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Handarbeit hilft

Ein Comic-Geschichtsbuch bietet eine Zusammenfassung antifaschistischer Kämpfe

  • Von Horst Schöppner
  • Lesedauer: 4 Min.
In seinem Comicbuch »Antifa« fasst Gord Hill die seit über 100 Jahren währenden antifaschistischen Kämpfe in Europa und Nordamerika auf eine bislang einmalige Art zusammen. Seine Ausführungen beleuchten dabei wichtige Daten und Zusammenhänge des Verhältnisses zwischen Faschismus und Kapitalismus. Hill nennt zu Beginn einige Merkmale des Faschismus: führerzentriert, autoritär, militaristisch, nationalistisch, rassistisch, oppositionsfrei, meist antisemitisch, oft mit kultischen oder mystischen Elementen durchsetzt, also verschwörungsaffin. Damit liefert er ein hilfreiches Analysewerkzeug, um faschistische Bewegungen zu identifizieren, unabhängig von ihren jeweiligen Namen und ihrer Rhetorik. Denn eins wird beim Lesen schnell deutlich: Lüge, Opportunismus und Prinzipienlosigkeit sind Teil faschistischer Strategie.
Faschismus führt zu Antifaschismus
Mussolini gilt als Erfinder des Faschismus. Er bewies, dass die menschenverachtenden Methoden faschistischer Büttel die Gewinne des Kapitals sichern. Bereitwillig unterstützten Italiens Bürgertum und seine Unternehmer den Weg des »Duce« zur Macht. Seitdem steht Faschismus für den Schulterschluss zwischen Blut und Profit.
Das Ende des Ersten Weltkrieges ließ europaweit die Menschen hoffen, ihre Lebensbedingungen verbessern zu können. Linke Aufstände, Streiks und Demonstrationen prägten die Zeit. Die Revolution in Russland verstärkte die Sehnsucht nach einem Leben ohne Ausbeutung und Hunger. In dieser Zeit gründete Mussolini die ersten Kampfgruppen der Schwarzhemden. Brutal gingen sie gegen oppositionelle Redner, linke Kneipen, Versammlungen und Proteste vor. Die deutschen Freikorps, die 1919 den deutschen Aufstand niederschlugen, galten ihnen als Vorbild.
Zwei Jahre konnten die italienischen Faschisten ganzen Regionen ihren Stempel aufdrücken. Hilflos standen linke Kräfte der Gewalt gegenüber. Das Blatt wendete sich erst, als aus einer militärischen Eliteeinheit die »Arditi del Popolo« entstanden, die »Mutigen des Volkes«. Sie schlugen zurück, siegten in heftigen Straßenkämpfen immer wieder über die Faschisten. Doch keine Partei unterstützte sie, weil ihnen Gewalt fremd war oder sie diese gar ablehnten. Jahrelang kämpften die »Mutigen« allein, bis Mussolini zum Marsch auf Rom rief und der König ihn zum Kanzler ernannte. Ähnlich erging es den Kämpfer*innen der »Antifaschistischen Aktion« in Deutschland. Sie schlugen die Nazis immer wieder zurück.
Aber auch hierzulande solidarisierten sich die Parteien mit Ausnahme der KPD nicht mit der Antifa. So prügelten sich die Nazis mit Betrug, Demagogie und leeren Versprechen an die Macht. Dort angekommen, entfalteten sie, wie vor ihnen die Faschisten in Italien, ihren Terror gegen jede Opposition. In ihrer Rhetorik weiter antikapitalistisch und antiklerikal, suchten sie die Nähe zu Kirche und Unternehmern und nahmen jedes angebotene Geld an.
Antifa heißt Widerstand
Hill gibt vielen antifaschistischen Bewegungen und Organisationen Raum. Er wirft damit ein wohltuendes Licht auf jene, die oft unerwähnt an vorderster Front gegen den Faschismus kämpften: die Partisanen im Zweiten Weltkrieg, die internationalen Brigaden in Spanien oder die Juden im Warschauer Ghetto. Dabei vergisst er nicht, historische Hintergründe zu nennen, die zu Faschismus führen: Kapitalismus, Rassismus und Imperialismus. Hill stellt die richtigen Fragen und gibt klare Antworten: Faschistische Brutalität könne nur mit physischer Gegenwehr bekämpft werden. Vielleicht ist sein Verhältnis zu Gewalt deshalb unverstellt, weil ihm als Angehöriger des kanadischen Stammes der Kwakwaka’wakw die eigene Geschichte noch präsent ist. Jedenfalls ist seine Parteinahme immer wieder erfrischend.
Sein Überblick über die militanten Kämpfe gegen faschistische Gruppen nach 1945 ist nach Ländern strukturiert und füllt die zweite Hälfte des Buches. Er beginnt mit England, der Group 43, die nach dem Krieg besonders militant und erfolgreich gegen britische Faschisten vorging, beschreibt die Anti-Nazi-Leage (ANL) und die Anti-Fascist Action (AFA). Die Antifa in Deutschland wird ab den 1970er Jahren dargestellt, wobei er die militanten Strukturen aus den 1980er Jahren vergisst, die mit Anschlägen die Infrastruktur der Nazis lahmlegten. Es folgen Italien, Griechenland, Russland, Frankreich, Schweden, USA, Kanada und die Ukraine.
Lernen aus der Geschichte
Das Verdienst dieses Buches ist es, eine übersichtliche Zusammenfassung der antifaschistischen Kämpfe zu bieten. AFA und ARA (Anti-Racist Action, USA) formulieren in ihrem Selbstverständnis gegen Faschisten: »Wo immer sie sind, sind auch wir. Wir verlassen uns nicht auf Polizei und Justiz, um unsere Arbeit zu erledigen. Verteidigung anderer Antifaschisten – egal welcher Ausrichtung.« Vielleicht könnte ein aktualisierter Nenner lauten: Gegen Faschisten hilft nur Gegenwehr, Solidarität im Kampf gegen den Faschismus, Antifaschismus heißt Antikapitalismus, Antifaschismus ist international.
Hill hat ein griffiges Geschichtsbuch verfasst. Sein Überblick im DIN-A4-Format zeigt politische Hintergründe und Zusammenhänge. Die auflockernden Zeichnungen reichern den Text an und ermöglichen einen leichten Einstieg in die antifaschistische Geschichte, die uns zeigt: Antifa war, ist und bleibt Handarbeit.
Gord Hill: Antifa. Hundert Jahre Widerstand. bahoe books 2020, geb., 119 S., 17€.

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