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  • Kultur
  • Rechtsextremismus in der Bundeswehr

Ein sehr deutsches Problem

Teil 30: Naivität

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist ein sehr deutsches Problem: Der Bundeswehroffizier »Adolf Nazimann« (Name vom Kolumnisten zum Schutz der Persönlichkeitsrechte anonymisiert) hat als Referent für Social Media (so etwas gibt es bei der Bundeswehr) Rechtsextremes mit Herzchen versehen und im realen Leben mehrmals Vorträge vor Rechtsextremen gehalten. So etwas ist eigentlich normal in einer Truppe, die hauptsächlich als entnazifiziert gilt, weil sie nach dem verlorenen Vernichtungskrieg statt von den A- nur von den C-Promis des Nazireiches aufgebaut wurde. Aber da gerade in mehreren deutschen Staatsorganen ein paar Einzelfälle strukturellen Nazitums zu viel auftauchen, wird auch einmal die Bundeswehr aktiv und »ermittelt« gegen den Mann.

Und da wählt der Offizier im »Spiegel«-Interview natürlich eine sehr deutsche Verteidigung: eine Zauberformel, mit der schon dessen Vorgänger, die zwölf Jahre lang versehentlich Hakenkreuze geliked hatten, zuverlässig dem »Nazivorwurf« entkommen konnten: »Ich war vielleicht naiv, aber ich bin nicht rechtsextrem.« Brillant! Er ist so naiv, der arme Kerl, dass er nicht mal genau weiß, ob er naiv war, als er Rechtsextreme herzte, aber eines weiß er sicher: Rechtsextrem ist er auf keinen Fall!

Naivität ist eines der schmuckesten Konzepte des menschlichen Denkens. Naivität ist Dummheit - aber irgendwie nett. Denn Naivität ist zuerst einmal ein Konzept, um sich den Menschennachwuchs zu erklären und dessen Verhalten zu verteidigen. Die Dummheit des Kindes (und die ist offensichtlich - man frage zum Beispiel mal ein Zweijähriges nach einer Lösung für die Riemannsche Vermutung, man wird froh sein, wenn es »Riemann« überhaupt fehlerfrei aussprechen kann!) ist verzeihlich, denn es besteht beim Kind nicht nur Hoffnung, sondern meist Gewissheit, dass es noch dazulernen wird. Und besser noch: Nicht nur wird die kindliche Dummheit als verzeihlich angesehen, sie wird oft als niedlich gewertet und belohnt.

Naivität ist auch Gemeinheit - aber versteckt hinterm Kindchenschema. Denn Kinder ziehen durchaus mal aus purer Gier nach etwas einem anderen Kind die Schaufel über den Kopf oder tun das auch nur, um mal zu sehen, welche Reaktion das auslöst, die kleinen Psychopathen. Und damit Menscheneltern solch kriminelles Verhalten nicht ständig zur Anzeige bringen müssen, hat man sich irgendwann in der Menschheitshistorie - wenn auch überraschend spät - darauf geeinigt, dass Kinder per se unschuldig sind. Denn schließlich ist es eine noble Aufgabe, Kinder zu Menschen zu machen.

Traditionell geschieht dies halbwegs zuverlässig aber fast überall hauptsächlich bei Mädchen. Jungs dagegen dürfen meist weiter Schaufeln schwingen und einfach nur Jungs sein. Dann werden sie irgendwann Bundeswehroffiziere, ersetzen die Schaufeln durch Mordwerkzeuge und suchen sich Feinde, an denen sie das neue Spielzeug am liebsten ausprobieren wollen. Tun sie das aber zu auffällig hasserfüllt, müssen sie sich auch mal entschuldigen und werden dazu wieder zu dem Kind, das sie nie aufgehört haben zu sein. »Naivität!« rufen sie dann, denn dumm wollen sie nicht sein und zu dem stehen, was sie getan haben, selbstverständlich auch nicht.

Es ist ein erstaunliches Instrument, ist es doch so offensichtlich perfide. Nicht nur sollte sich kein erwachsener Mensch, schon gar kein Soldat, freiwillig zum unwissenden Kind stilisieren; es wird obendrein die Menschlichkeit konstituierende Liebe zum Kind nebenbei entwertet. Etwas, was richtigen Deutschen gefallen muss. Naivität gehört also ganz offensichtlich zu den mächtigsten Konzepten der Menschheit, und wenn es nie deutsche Soldaten gegeben hätte, könnte man es eventuell sogar ohne Bedenken schön finden.

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