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Vom Prüfling bezahlte Wirtschaftsprüfer

Auch wenn der Interessenskonflikt bei Bilanzkontrollen bekannt ist, lässt die Bundesregierung die Branche bisher gewähren

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die ganze deutsche Wirtschaft wegen des Wirecard-Skandals unter Generalverdacht zu stellen, geht aus Sicht des Dachverbandes der Wirtschaftsprüfer, IDW, zu weit. »Natürlich führt der Fall zu Fragen nach der Rolle der Wirtschaftsprüfer«, räumt IDW-Vorstandssprecher Klaus-Peter Naumann ein. Die Pleite des Zahlungsdienstleisters sei aber ein Einzelfall und müsse als solcher behandelt werden, so Naumann, der an der Universität Münster Rechnungswesen lehrt.

Tatsächlich ist Wirecard ein besonderer Fall: Der Dax-Konzern hatte Guthaben über 1,9 Milliarden Euro verbucht, die nicht aufzufinden sind. Die Summe entspricht einem Viertel der Bilanzsumme des Unternehmens. Das hätte den Wirtschaftsprüfern eigentlich auffallen müssen, denn deren Aufgabe ist es, Jahresabschlüsse von Unternehmen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Grundsätzlich sind die knapp 10 000 mittelgroßen und großen Kapitalgesellschaften in Deutschland verpflichtet, ihre Bilanzen prüfen zu lassen. Die Kontrolleure kommen im Regelfall von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, bei Wirecard war es EY (früher: Ernst & Young).

Doch die stehen oft in einem Interessenkonflikt: Bezahlt werden die Prüfer nämlich vom Prüfling selber. Das Interesse, Schummeleien oder gar kriminelle Vorgänge aufzudecken, hält sich daher in Grenzen. Hinzu kommt, dass auf dem umkämpften Markt langfristige Kooperationen zwischen Prüfungsgesellschaften und bestimmten Unternehmen gang und gebe sind. Das verschafft den Kontrolleuren zwar tiefe Einblicke in die Bücher, kann aber auch zur Verbrüderung führen. Außerdem gilt die 2005 gegründete Prüfstelle für Rechnungslegung, die den Wirtschaftsprüfern auf die Finger schauen soll, bestenfalls als Feigenblatt. Laut Rechenschaftsbericht hat der private Verein im gesamten Jahr 2019 nur 86 Prüfungen unter die Lupe genommen, 79 davon als Stichprobe.

Seit 2016 ist immerhin eine Rotation der Prüfer Pflicht. Unternehmen müssen seither ihr Prüfmandat nach spätestens zehn Jahren neu ausschreiben. Diese Reform hatte die EU-Kommission angestoßen, um die Qualität der seit Langem in der Kritik stehenden Wirtschaftsprüfung zu verbessern.

Erste Erfahrungen deuten allerdings darauf hin, dass sich die »Großen Vier« der Branche - EY, KPMG, PWC und Deloitte - die Klinke in die Hand geben. Der ehemals fünfte Riese, Arthur Andersen, war über Bilanzmanipulationen des Energieriesen Enron gestolpert, die 2001 zur Insolvenz des US-Konzerns führten. Während die »Big Four« in Deutschland jeweils einen Umsatz von etwa zwei Milliarden Euro erzielen, kommt die Nummer fünf hierzulande, Rödl & Partner, gerade mal auf 264 Millionen.

Interessenkonflikte sind außerdem dadurch programmiert, dass die großen Wirtschaftsprüfer auch als Unternehmensberater tätig sind. EY soll bei Wirecard 20 Prozent des Gesamthonorars für Beratungsleistungen kassiert haben. Erlaubt sind sogar bis zu 70 Prozent. Angesichts solcher Gemengelagen überrascht es nicht, dass die britische Aufsichtsbehörde FRC den großen Prüfern kürzlich ein ganz schlechtes Zeugnis ausstellte: Bis zu 45 Prozent der geprüften Fälle seien »nicht ausreichend« bis »inakzeptabel«.

Allerdings stoßen Prüfer auch schnell auf rechtliche Grauzonen. Im Fall von Wirecard lagen die nun vermissten Summen offiziell auf Treuhandkonten, die Dritten gehörten. Üblicherweise verweigern Kreditinstitute unter Verweis auf das Bankgeheimnis Auskunft über solche Konten.

Anders als in Großbritannien standen die Wirtschaftsprüfer in Deutschland bisher überhaupt nicht im Fokus staatlicher Stellen. Die dem Wirtschaftsministerium unterstehende Kommission APAS, die für Qualitätskontrollen bei den Prüfunternehmen zuständig ist, gilt als »zahm«. Der Wirecard-Skandal ist deshalb für Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) heikel. Finanzminister Olaf Scholz (SPD), zuständig für die Finanzaufsicht Bafin, die in diesem Fall ebenfalls eine zwielichtige Rolle spielt, schob den Schwarzen Peter deshalb schnell an die Prüfer weiter. Seit zehn Jahren sei Wirecard von einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geprüft worden, »die einen guten Ruf hat, aber in den zehn Jahren nicht herausgefunden hat, was los ist«, wiederholte der Sozialdemokrat mehrfach in Interviews. Die SPD-Finanzpolitikerin Cansel Kiziltepe ist natürlich froh darüber, dass bei der für Mittwoch angesetzten Sondersitzung des Finanzausschusses im Bundestag zu Wirecard neben Scholz auch ein CDU-Politiker kritisch befragt wird. »Herr Altmaier muss uns erklären, wer für den Schaden durch die Wirtschaftsprüfer haftet«, so Kiziltepe. Die Wirtschaft dürfe sich nicht selbst kontrollieren. Dies müsse der Staat übernehmen.

Davon hält die Prüferlobby wenig. IDW-Boss Naumann will lieber die »Good Governance« in den Konzernen stärken. Ein funktionierendes System in Unternehmen, welches regelkonformes Verhalten sicherstellt, beuge wirtschaftskriminellen Handlungen am Besten vor, meint er.

Allerdings sieht es danach aus, dass der Fall Wirecard doch zu mehr staatlicher Aufsicht führen könnte. Finanzminister Scholz ist die Flucht nach vorne mit der Ankündigung eines 16 Punkte umfassenden Maßnahmekatalogs zur Verbesserung von Finanzaufsicht und Wirtschaftsprüfung angetreten. Doch wie ernst das gemeint ist, bleibt unklar.

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