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Die Demokratie und ihr Vogel

Das Werkbundarchiv spürt einem Nationalsymbol nach

Eine neue Ära macht sich immer gut in einem neuem Gewand: Ob Frisur, neuer Kleidungsstil oder eine renovierte Wohnung - Hauptsache das Leben zeigt sich frisch und befreit vom Mief der vergangenen Tage. So ähnlich verhielt es sich auch in der Weimarer Republik. Die junge Demokratie brauchte eine neue Ästhetik - oder zumindest eine, die sich von der alten unterschied. Sich vom altgedienten, Kraft symbolisierenden Adler zu trennen, der noch auf Karl den Großen zurückgehe, habe nicht zur Debatte gestanden, erzählt Maximilian Kloiber, Kurator der Ausstellung »Die Demokratie und ihre Adler. Konstruktion eines nationalen Erscheinungsbildes in der Weimarer Republik« im Werkbundarchiv - Museum der Dinge in Berlin-Kreuzberg. Der Vogel sollte bleiben. Aber nicht in diesem Zustand.

Der ästhetischen Erneuerungskur nahm sich der Kunsthistoriker und Werkbund-Akteur Edwin Redslob an, der von 1920 bis 1933 in der Weimarer Republik das Amt des Reichskunstwarts innehatte. Durch die Beschäftigung mit seinem Nachlass, der im Bundesarchiv in Berlin und im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg lagert, sei man auf die Idee zur Ausstellung gekommen, erzählt Kurator Kloiber. Ursprünglich habe man sich im Zuge des Jubiläums der Novemberrevolution mit Redslob beschäftigt - und dann festgestellt, dass sein Nachlass Anlass für eine tiefergehende Beschäftigung bietet.

Es finden sich dort Mappen mit verschiedensten Entwürfen für Wappen, Schilder, Geldscheine, Briefmarken sowie Urkunden und Siegel. Anhand dessen lassen sich politische und damit verbundene ästhetische Prozesse der jungen Demokratie nachzeichnen. »Die Grundidee war, dass der Staat nach der Revolution eine neue Gestalt bekommen sollte«, sagt Kloiber. Expressionismus und sachliche Moderne beeinflussten die Suche nach neuer nationaler Repräsentation. Einige Originalentwürfe sind in Schaukästen der Ausstellung zu finden, an den Wänden hängen Kopien. Als erstes fielen die monarchischen Symbole. Der kaiserliche Adler wird seiner Krone, seines Brustschilds und seiner Orden beraubt. Solcherart bewehrter Vogel hatte keinen guten Ruf mehr. Er prangte auf Geldscheinen, die während der Inflation in hoher Auflage und schlechter Qualität gedruckt wurden. Das trug ihm den Namen »Pleitegeier« ein.

Ihm gegenüber steht in der Ausstellung ein neuer, moderner Entwurf: ein Holzschnitt des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff, der Mitbegründer der Künstlergruppe die Brücke war. Doch der expressionistische Adler kam nicht überall gut an, erzählt Maximilian Kloiber. Gerade aus konservativ-reaktionären und antisemitischen Kreisen wurde die moderne Kunst als Zeichen des Werteverfalls angesehen.

Der Reichskunstwart schaffte es nicht, die Kritik am neuen Adler auszuräumen. Wie der Kurator berichtet, setzte er deshalb später auf eine öffentlich-moderierte Auseinandersetzung. Vom Reichsministerium des Innern wurde Edwin Redslob Anfang der 1920er-Jahre beauftragt, einen Wettbewerb für einen Adler für amtliche Zwecke auszuloben. Daraus hervor gingen drei Entwürfe von Rudolf Koch und Sigmund van Weech, die je nach Zweck immer wieder verändert wurden. An Kochs Adler fällt vor allem der imposante Bizeps auf. Bei weit herausgestreckter Zunge scheint er seine Fäuste zu ballen. Später, bei den Nationalsozialisten, seien die Muskeln dann noch größer geworden, erzählt Kloiber. Auch heute noch ist der Muskel-Adler aus der Weimarer Republik zu sehen: und zwar auf der Standarte des Bundespräsidenten.

Die Adler war nicht Thema im Parlament. Redslob, der sich als Moderator begriff, wollte die Öffentlichkeit einbeziehen, um die Identifikation mit der Demokratie zu stärken. Heute ist er unter anderem als Mitgründer des »Tagesspiegels« und als Mitinitiator der Gründung der Freien Universität Berlin bekannt. Eines seiner frühen Projekte war eine mobile Ausstellung mit Adler-Entwürfen, die an verschiedenen Orten in Deutschland zu Gast war. Ziel war, die Identifikation der Bevölkerung mit der parlamentarischen Demokratie zu stärken.

Politische und bürokratische Prozesse sind bis heute eng mit ästhetisch-künstlerischen verbunden. Die Metamorphose des Adlers geht weiter. Auch vom NS-Regime wurde er als Symbol genutzt. Dessen Schwingen stiegen ab 1935 immer weiter empor, weiß der Kurator. Der Adler der Nazis ist vielerorts immer noch im öffentlichen Raum zu sehen. Das Werkbundarchiv zeigt einige Beispiele, etwa an der Eingangstür des Finanzamts Berlin-Charlottenburg. Das Hakenkreuz unter den Klauen des Adlers werde durch die Hausnummer verdeckt, berichtet Kloiber.

Die Hakenkreuze wurden nach 1945 versteckt, aber der Adler blieb. Auch Theodor Heuss, erster Bundespräsident Deutschlands und Werkbündler, legte diesen Vogel als Staatswappen fest. Natürlich nicht irgendeinen. Gewählt wurde ein sachlicher Entwurf von Karl-Tobias Schwab, der Ende der 1920er-Jahre unter anderem als Wappen für Sportkleidung in Wettbewerben diente. Damit schlug die junge Bundesrepublik den symbolischen Bogen zur Weimarer Republik. Auch in der DDR habe es Pläne gegeben, den Vogel als Staatswappen zu verwenden, berichtet Kloiber. Die Bundesregierung wollte schneller sein. Und er ist immer noch da, der zur Seite blickende Vogel mit gespreizten Flügeln. Vom expressionistischen ersten Entwurf schritt die Versachlichung langsam fort - bis zum aktuellen Logo des Bundestages, das auch auf Fahrradklingeln und Tassen prangt.

Die Ausstellung zeigt, dass es sich bei der Entwicklung von Nationalsymbolen um teilweise chaotisch wirkende Prozesse handelt, in die verschiedene Akteur*innen, politische Strömungen sowie bürokratische und ästhetische Erwägungen einfließen. Das gilt nicht nur für den Adler, sondern auch für die deutsche Flagge. Interessant zu sehen ist, dass es auch für sie die unterschiedlichsten Ideen und Entwürfe gab. Die Ausstellung bietet ein Nebeneinander von Bildern und Symbolen - und fragt, wozu diese eigentlich dienen. Eine interessante Diskussion, in die die Besucher*innen einbezogen werden. Sie können abstimmen, ob Deutschland einen neuen Vogel braucht. Die meisten antworteten bisher mit »nein«, viele mit »ja«, den wenigsten ist es egal. Die gezeichneten Vorschläge, die Besucher*innen an einer Wand verewigen dürfen, geben Anregungen. Bei der nächsten Erneuerungskur könnte man vielleicht darüber nachdenken, auf Ente, Papagei oder Friedenstaube umzusteigen.

»Die Demokratie und ihre Adler. Konstruktion eines nationalen Erscheinungsbildes in der Weimarer Republik«, bis 20. Oktober, Werkbundarchiv - Museum der Dinge, Oranienstraße 25, Berlin; Do-Mo 12 - 19 Uhr, Di und Mi geschlossen, 6 €.

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