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Leben im Stakkato-Takt der Maschinen

Eine reichhaltige Landesausstellung in Zwickau blickt auf 500 Jahre Industriekultur in Sachsen - und singt nicht nur deren Loblied

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 7 Min.

Im Anfang war - das Erz. Im Jahr 1520 schuf der Maler Hans Hesse für einen Altar in der St. Annenkirche in Annaberg Bilder, die Unerhörtes zeigten: einen Knappen, der auf der Suche nach Silber einen Stollen in den Berg treibt; zwei Männer an einer Haspel, die Gestein aus einem Schacht fördern; eine Frau, die Erz wäscht. Hesse ersann eine Art Wimmelbild, das seine Zeitgenossen zeigt - als arbeitende Menschen. Diese in einem Kirchenraum darzustellen, und sei es nur auf der Rückseite des Altars, war ohne Beispiel und ließ eine kühne Deutung zu: Zur Zeit des von Silberfunden in Sachsen ausgelösten »Berggeschreys« maß man Arbeit eine quasi religiöse Dimension bei. Der Feststellung des Johannesevangeliums, »Im Anfang war das Wort«, steht im Erzgebirge die Formel zur Seite: »Alles kommt vom Bergwerk her«.

Eine Videoinstallation, die den Bergaltar zum Gegenstand hat, eröffnet die Sächsische Landesausstellung, die bis Ende 2020 im Audi-Bau in Zwickau zu sehen ist und unter dem Titel »Boom!« ein halbes Jahrhundert Industriekultur auf dem Gebiet des heutigen Freistaats beleuchtet. Der Altar könnte als Rückverweis auf frühere Landesausstellungen gelesen werden, die 1998 in Panschwitz-Kuckau klösterliches Leben darstellten oder 2004 in Torgau Sachsens Beitrag zur Reformation, bevor man 2011 in Görlitz die Handelsstraße Via Regia in den Blick nahm.

Statt um himmlische Dinge geht es in der Zwickauer Schau, die in einem Werksgebäude des einstigen Autoherstellers VEB Sachsenring gezeigt wird, um sehr irdische Angelegenheiten: Maschinen, Fabriken, Technologien, Erfindungen. Vor allem geht es um deren Urheber. Kurator Thomas Spring sagt, er betone in »Industriekultur« den zweiten Wortbestandteil und begreife diese »als Ausfluss des Homo Faber«, des schaffenden, seine Umwelt verändernden Menschen also. Das passt zum Ansatz des Deutschen Hygiene-Museums Dresden, in dessen Verantwortung die Ausstellung gestaltet wurde und das sich als »Museum vom Menschen« versteht. Industriekultur ist demnach, was Unternehmer, Erfinder, Arbeiter hervorbringen. Der passende Geruch zur Schau, die mit 600 ausgestellten Objekten sehr opulent geraten ist, wäre demnach - anders als vor 22 Jahren im Kloster von Panschwitz-Kuckau - nicht der nach Weihrauch, sondern der von Schweiß.

Dass die Schau dabei einen Bogen von 500 Jahren schlägt, mag erstaunen; der Beginn des industriellen Zeitalters wird gemeinhin später angesetzt. Allerdings, so argumentiert die Ausstellung, füllte der vorangehende Silberbergbau im Erzgebirge nicht nur die Truhen der Kurfürsten in der Dresdner Residenz und die der Leipziger Kaufleute; er beförderte auch die Entwicklung von Technologien, half bei der Herausbildung technischer Fertigkeiten und eines ausgeprägten Arbeitsethos. Das lateinische Wort »Industria« bedeute »Fleiß«, sagt Spring - und das sei »eine Generaltugend in Sachsen«. Auch neuartige Prinzipien des Wirtschaftens haben ihren Ursprung im Bergbau. Die Idee einer nachhaltigen Waldnutzung etwa, die Hans Carl von Carlowitz vor gut 300 Jahren in Sachsen entwickelte, zieht die Konsequenz aus dem vorangegangenen, vom Bergbau verursachten Raubbau an den Wäldern.

Der technologische Vorsprung führte dazu, dass Sachsen mit Beginn der Industrialisierung einen Schnellstart hinlegte. Im Jahr 1861 gab es in Deutschland 307 Spinnereien. Von diesen standen 153, fast die Hälfte, in Sachsen. Der Aufbruch in die neue Ära erfolgte dabei flächendeckend, wie 150 Druckgrafiken aus allen Winkeln des Landes zeigen, die der Verleger Louis Oeser ab 1850 in Umlauf brachte: ländliche Szenen mit Schafen, Spaziergängern und rauchenden Schloten. Weil Maschinen zunächst mit Wasserkraft angetrieben wurden, entstanden Fabriken an Flüssen auch außerhalb der Zentren. Industriedörfer seien »typisch für Sachsen«, sagt Spring - was nach 1990 ein Problem wurde. Betriebe auf dem Land wurden abgewickelt; neue Arbeitsplätze entstanden nach Prämissen der damaligen CDU-Staatsregierung unter Kurt Biedenkopf vor allem um einige wenige industrielle »Leuchttürme«. Jenseits davon blieben verfallende Fabriken und viel Frust, der sich heute gerade in Sachsens Provinz auch politisch Bahn bricht.

Die Landesausstellung will derlei gesellschaftliche Wirkungen und Zusammenhänge aufzeigen. Die dahinter stehende Frage laute: »In wessen Dienst steht die Ökonomie?«, sagt Karl Borromäus Murr, Leiter des wissenschaftlichen Beirats für die Zwickauer Schau und sonst Direktor eines Textilmuseums im bayerischen Augsburg. Murr gibt die Antwort selbst: im Dienst der Menschen, die sie betreiben. Deren Leben stand zunehmend im Stakkatotakt der Maschinen: Die Industrialisierung sei zum »unermüdlichen Taktgeber einer immer weiter ausgreifenden Modernisierung« von Leben und Gesellschaft geworden, sagt Murr.

Das hatte einerseits positive soziale Folgen. Firmen wie die Baumwollfeinspinnerei E. I. Clauß Nachf. in Flöha etwa verfügten nicht nur über große Maschinensäle, sondern, wie ein Foto belegt, auch über eine »Bewahranstalt« für die Kinder der Arbeiterinnen - was für einige von diesen die Lebensumstände verbessert haben dürfte. Auch in hygienischer Hinsicht gab es Besserung. In einer Sammlung von Werbeplakaten, die Verheißungen des industriellen Zeitalters preisen, findet sich eines für die »Ovalwulstwanne« der Schwarzenberger Firma Krauss, in der laut Werbeslogan »jeder Deutsche wöchentlich ein Bad« nehmen sollte.

Gleichzeitig brachte das Industriezeitalter gravierende Probleme mit sich. Die rauchenden Schlote auf Oesers pittoresken Grafiken lassen die heutige Umwelt- und Klimakrise bereits ahnen. Die Fotografien der Spinnsäle dagegen sagen wenig über Lärm und Staub aus, denen mies entlohnte Beschäftigte ausgesetzt waren. Deren »Ringen mit dem entfesselten Kapitalismus« (Murr) illustrieren Exponate wie eine Fotografie mit 16 ernst dreinblickenden Frauen. Es sind Streikende aus der Crimmitschauer Textilindustrie, die zum Zeitpunkt der Aufnahme im Januar 1904 schon 22 Wochen für den Zehnstundentag gestreikt hatten - Motto: »Eine Stunde fürs Leben!«. 8000 Arbeiterinnen und Arbeiter befanden sich damals in Westsachsen in einem Arbeitskampf, wie es ihn im Deutschen Reich kaum je gegeben hatte - der aber schließlich ohne Erfolg endete.

Das Streikfoto findet sich in der Ausstellung im Kapitel »Karl Marx und Karl May«. Es beleuchtet das 19. Jahrhundert als eigentliches Zeitalter der Industrialisierung und verweist im Titel auf die von Theoretikern wie Marx inspirierte kämpferische Auseinandersetzung mit den sozialen und ökonomischen Verhältnissen, andererseits auf die Flucht in Alternativen, für die May mit seinen Büchern sowie seiner Nähe zu Ideen der Lebensreform stand. Die vorangehenden zwei Ausstellungskapitel heißen »Barock und Berggeschrey« sowie »Garn und Globalisierung«; es folgt der Abschnitt »Schockensöhne und Sachsenstolz« über das frühe 20. Jahrhundert. Dieser Titel sei bewusst zugespitzt, sagt Spring: »Das ist ein Kipp-Bild.« Die »Sachsenstolz« ist einerseits eine moderne Dampflok; ihr Name lässt aber auch chauvinistische Bestrebungen und nationalistischen Ungeist anklingen, die Deutschland in zwei Weltkriege und die NS-Diktatur trieben. Die Gebrüder Schocken waren jüdische Kaufleute, die zu deren Opfern wurden. Sie hatten von Zwickau aus den fünftgrößten deutschen Kaufhauskonzern begründet, wurden aber in der NS-Zeit enteignet und vertrieben.

Die Ausstellung macht um dieses bedrückende Thema ebenso wenig einen Bogen wie um Zwangsarbeit, die in der sächsischen Kriegswirtschaft allgegenwärtig war. Sie betont auch den Umfang, in dem sächsischer Erfindergeist und regionale Warenproduktion für den Krieg zur Verfügung gestellt wurden. Illustriert wird das beispielsweise an einem vom Unternehmen DKW hergestellten Motorrad DKW 125, das für seine Zuverlässigkeit geschätzt wurde - auch im Blitzkrieg der Wehrmacht im Osten, für den allein 12 000 Exemplare hergestellt wurden. Nach dessen Scheitern und der Befreiung vom Hitlerregime wurden die Produktionsanlagen von den Befreiern demontiert und als Kompensation für Kriegszerstörung im sowjetischen Ischewsk wieder aufgebaut. Am Ural lief das Motorrad als »ISCH-49« vom Band. Auch davon ist ein Exemplar zu sehen.

Derlei Exponate schlagen den Bogen zum fünften Kapitel der Ausstellung, das unter dem Titel »Trabi und Treuhand« bis in die jüngste Geschichte führt. Die Ausstellungsmacher haben dabei der Versuchung widerstanden, ein schablonenhaftes Bild zu zeichnen. Zwar wird der Trabant, der wenige Meter vom Ausstellungsort entfernt über Jahrzehnte hinweg nahezu unverändert montiert wurde, als Inbegriff einer ineffizienten Planwirtschaft präsentiert; ein in der Schau zitierter Witz löst die Typenbezeichnung Trabant 601 so auf: 600 haben ihn bestellt, einer bekam einen. Neben Mangel attestiert die Ausstellung der DDR aber auch Weltniveau. Zu sehen ist ein Entwurf für einen Trabant P 603, an dem die Designer Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolph von 1964 bis 1968 arbeiteten und der in seiner Form den späteren VW Golf vorwegnahm.

Und auch die Zeit nach Ende der DDR wird nicht verklärt. Dem unseligen Wirken der Treuhand ist eine große Tafel gewidmet, vor der eine »Urne« voller Schlüssel des 1992 geschlossenen VEB Pneumant Reifenwerk Dresden steht. »Der Letzte zieht die Schlüssel ab«, heißt das Exponat - das freilich längst nicht das letzte ist. Im abschließenden Abschnitt der Schau kommen auf Videowänden 22 »Zukunftsmacher*innen« zu Wort: Erfinder, Unternehmer und Wissenschaftler, die 500 Jahre nach dem Annaberger Bergaltar stellvertretend für die heutige Industriekultur in Sachsen stehen. Am Anfang stand dort das Erz. Ein Ende aber ist nicht absehbar.

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