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Fehlendes Nass

In großen Teilen Deutschlands ist das Wasserdefizit der letzten Jahre trotz gelegentlichen Regens noch nicht aufgefüllt

Von Ingrid Wenzl

Je nach Region viel zu trocken oder viel zu nass, brachte der Sommer 2018 für die Landwirtschaft der ganzen nördlichen Hemisphäre große Ernteeinbußen. Über Deutschland hing bei spanischen Temperaturen wochenlang ein Hochdruckgebiet und ließ keinen Regen auf die ausgedörrte Erde fallen. Auch im vergangenen Jahr fiel die Anbauperiode deutlich trockener aus und setzte Wald und landwirtschaftlichen Flächen kräftig zu, gerade weil keine Reserven aus dem Vorjahr den ausbleibenden Regen ausgleichen konnten. Wissenschaftler*innen des GeoForschungsZentrum (GFZ) und der Universität Potsdam um Eva Börgens haben nun das Ausmaß des Defizits der Wasserspeicher Mitteleuropas in den Dürrephasen dieser beiden Jahre ermittelt und ihre Ergebnisse im Fachjournal »Geophysical Research Letters« vorgestellt. Bezogen auf die langfristige mittlere Klimavariabilität schrumpften 2018 demnach die Reserven in Oberflächengewässern, Boden und Grundwasserleitern um rund 112 Gigatonnen. 2019 waren es sogar 145 Gigatonnen. Die Wissenschaftler*innen stützen sich bei ihren Berechnungen auf Messungen der im Mai 2018 gestarteten Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery and Climate Experiment Follow On).

So hätten im vergangenen Winter fast doppelt soviel Niederschläge wie sonst fallen müssen, um die Speicher wieder zu füllen. Dies war jedoch nicht der Fall: Trotz großzügiger Regenfälle im Februar, dem hierzulande traditionell nassesten Monat, fiel auch dieses Frühjahr wieder deutlich zu trocken aus. Nahezu sechs Wochen in Folge schien die Sonne von einem blauen Himmel. »Nach den aktuellsten Zahlen lag das Defizit der Wasserspeicher im Mai 2020 (also vor den ohnehin trockeneren Sommermonaten) bereits wieder bei 131 Gigatonnen. Die Entspannung durch die Regenfälle im Winter ist damit quasi schon wieder vorbei«, resümiert Börgens.

Es handele sich um die größte hierzulande gemessene Wasserknappheit, seitdem GRACE, der Vorgänger von GRACE-FO, im Jahre 2002 seinen Betrieb aufnahm. Im Oberboden gab es zwar noch genügend Wasser für das Getreide, nicht aber im Unterboden: Der Waldzustandsbericht 2019 zeigt die größten Schäden seit Beginn der Erhebungen im Jahre 1984. Neben einer Zunahme deutlicher und mittlerer Kronenverlichtungen starben zwischen 2018 und 2019 überdurchschnittlich viele Bäume ab. Der Forstwissenschaftler Henrik Hartmann führt das aktuelle Baumsterben in erster Linie auf die Dürre 2018 zurück: »Die Folgeerscheinungen rollen ab, unabhängig davon, wie viel Regenfälle es aktuell gibt«, analysiert er. »Der Schaden ist schon entstanden, die Folgen zeigen sich jetzt.« Dabei treffe es auch Baumarten, die bislang als relativ trockenbeständig galten wie Buche und Kiefer. Damit sei noch unklar, wo die Reise eigentlich hingehe. Der Deutsche Dürremonitor des Helmholtzzentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig zeigt vor allem in Ostdeutschland weiterhin ein großes Wasserdefizit im Gesamtboden: »Es müsste viele Wochen überdurchschnittlich viel regnen, um das auszugleichen«, sagt Andreas Marx, der dieses Instrument mitentwickelt hat.

Tatsächlich liegen die Niederschläge seit Anfang Juni über die Geamtfläche Deutschlands verteilt im vieljährigen Mittel, wie Andreas Brömser vom Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilt. Dabei gab es jedoch große regionale Unterschiede: Im Juni war es in einem Streifen von Nordwest- bis Südostdeutschland überdurchschnittlich nass. »Teils deutlich zu trocken war es hingegen entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse, zwischen Weser und Unterelbe sowie vom östlichen Mitteldeutschland bis zur Oder«, so der Meteorologe. Im Juli fiel bisher außer in Norddeutschland und dem Alpenraum ebenfalls kaum Niederschlag.

Während sich in den Gebieten mit viel Regen damit die Lage deutlich entspannt hat und die Böden in Südbayern zeitweise sogar zu nass waren, um bearbeitet werden zu können, reichten die Regenmengen entlang des Rheins und großen Teilen Ostdeutschlands gerade so, um großen Trockenstress in der Landwirtschaft zu verhindern. »Die Erträge von Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben sind stark von den Niederschlägen der nächsten Wochen abhängig, da der Boden in den trockenen Regionen kaum gespeichertes Wasser bietet«, erklärt Brömser. Ingrid Wenzl

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