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Der meistgesuchte Mann der Philippinen

Der Gründer der Kommunistischen Partei José Maria Sison gibt neue Einblicke in sein revolutionäres Leben

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.

Er ist der meistgesuchte Mann der Philippinen: Der Gründer der Kommunistischen Partei José Maria Sison lebt zwar seit über 30 Jahren im niederländischen Exil, doch allein die Erwähnung seines Namens erzürnt Konservative, Rechte und Reaktionäre des südostasiatischen Inselstaats. Denn Sisons Vision der sozialistischen Philippinen fällt auf fruchtbaren Boden: Denn immer noch lebt einer von vier Filipinos unter der Armutsgrenze; drei Prozent der 100 Millionen Einwohner besitzt die Mehrheit des Reichtums der Nation. Anhänger der Kommunistischen Partei finden sich so unter der Arbeiterklasse, unter Universitätsstudenten und in abgelegenen Dörfern, die von indigenen Gruppen bewohnt werden.

Sein jüngstes Buch, ein Interviewband von »nd«-Autor Rainer Werning, der Sison zu seinem Leben und dem revolutionären Kampf ausgefragt hat und das sowohl auf Englisch und Deutsch erschienen ist, führt seit Monaten in Philippinen zu antikommunistischen Demonstrationen, bei denen Sison auf Plakaten als Satan verschmäht wird. Das US-Unternehmen Twitter hat zwischenzeitlich gar das Konto von Außenminister Teodoro Locsin Jr. gesperrt, nachdem der zum Mord an »Kommunisten, die es wert sind, erschossen zu werden« aufgerufen hatte. Auch wenn er nicht dort ist, vermag es Sison noch immer, die Menschen in seiner Heimat zu bewegen.

In »Ein Leben im Widerstand. Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung« liefert Sison Antworten auf die Frage, warum die kommunistische Bewegung in Philippinen noch immer eine Anziehungskraft auf die Menschen hat. Das ist allerdings nicht verwunderlich, angesichts der offensichtlichen systemischen und strukturellen, wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten der Gesellschaft samt anhaltendem Versagen der Politiker, die als Beschützer der milliardenschweren Ausbeuter der Reichtümer des Landes fungieren. Sison kritisiert aufschlussreich die neokolonialen Regierungen seines Heimatlandes, blickt aber auch auf die globalen Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Philippinen, insbesondere der kapitalistischen Restauration in der ehemaligen Sowjetunion, der Entwicklung der Volksrepublik China in ein neuimperialistisches Land sowie des Niedergangs der globalen Hegemonie der USA.

Von Ferdinand Marcos bis Rodrigo Duterte - sieben Präsidenten scheiterten bisher daran, die Kommunisten zu besiegen und deren Kampf gegen das Feudalsystem samt korrupten, reaktionären Staat zu beenden. Seit 50 Jahren widersteht die maoistische Neue Volksarmee (NPA) groß angelegten Militärkampagnen. Vor einem Jahr gab Verteidigungschef Delfin Lorenzana zu, dass die kommunistische Rebellion unüberwindbar ist und nicht besiegt werden kann. Dennoch kündigte er das Programm auf, das auf lokaler Ebene Friedensgespräche mit der NPA ermöglichen sollte. Die kommunistische Bewegung ist in den ländlichen Gegenden sowie in vielen Städten verankert, in 71 der 81 Provinzen des Landes bestehen Guerillazonen.

Der Band greift von Sison bekannte Themen, Fragestellungen und Analysen auf. Gleichzeitig regt das Interviewformat über die theoretische Abhandlung hinaus zum Nachdenken an. In den Interviews gewährt der mittlerweile 81-jährige Sison auch Einblicke in sein Leben, die überraschend sind, etwa wie er als neunjähriger Messdiener den Wunsch hegte, Bischof zu werden.

Sison glaubt an das Wiederaufleben der sozialistischen Idee. »Der Sozialismus ist erwünscht und wird durch die eskalierenden kapitalistischen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung, die anhaltenden Angriffskriege und die wachsende Bedrohung durch einen Atomkrieg und die globale Erwärmung als Folge der mutwilligen kapitalistischen Ausplünderung der natürlichen Ressourcen der Welt bestätigt.« So alt die Analyse auch erscheinen mag, an Aktualität hat sie nichts verloren.

Einst wurde Sison gefragt, ob er davon Träume, zurück nach Philippinen zu gehen. Damals antwortete er: »Ich träume nicht nur davon, auch nicht in dem Sinne, dass ich mir eine bessere Welt vorstelle, die aus dem Kampf des Volkes entstehen kann.« Noch immer spielt Sison in der Kommunistischen Partei eine wichtige Rolle: »Ich setze mich mit den Realitäten auseinander und tue alles, was ich im revolutionären Kampf des Volkes tun kann.« Wie Lenin glaubt Sison nicht unbedingt daran, dass die Revolution noch zu seinem Lebtag erfolgreich sein wird. »Aber ich bin mir sicher, dass die neoliberale Politik der imperialistischen Globalisierung, die Aggressionskriege und die verschärften interimperialistischen Widersprüche bereits die Voraussetzungen für einen beispiellosen Aufschwung der revolutionären Bewegungen für nationale Befreiung, Volksdemokratie und Sozialismus schaffen.« In Philippinen und auch anderswo.

José Maria Sison, Rainer Werning. Ein Leben im Widerstand: Gespräche über Imperialismus, Sozialismus und Befreiung. Mediengruppe Neuer Weg. Kartoniert/Broschiert, ISBN-13: 9783880215580, 272 Seiten

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