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Gegen ein Investorenkaufhaus Kreuzberg

Mieter zweier Häuser demonstrieren für die Ausübung des Vorkaufsrechts durch den Bezirk

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.
Wandbild in Kreuzberg
Wandbild in Kreuzberg

Bei den 35 Mietern des Wohnhauses an der Ecke Wiener und Ohlauer Straße geht die Angst vor Verdrängung um, nachdem sie vor zweieinhalb Wochen erfahren haben, dass der Altbaukomplex in Kreuzberg einen neuen Eigentümer hat. Dass ein Haus verkauft werde, sei ja »in Ordnung«, sagt Karsten Kirmse, einer der Mieter und zugleich Betreiber der legendären »Madonna Bar« im Erdgeschoss. Sorge bereitet ihm aber der Käufer der Immobilie in Bestlage.

Nach Recherchen der Kiezinitiative GloReiche Nachbarschaft ist die neue Eigentümerin, die zum Firmengeflecht der Pensionskasse der Schweizer Großbank UBS gehörende Dahme Immobilien GmbH, über ihren Geschäftsführer »eng verbandelt« mit der Deutschen Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft. Und mit der sei alles andere als gut Kirschen essen, sagt GloReiche-Aktivistin Coni Pfeiffer: »Aus Häusern, die von der Deutschen Invest gekauft wurden, hören wir von Zweckentfremdung und hohen Betriebskosten. Die sind dafür bekannt, dass sie, sobald sie die Möglichkeit hierfür haben, die Daumenschrauben anziehen.«

Genau das fürchten auch die Mieter der Wiener Straße 22 und der Ohlauer Straße 2. Bedroht sind auch die »Madonna Bar« von Karsten Kirmse und das Tabac & Whisky Center um die Ecke. Zwar ist die Situation für die Bar, die seit 1984 an der Wiener Straße residiert, nach Auskunft des Schankwirts »noch nicht akut brenzlig«. Mit dem Auslaufen des aktuellen Mietvertrages könnte sich das aber schnell ändern. Wann genau das ist, will Kirmse »nicht an die große Glocke hängen«. Er rechnet nicht damit, dass sich die Bar dann noch wird halten können.

Auch für Coni Pfeiffer wäre das Ende der Kreuzberger Institution »Madonna Bar« eine Katastrophe. Zusammen mit der Mietergemeinschaft fordert Pfeiffers Initiative das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg auf, von der Möglichkeit des Vorkaufsrechts Gebrauch zu machen. Bis Ende August hätte der Bezirk hierfür Zeit. Wie Kirmse berichtet, habe man bereits Genossenschaften angeschrieben und »durchaus positive Reaktionen bekommen«.

Nun wollen die Mieter den Protest auch auf die Straße tragen. Unter dem Motto »Kreuzberg ist kein ›Kaufhaus‹!« haben sie für diesen Dienstag ab 18 Uhr zu einer Demonstration quer durch den Kiez aufgerufen - gemeinsam mit den Initiativen GloReiche und Bizim Kiez sowie den Bewohnern der Wrangelstraße 83. Denn auch dieses Haus soll demnächst an einen Immobilieninvestor gehen (»nd« berichtete). Und auch hier fordern die 17 Mietparteien die Stadt auf, die aus ihrer Sicht rettende Karte zu ziehen: das Vorkaufsrecht. Hier indes könnte es eng werden. Bereits am 10. August läuft die Zwei-Monats-Frist ab. In einem Offenen Brief haben sich die Bewohner deshalb Ende vergangener Woche in einem dringenden Appell an Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) gewandt, »die notwendigen Zuschüsse« für das Vorkaufsrecht »schnellstmöglich bereit zu stellen«.

Anwohnerin Ricarda, die seit über 30 Jahren in der Wrangelstraße 83 wohnt und ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, hofft, dass sich der Verkauf an den Investor noch abwenden lässt. »Falls nicht, haben Bezirk und Senat das politisch an der Backe bis zur Wahl im Herbst nächsten Jahres - das können wir jetzt schon versprechen.«

Was das Eckhaus an der Wiener und Ohlauer Straße betrifft, versucht unterdessen zumindest die Deutsche Investment zu beschwichtigen. Wie eine Sprecherin »nd« am Montagabend mitteilte, sei man »im Einklang mit dem Milieuschutz an einer langfristigen und sozialverträglichen Bewirtschaftung der Immobilie interessiert«. Auch plane man »keine Luxussanierungen in dem Objekt«, vielmehr sei man »bestrebt, die Immobilien in ihrem Zustand beizubehalten und somit den Kiezcharakter zu wahren«. Die Betonung liegt freilich auf dem Wort »bestrebt«.

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