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»Dein ganzes Leben ist stigmatisiert, wenn du arm bist!«

Ein viraler Tweet entlarvt die Doppelmoral, mit denen unsere Gesellschaft arme Menschen abwertet.

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Was gilt als schick, wenn es Reiche machen, wirkt aber billig, wenn Arme es tun?« Das fragte eine junge Neuseeländerin 2016 ihre kleinen Followerschaft auf Twitter. »Einen ganzen Tag nichts machen«, antwortete ein Nutzer. Für Reiche sei das eine »verdiente Auszeit, um neue Kraft zu sammeln«, arme Menschen hingegen gelten einfach als faul. »Wegen der Arbeit in ein anderes Land emigrieren«, kommentierte eine Frau, »Secondhand-Kleidung tragen«, eine Andere. Fast 30 000 Menschen haben bis heute auf die Frage reagiert. Diese Woche ging der vier Jahre alte Tweet in den USA viral.

Dass ein – in Internetjahren – uralter Beitrag so angeregt diskutiert wird, ist kein Zufall. Die Frage trifft gerade in den USA einen Nerv: Seit dem Ausbruch der Coronapandemie haben über 36 Millionen Menschen ihren Job verloren. Viele erleben plötzlich, was es bedeutet, arm zu sein – und das heißt eben nicht nur, kein Geld zu haben, sondern auch mit einem enormen gesellschaftlichen Stigma zu kämpfen.

Ein Stigma war bis in die Neuzeit ein äußerliches Merkmal, das einer Person zugefügt wurde, um sie zu ächten: Prostituierten wurden die Haare abgeschnitten, ehrenlosen Männern die Ohren durchtrennt, und dem Dieb gleich die ganze Hand abgehackt. In modernen Gesellschaften verläuft die Ächtung ohne Blutvergießen, die Stigmatisierung ist subtiler: Nicht ein sichtbares Merkmal, eine Eigenschaft oder Tätigkeit an sich wird abgewertet, sondern erst in Verbindung mit dem Individuum diskreditiert: Die Jogginghose einer alleinerziehenden Mutter gilt als »asi«, aber an dem Hollywoodstar auf dem Ledersofa geht sie als schicke »Loungewear« durch.

Das Spannende ist: Ohne diesen Vergleich zu der angeblichen »Norm«, den Reichen, funktioniert auch die Stigmatisierung nicht: Soziologen beobachten immer wieder, dass Kinder, die in einem armen, homogenen Umfeld aufwachsen, lange Zeit keine Ahnung haben, dass ihr Verhalten von Anderen abgewertet wird. Erst als Jugendliche erkennen sie die feine Trennlinie, die die oberen Gesellschaftsschichten zwischen der Neuköllner Wohnung ihrer Großfamilie und der gegenüberliegenden Hipster-WG, dem Jahr der Arbeitslosigkeit des Vaters und dem Sabbatical seines Chefs ziehen. Und versuchen in der Folge alles, um diese Abgrenzung zu überwinden. Echter Schmuck, großes Auto, Markenklamotten – all das, womit die Reichen glänzen, zieht die Armen aber nur tiefer ins Stigma. An ihnen gilt es schlicht als »prollig«.

Ähnliche Stigmatisierungsprozesse erleben übrigens Menschen, die sich in einer ihnen fremden Gesellschaft sozialisieren müssen. Sie kopieren das Verhalten der »Alteingesessenen«, um sich anzupassen, und müssen doch feststellen, dass für sie andere Maßstäbe gelten: Ihre arabische Muttersprache wird als Integrationshindernis gebrandmarkt, während der Alman, der Arabisch beherrscht, schon als halber Diplomat gefeiert wird.

Schon aus diesen Beispielen wird klar, dass die Doppelmoral, die die zahlreichen Antworten auf den viralen Tweet verdeutlichen, kein US-amerikanisches Phänomen ist. Natürlich sind die Unterschiede in einem Land, in dem ein Promipaar sich den drei Meter breiten Kühlschrank mit Swarovski-Steinchen verkleiden lässt, während jeder siebte Bürger regelmäßig vor den karitativen Essensausgaben ansteht, besonders offensichtlich. Aber die Schere zwischen Arm und Reich geht auch hierzulande auseinander, die Stigmatisierung wird zunehmend zu einem Mittel der oberen und mittleren Schichten, um sich von den Abgehängten abzugrenzen.

Das zeigen auch die zahlreichen Antworten unserer Leser*innen, die wir auf Instagram gefragt haben, was in ihrem Umfeld als schick gilt, wenn es Reiche machen, aber abgewertet wird, wenn es Arme tun. »Wenige Möbel in einer fast leeren Wohnung«, »die 80er Klamotten der Eltern auftragen«, »Alkohol zum Frühstück«, »Geld vom Staat erhalten«, »in Bar bezahlen«, »mit der ganzen Familie grillen«, »Kinder in die Welt setzen« … – die Liste war lang. Am Ende hat es ein Leser auf den Punkt gebracht: »So ziemlich alles. Das ganze Leben ist stigmatisiert, wenn du arm bist.«

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