jährige, während sie den Männern zuschaut. Ihr 14 Monate alter Sohn tapst um ihre Beine herum. »Einerseits fällt es schwer, das alles hier zurücklassen zu müssen. Wir haben viel Arbeit und Geld in das Haus investiert.« Doch dann erzählt sie, wie es ist, unter ständiger Angst zu leben. Wie es sich anfühlt, nicht zu wissen, ob derjenige, der ins Dorf fährt, auch wieder zurückkommt; oder man selbst das nächste Opfer ist. Seit im Dezember ein gleichaltriger »Kamerad« aus der Nachbarschaft getötet wurde, geht sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht mal mehr bis zum wenige Meter entfernten Fußballplatz, an dem sich die Bewohner abends versammeln. »Wir haben nie erfahren, wer ihn getötet hat und warum. Er hat mit niemandem Probleme gehabt, sondern wie alle hier seine Aufgabe im Friedensprozess erfüllt. Ich hoffe einfach darauf, dass wir an dem neuen Ort ein ruhiges Leben führen können und uns keine Sorgen um unsere Familie machen müssen«, sagt sie.

Es ist nicht nur wegen der Gewalt, warum viele hier froh sind, nach Mutatá umzuziehen. Für die landwirtschaftlichen Produktivprojekte, mit denen die größtenteils aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Ex-Kämpfer anschubfinanziert aus staatlichen und internationalen Hilfsgeldern ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, fehlt es in vielen Reintegrationszonen an Infrastruktur und geeigneten Ländereien. Auch in Ituango. Die Böden an den steilen Hängen der Schlucht sind schlecht und werden nur zeitweise verpachtet und nicht verkauft. Ein Projekt für Kaffeeanbau und eins für Milchkühe liefen nur schleppend. Deshalb habe die Regierung bereits seit Längerem die Verlegung der Zone vorgeschlagen, sagt Emilio Archila, der für die Umsetzung des Friedensvertrags zuständige Berater von Präsident Duque. »Doch die FARC wollte das lange nicht.« Auf die fehlende Sicherheit für die Ex-Guerillakämpfer angesprochen, verweist Archila auf Ermittlungsergebnisse der zuständigen Sonderstaatsanwaltschaft. Dieser zufolge werde ein Großteil der Ex-Kämpfer nicht getötet, weil sie Demobilisierte seien, sondern weil sie sich außerhalb der Demobilisierungszonen aufhielten und in Regionen lebten, in denen bewaffnete Gruppen um die Kontrolle »illegaler Ökonomien« kämpften. Cristian Guevara widerspricht. »Unser Standpunkt ist, dass die Regierung in jedem Winkel des Landes die Sicherheit seiner Bürger garantieren und ihr Gewaltmonopol durchsetzen muss.«

Mittlerweile ist es Abend geworden. Während am Fußballplatz nebenan gerade ein letztes Match gespielt wird, geht es in Rosa Torres’ Küche hoch her. Die beiden Teenagertöchter der Alleinerziehenden, die seit der Waffenübergabe wieder bei ihrer Mutter leben können, fläzen sich gemeinsam auf einem Plastikstuhl. Ihre drei jüngeren Geschwister spielen lautstark im Nebenraum. Tuberquia ist auf einen Schwatz vorbeigekommen. Wieder ist das Thema Nummer eins der bevorstehende Auszug und das Landstück, auf das sie ziehen werden. Von der »Entwurzelung« der Bewohner, von der die FARC-Partei angesichts der Verlegung später in den Medien sprechen wird, ist auch hier wenig zu spüren. Es überwiegt die Erleichterung und die Vorfreude auf ein besseres Leben. Und das, obwohl sie von dem Stück Land nicht mehr wissen, als dass es in einer wärmeren Gegend und neben einer anderen Siedlung ehemaliger FARC-Kameraden liegt, auf deren Unterstützung sie hoffen. »Dort ist das Klima so gut, dass du den Mais zweimal im Jahr ernten kannst«, sagt Rosa und lächelt unsicher. Es macht den Eindruck, als spräche sie von einem gelobten Land.

* Namen von der Redaktion geändert

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