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Der Leiter, der angeblich keiner ist

Im Verteidigungsministerium steht ein rechtsoffener Referent nach Social-Media-Aktivitäten in der Kritik

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 5 Min.

Zwei Beiträge des NDR-Magazins »Panorama« thematisieren einen neuen rechtsradikalen Verdachtsfall in der Bundeswehr. Der 41-jährige Stabsoffizier Marcel Bohnert soll in sozialen Netzwerken Beiträge mit rechten Inhalten mit »Gefällt mir« markiert sowie Vorträge vor der völkischen Burschenschaft Cimbria München gehalten haben. Cimbria gilt als eine von mehreren Organisationen, die als Vordenker des Rechtsextremismus aufgefasst werden.

Bohnert bestritt, sich in einem rechten Umfeld zu bewegen. »Ich distanziere mich von der ›Identitären Bewegung‹ und allen Rechtsradikalen. Ich habe mit diesen Menschen und diesem Gedankengut nichts zu tun, ich habe keinen Kontakt zu Rechtsradikalen«, sagte er. In Interviews mit »Bild« und »Spiegel« gab Bohnert an, schlicht unaufmerksam gewesen zu sein. Dass es sich beim Verdacht offenbar nicht um eine Lappalie handelt, zeigen die Reaktionen seines Arbeitgebers. Das Verteidigungsministerium kündigte Ermittlungen an und ging auf Distanz. In einer Pressemeldung heißt es, bei Bohnert handele es sich um einen Referenten ohne Leitungsfunktion. In den letzten drei Jahren war der Kommunikationsprofi in den sozialen Netzwerken jedoch als »Leiter Social Media im Bundesministerium der Verteidigung« aufgetreten, gab Interviews mit dieser Bezeichnung und nutzte diese auch im dienstlichen E-Mail-Kontakt.

Bei der Kommunikation geht es nach dem Selbstanspruch der Soldaten eigentlich stets »kurz, knapp und präzise« zu. Bohnert will aber offenbar mehrdeutig sein, wie seine Aktivitäten immer wieder zeigen. Bei Instagram gefällt ihm unter anderem der Beitrag des Accounts »kampftruppe_bw« mit dem Bild eines Soldaten und dem prominent platzierten Satz: »Das sind Grüne, die wirklich was für unsere Sicherheit tun!« Der Kanal nutzt Hashtags, die Bohnert mitinitiiert hat, und setzt »Grün« als Synonym für Truppe ein, wie Bohnert dies seit Jahren vormacht. Dass je nach Lesart auch eine Kritik an einer links-grünen Gesellschaft enthalten sein kann, der innerhalb der Truppe die Verantwortung für schlechte Ausrüstung und mangelndes Ansehen von Soldaten zugeschrieben wird, scheint bewusst angelegt zu sein und wirkt mit Blick auf andere Anlässe wahrscheinlich.

Anlässlich der Bloggermesse Republica 2018 nutzte Bohnert den Spruch »Zu bunt gehört auch Grün«. Damit erzeugte er den Eindruck, Veranstalter und Publikum seien intolerant, denn Soldaten in Uniform seien auf der Messe nicht erwünscht.

Sachlich ist das falsch, denn bei der Republica waren Bundeswehruniformen immer erlaubt, solange die Träger*innen über ein gültiges Ticket verfügten. Die Aktion wird als Retourkutsche gesehen. Die Bundeswehr wollte eigentlich mit einem Rekrutierungsstand auf der Bloggermesse vertreten sein. Die Veranstalter lehnten ab, da ein solcher Stand mit Soldaten in Kampfmontur nicht zur Atmosphäre einer Bloggerkonferenz passt, bei der auch Geflüchtete zugegen sind und die in diesem Jahr von Ex-Soldatin Chelsea Manning eröffnet wurde, die mehrere Jahre in US-amerikanischen Militärgefängnissen verbringen musste. Manning hatte Dokumente, die Menschenrechtsverletzungen des US-Militärs belegen, an Wikileaks weitergegeben. Ausgeschlossen war das Militär von der Republica dennoch nicht. Denn wie in den Jahren zuvor waren Vertreter aus der Bundeswehr als Gesprächspartner auf den Bühnen vertreten. Bohnert agierte bei den Diffamierungen nicht allein. Reservisten und aktive Soldaten stützten die Fakenews-Kampagne.

Die Bundeswehr stellte Bohnert für Maßnahmen zur Personalanwerbung erhebliche Summen zur Verfügung. Social-Media-Aktivitäten wie Instagram-Accounts und aufwendig produzierte Youtube-Serien setzen die Truppe in Szene. Bohnert war dabei auch Projektverantwortlicher für die preisgekrönte Webserie »KSK - Kämpfe nie für dich allein«. Das Kommando Spezialkräfte zeigt sich darin von seiner besten Seite, ganz ohne rechtsradikales Gedankengut, das die Truppe in Calw jedoch tief durchdrungen hat.

»Mein Eindruck ist, Bohnerts Auftreten war so lange gern gesehen, so lange ihm nicht nachgewiesen wurde, dass er eng an neonazistischen Akteuren dran war«, sagt der Sprecher der Linksfraktion im Verteidigungsausschuss, Tobias Pflüger.

Nach vertraulichen Informationen, die »nd« vorliegen, erhielten das Verteidigungsministerium und der Militärische Abschirmdienst bereits im Dezember 2019 Hinweise auf Bohnerts problematische Aktivitäten. Dass er den Titel »Leiter Social Media« oder auch »Leiter Neue Medien« nutzte, verlagerte der Bundeswehrsprecher Arne Collatz am Montag in den privaten Bereich. In zahlreichen Medien wird jedoch seit Jahren immer wieder von Bohnert als Leiter gesprochen, was dem Verteidigungsministerium auch bei der Medienauswertung nicht entgangen sein kann.

Eine Trennlinie zwischen dienstlich und privat ist bei Bohnerts Onlineaktivitäten nicht erkennbar. Sein privater Instagram-Account arbeitet mit den gleichen Hashtags wie der dienstliche Kampagnenaccount. Nahezu alle Postings zeigen Uniformen, Flecktarn oder andere Bundeswehrbezüge. Seine Hashtags wie SocialMediaDivision erreichen eine große Zahl von Menschen und zielen auf ein junges Publikum ab. Für deren Verhalten kann Bohnert nicht verantwortlich gemacht werden. Welche Fans das allerdings anzieht, zeigten die Reaktionen auf die »Panorama«-Berichterstattung. Via Twitter werden Redaktion und die Autorinnen angegriffen. Man sieht Bohnert als Opfer einer »Hexenjagd« und argumentiert an der Grenze zu Lügenpresse-Vorwürfen.

Auch der Blogger und Kolumnist Rainer Meyer, der als Don Alphonso bei der »Welt« ein ähnliches Feindbild pflegt wie die Neuen Rechten, hat »Panorama« wegen der Berichterstattung über Bohnert in einem Artikel attackiert. Wer von Don Alphonso kritisiert wird, kämpft danach verlässlich mit rechten und rechtsradikalen Accounts auf Twitter.

Bohnerts Rolle in der Öffentlichkeitsarbeit wird vom Verteidigungsministerium heruntergespielt. Er sei nicht mehr zuständig für den Bereich Social Media. Man wolle sich zu laufenden Ermittlungen allerdings nicht äußern, hieß es kürzlich.

In Vorträgen rüttelte Bohnert an den Grundfesten der Bundeswehr. Wer eine kämpfende Armee wolle, müsse hinnehmen, dass diese Armee nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen könne. Die Armee einer pazifistisch orientierten Gesellschaft sei nicht in der Lage zu kämpfen. Damit spricht er sich für eine rechtslastige Armee aus.

Dass in Bohnerts Umfeld immer wieder problematische Verbindungen zu finden sind, ist öffentlich nachvollziehbar. Er publizierte im Buch »Soldatentum - auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute« von Mitherausgeber Felix Springer einen Artikel. Medienrecherchen haben gezeigt, dass Springer offensichtlich Mitglied der Identitären Bewegung ist oder ihr zumindest nahesteht.

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