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Die Erntehelfer sind Söder egal

Bayerns Ministerpräsident geriert sich nach Corona-Ausbruch in Mamming als Krisenmanager

Der Landkreis Dingolfing-Landau ist tiefschwarz. Bei den letzten Landratswahlen im März erhielt die CSU knapp 70 Prozent. Doch dieser Tage ist der Landkreis, genauer gesagt das zu ihm gehörige Örtchen Mamming, wegen einer ganz anderen Sache bundesweit in den Schlagzeilen. In einem dort ansässigen Gemüsehof ist es zu einer Corona-Masseninfektion gekommen. 174 der 479 dort arbeitenden Erntehelfer aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine wurden bis zum Wochenende positiv auf den Erreger Covid-19 getestet. Der komplette Betrieb steht nun unter Quarantäne. Während die Beschäftigten im Hof eingezäunt und von Security-Personal bewacht werden, erhielt die Bevölkerung der niederbayerischen 3300-Seelen-Gemeinde ein Testzelt, in dem sie sich freiwillig auf Corona testen lassen kann.

Für Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder ist der Ausbruch ein willkommener Anlass, sich als Krisenmanager in Szene zu setzen, schließlich wird er derzeit als möglicher Kanzlerkandidat für die Union gehandelt. »Corona kommt schleichend zurück, aber mit aller Macht«, sagte Söder am Montag in München. Corona verzeihe keinen Leichtsinn. Laut dem CSU-Politiker ist die Masseninfektion im Großbauernhof »offenkundig« auf Verstöße gegen die geltenden Hygienebestimmungen zurückzuführen. Gleichzeitig kündigte er an, dass landwirtschaftliche Betriebe während der Erntezeit in Bayern künftig in kürzeren Abständen überprüft werden sollen. Auch soll das maximale Bußgeld für Verstöße von 5000 auf 25000 Euro erhöht werden. »Alle Saisonarbeiter werden verpflichtend durchgetestet«, so Söder weiter.

Im gleichen Atemzug positionierte er sich in der Debatte um Pflichttests für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten als Hardliner: »Wir brauchen verpflichtende Tests an Flughäfen - unbedingt, und zwar so schnell wie möglich.« Nachdem die Gesundheitsminister aus Bund und Ländern sich erst am Freitag auf kostenlose und freiwillige Teststationen an Flughäfen verständigt hatten, erklärte Söder, dass er und seine Landesregierung sich darauf vorbereite, im Falle einer Einführung von Pflichttests »sofort auf den Startknopf drücken« zu können. Dabei hat er offenbar nicht nur die Flughäfen im Blick. Der CSU-Politiker kündigte an, drei - zunächst - freiwillige und kostenlose Teststationen an der Grenze sowie den Hauptbahnhöfen in München und Nürnberg einzurichten.

So sehr sich Söder in seiner Rolle als Krisenmanager gefällt, müssen er und seine Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sich von der Opposition Versagen nachsagen lassen. »Dieser Ausbruch kam mit Ansage. Markus Söder und die zuständige Ministerin Huml tragen deshalb eine Mitverantwortung«, erklärte SPD-Verbraucherschutzexperte Florian von Brunn. Seine Landtagsfraktion habe schon nach einem Corona-Ausbruch in einem Wiesenhof-Schlachtbetrieb im Landkreis Straubing-Bogen ein Sonderkontrollprogramm auch für Bauernhöfe mit Erntehelfern gefordert. Gerade die Hygienebedingungen am Arbeitsplatz und die Wohnverhältnisse müssten aus SPD-Sicht scharf kontrolliert werden. »Es muss sichergestellt sein, dass die betroffenen und möglicherweise erkrankten Menschen gut versorgt werden. Diese soziale Verantwortung dürfen Frau Huml und die zuständigen Behörden nicht einfach an den Betrieb abschieben«, fügte seine Parteikollegin, die SPD-Landwirtschaftssprecherin im Landtag Ruth Müller, an.

»Die hygienischen Zustände bei der Unterbringung von Saisonarbeitskräften in Sammelunterkünften sind der schwarz-orangen Landesregierung auch in Coronazeiten reichlich egal, wie eine aktuelle Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage zeigt«, erklärte der Geschäftsführer der Grünen im bayerischen Landtag, Jürgen Mistol. Dies kann sich dem Oppositionspolitiker zufolge aber »bitter rächen, wenn solche lokalen Infektionsgeschehen ausgreifen und regionale Lockdowns angeordnet werden müssen«. Dann treffe »das ostentativ zur Schau getragene Desinteresse von Söder & Co. bei der Unterbringung von Saisonarbeitskräften eben nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die übrige Wirtschaft und das gesamte gesellschaftliche Leben in den betroffenen Regionen«.

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