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Die Macht der Projektionsflächen

Iris Hanika erzählt in »Echos Kammern« von der großen Sinnlosigkeit, die uns umgibt

Berlin hat lange von seiner Leere profitiert, von den Brachen, die auch durch den Fall der Mauer entstanden sind. In diese Leere konnte man wunderbar die eigene Fantasie und Sehnsucht hineinschicken, man konnte sie mit Träumen füllen oder sogar mit Ideen, die an der ein oder anderen Stelle Wirklichkeit wurden. In Form von Clubs, Bars, Kunsträumen, Musik, Literatur oder Lebensentwürfen. »Die Stadt wirkte wie eine unbewohnte offene Landschaft. Zwar waren Häuser und Straßen deutlich als städtische erkennbar, aber alles war weit, man konnte frei atmen, und der Himmel war keine rare Kostbarkeit, sondern umfing sie überall« - diese Macht der urbanen Projektionsflächen ist das zentrale Thema in Iris Hanikas neuem Roman.

Die Freiheit und Offenheit Berlins haben einst auch die gebürtige Fränkin angezogen, die heute in Kreuzberg lebt. Bekanntlich hat sich die Stadt längst verändert: mehr Einwohner, mehr Touristen, mehr Investoren. Hanika beschreibt in wunderbar poetischer und verspielter Sprache, was es bedeutet, wenn einer Stadt die Leere der Brachstellen genommen wird, in die man hineinleben kann - und wenn der sich öffnende Blick auf den Himmel durch immer neue Investitionsbauten verengt wird. Sie beschreibt die unterschiedlichen Milieus der Party-People, des internationalen Lifestyle-Mittelstands oder der kunstwollenden Hipster, die sich die Projektionsflächen zu eigen machen und sich so Sinnhaftigkeit für ihr Leben erhoffen. Dies tut die Autorin aber nicht mit Bitterkeit oder mit einer ideologisch gesalbten Attitüde, sondern mit Sprache, mit verqueren Ideen und mit einem ironisch-heiteren Ton, der den Leser wie einen Ballon durch verwinkelte Geschichte schweben lässt.

So zieht im Buch auch eine Protestbewegung gegen den neuen Investorenschreck auf, zu deren Höhepunkt die Berliner Philharmoniker zusammen mit Nina Hagen auf dem Tempelhofer Feld, quasi der größten Leerfläche im Herzen der Stadt, aufspielen. Unter dem Motto: »Herz mit Schnauze voll.« An einer anderen Stelle verhandelt sie auf subtile Art die gesellschaftspolitische Gefahr, mit der andere die Leere der Stadt befüllen wollen: Anhand der Sinnhaftigkeit eines retro-modernistischen Wiederaufbaus des Berliner Schlosses, dem eine gedankenlose und folgenschwere Bedeutungsleere unterstellt wird, der wiederum eine Bedeutung der eigenen Art innewohnt: »Man konnte es als steinerne Bekräftigung des Willens zur Bedeutungslosigkeit begreifen, obgleich die für den Bau Verantwortlichen natürlich anderes behaupteten. Sie glaubten sich nicht vom Willen zur Bedeutungs-, sondern vom Willen zur Harmlosigkeit geleitet.« Die Erzählerin kommt zu dem Schluss: »Doch ist das ein gefährliches Vorgehen, weil sie, indem sie es harmlos haben wollten, dieses Gebäude schutzlos denen auslieferten, die grimmig nach Bedeutung suchen und diese, sobald sie die Mittel dazu hätten, diesem Gebäude ebenso aufpfropfen würden wie der es umgebenden Stadt, dem es umgebenden Land.« Diese zwei Seiten der Leere sind das Grundkonzept des Buches - das Spiegeln von Ideen oder Identitäten.

Um einen waschechten Berlin-Roman handelt es sich bei »Echos Kammern« also nicht. Denn Hanika geht es grundsätzlich um die Einebnung der urbanen Freiräume und um das Spiel von Lebensentwürfen, die sich einerseits aus diesen Räumen ergeben und andererseits ergeben sollen, wenn Menschen hoffen, dass sich ihre eigene Leben im Spiegel dieser Flächen aufwerten. Daraus ergibt sich mitunter ein absurder Tanz der Ideen, Sinnsuche und Selbstverwirklichung.

Das andere Ende der Geschichte (im Roman eigentlich der Anfang) spielt in New York, das an einem ähnlichen Schicksal wie Berlin leidet. Es sind Städte, die einst für Träume, Sehnsüchte und Freiheit standen und die seit geraumer Zeit von der Walze der Gentrifizierung eingeebnet werden. Diese Sehnsüchte werden anhand dessen erzählt, was Menschen zu Menschen macht: die Liebe, die einem, so die weitläufige Hoffnung, zu einem sinnhaften Leben verhelfen mag. Zu welchem Wahnwitz dies mitunter führt, zeigen die Protagonistinnen und Protagonisten, die sich in ihren reizüberfluteten Leben unglücklicherweise mit den Auswüchsen des urbanen Liebesreigens herumschlagen. Sie alle sind Großstädter, die Frauen im gehobenen Alter, und im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der sich akademisch an der komplexen und schwer zu fassenden Geschichte der West-Ukraine abarbeitet. Auch in diesem Thema spiegelt sich das grundlegende Muster der Identitätskrisen, die in dem Roman literarisch, poetisch und ironisch verhandelt werden.

Dieser Josh von der Elite-Uni Yale ist selbstverliebter Aufschneider mit »einem olympischen Strahlen«, was Sophonisbe längst durchschaut hat, die zweite Protagonistin Roxana aber noch leidvoll erfahren muss. Dieses wahnhafte und neurotische Liebessuchen wird wie ein antiker Mythos aufbereitet, aber durch sprachliche Einwürfe, kreative Spielereien aller Art und formtechnische Experimente immer wieder ironisch durchbrochen. Der eigentliche Mythos, der als große Klammer für Hanikas fröhlich-tragische Gegenwartsbegehung dient, ist der von Echo und Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und Echos Liebe nicht erwidern konnte. Die Nymphe wiederum verlor ihre Fähigkeit, eigene Gedanken auszudrücken. Auch Hanikas Protagonisten spiegeln diese Elemente in ihren Handlungen oder Psychogrammen wider oder tragen sie wie Ikonen der Pop-Art vor sich her.

Dies verleiht dieser ungewöhnlichen Arbeit den entsprechenden Tiefenraum, um nicht zu sagen, eine geräumige Echokammer, in der alles hoffnungslos zurückschallt. Dass man sich gerne und mit Leichtigkeit in dieser hallenden und durchaus labyrinthartigen Echokammer bewegt, liegt an Iris Hanikas großem Kunstkönnen. »Mythen in Tüten« beispielsweise wird als Sophonisbes erster Gedichtband erwähnt, was nicht nur ironisches Wortspiel ist, sondern wiederum auf eine Band der Neuen Deutschen Welle hinweist, die bekanntlich Anfang der 80er Jahre als musikalische Experimentierbewegung einer neuen Lust an der Selbstverwirklichung in den Städten entstand.

Eröffnet wird »Echos Kammern« mit einem Zitat von Daniil Charms. Der russische Schriftsteller und Lyriker lehnte sich in seinem Werk mit der Kraft der Sprache und des sprachlichen Experiments gegen die Sinnlosigkeit und Absurdität des Daseins auf. Dabei schwang häufig ein düster-fröhlicher Ton mit, der die eigentliche Hoffnungslosigkeit des Dahinlebens, in das wir mit der Geburt hineingeworfen werden, erträglicher, wenn nicht geradezu amüsant macht. Auch für Hanika ist die Sprache das Mittel, um Lebensformen auszuloten, sie in ein beschreibendes und begreifendes, man kann wohl sagen, schönes Gewand zu hüllen und um so das Leben an sich auszuhalten - und ihm, eben, einen Sinn zu geben. Wer andere Arbeiten von Hanika kennt, weiß, dass es keine klassischen Geschichten sind, die den Leser erwarten, sondern eine Suche nach einer Sprache und einer Form, für das, was einen so durchs Leben trägt, schleift oder drängt. In diesem Roman sprüht diese Suche vor greller Strahlkraft und überbordender Lebenssucht, wie in einem Sommernachtstraum.

Iris Hanika: Echos Kammern. Droschl, 240 S., geb. 22 €.

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