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Alle zusammen unter einer Decke oder Eltern zu zweit: Die für alle perfekte Fürsorgegemeinschaft ist noch nicht gefunden.
Eltern in Coronakrise

Eltern und der Rest der Welt

Ein Plädoyer für Beziehungsformen jenseits der Kleinfamilie.

Von Nicola Eschen und Almut Birken

Sechs Wochen mit den Kindern zu Hause, ohne Betreuung, ohne Pause, ohne Großeltern, nicht selten bei gleichzeitigem Zwang zum Homeoffice. Was für einige Menschen ohne Kinder ein Experiment zur Entschleunigung und mit selbstbestimmteren Arbeitsformen war, geriet für die Kleinfamilie zum Stresstest. Vielen, die gerade zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice zerrieben wurden, wird der Wunsch nach der Überwindung dieser Form des Zusammenlebens plötzlich nur allzu plausibel erscheinen.

Tatsächlich war der Corona-Lockdown ein trauriger Höhepunkt von häuslicher Gewalt in vielen Familien, gerade gegen Kinder, sowohl in der Quantität als auch in der Qualität der sichtbaren Verletzungen. Und selbst die fortschrittlichsten pädagogischen Einstellungen und die besten Vorsätze schützen Eltern nicht davor, den Druck des Alltags an ihre Kinder weiterzugeben. Gleichzeitig offenbarte sich wie unter einem Brennglas, dass die Balance der Kleinfamilie fragil ist und vor allem äußerer Stabilisierungsfaktoren bedarf - bricht die Kinderbetreuung außer Haus weg, wird es brenzlig. »Ich denke, Ohnmacht und Gewalt sind in der Erziehung in der Kleinfamilie angelegt, in der Eltern und Kinder über Jahre hinweg, oft auf engem Raum, einander ausgesetzt sind«, schreibt ein linker Vater in dem von uns herausgegebenen Sammelband »Links leben mit Kindern«. Im Kontrast dazu machte sich der Lockdown in kollektiven Lebenszusammenhängen weniger empfindlich bemerkbar. Wo, wie in einer 13-köpfigen Kommune in einem Dorf nahe Potsdam, ohnehin gemeinsam gekocht wird und sich die Kinderbetreuung auf mehrere Erwachsene verteilt, blieb etwas Arbeitszeit übrig, aber auch Zeit für Geselligkeit mit anderen Erwachsenen.

Es ist Zeit, außerhalb jener Box zu denken, in die wir und circa acht uns vorangegangene Generationen hineingeboren wurden; es ist Zeit, das 200 Jahre alte Modell Kleinfamilie nun durch erfüllendere Lebenskonzepte zu ersetzen. Einige soziale Bewegungen und Milieus haben solche Versuche gewagt: Gegen den Siegeszug der Kleinfamilie im 19. Jahrhundert sind im Zuge der russischen Revolution wieder Alternativen zu dem Modell Mutter-Vater-Kind in kleiner Wohneinheit ausprobiert worden, und in der bundesdeutschen 68er-Bewegung entstanden kollektive Wohnexperimente, denen wir die heutige Verbreitung von WGs zu verdanken haben. Die von uns interviewte Kommune ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass das kollektive Leben mit Kindern nicht nur praktisch ist, sondern durch solidarische Strukturen auch Existenzängste abzufangen vermag, allem voran aber Freundschaften und vielfältige soziale Beziehungen ermöglicht.

Gleichwohl zeigen gelebte Erfahrungen von kollektivem Leben mit Kindern, dass es weit mehr braucht als Experimentierfreudigkeit und die Einsicht, dass es allen ohne die Kleinfamilie objektiv besser ginge. Viele persönliche Erfahrungsberichte von Eltern sowie von Nicht-Eltern, die sich zu alternativen Familienmodellen zusammengetan haben, erzählen davon, wie die Beteiligten teilweise krachend scheiterten, teilweise aber auch unter Anstrengungen die Utopie eines glücklichen Lebens in Gemeinschaft meistern.

Zu Beginn unseres Projekts fragten wir uns und andere: Wenn alle dasselbe wollen, warum ist es dann so schwierig, diese Lebenszusammenhänge nicht nur zu starten, sondern auch langfristig mit freudvollem (!) Leben zu füllen? Sicherlich, die Familienpolitik und die Bedingungen des real existierenden Kapitalismus haben uns im vergangenen Jahrhundert fast jegliche Fähigkeit abgewöhnt, etwas anderes als Vater-Mutter-Kind für möglich oder gar sinnvoll zu halten - abgesehen davon, dass Alleinerziehende zumindest nicht mehr als Ufo gelten. Erwerbsarbeit und die gängige Architektur - der Siegeszug der Dreizimmerwohnung - tun ihr übriges. Jedoch stellt sich die Frage nach den Schwierigkeiten noch einmal ganz neu, sobald man die ersten Schritte auf diesem wackeligen Terrain der alternativen Lebenszusammenhänge gewagt hat. Denn da fangen die Probleme schon bei der Frage an, wer bei aller Begeisterung jetzt die Krümel unterm Kinderstuhl wegfegt.

Und was tun Menschen, die verbindlich die Sorge für die Kinder eines befreundeten Paares übernehmen, also Co-Eltern werden wollten, aber damit keine rechtlichen Ansprüche gegenüber den leiblichen Eltern erringen? Sie machen womöglich die Erfahrung, sich für ein Leben mit einem Kind entschieden zu haben, das ihnen umstandslos wieder genommen wird, weil die leiblichen Eltern doch kalte Füße kriegen. Oder eine WG-Mitbewohnerin etabliert sich über Jahre als wichtige Bezugsperson im Leben eines Kindes und entscheidet sich nun doch für die Karriere oder die Liebe in einer anderen Stadt. Wer die Erfahrungsberichte von Eltern wie Co-Eltern, von Sitzengelassenen und von Dableibenden hört, bekommt eine Vorstellung davon, was es praktisch und emotional bedeutet, etwas anderes als Kleinfamilie zu leben - im Schlechten wie im Schönen.

Wir denken an die Gespräche, die wir für unser Buch führten, um zu erfahren, wann solche alternativen Familienentwürfe gelingen. Anna und Eva zum Beispiel. Anstatt sich von ihrem jeweiligen Partner zu trennen, der ihren Kinderwunsch nicht teilte, entschieden sie sich als Freundinnen, gemeinsam ein Kind zu bekommen und für dieses zu sorgen. Was für ein inspirierendes Beispiel dafür, Freundschaft gleichwertig neben die romantische Liebe zu stellen, wo doch in den Biografien der meisten Menschen, die irgendwann einmal vom Kleinfamilienmonster gefressen wurden, Freund*innen immer nur an zweiter Stelle kommen - bis man im Alter nach dem Tod des geliebten Partners oder nach der Trennung plötzlich sehr allein ist.

Dagegen erleben viele andere Eltern, wie der Freundeskreis nach der Geburt ihres Kindes bröckelt. Die Elterngesellschaft und der Rest der Welt erscheinen wie Parallelwelten mit gelegentlichen Berührungen. Der Wechsel von der einen in die andere Welt ist nicht unbedingt freiwillig, und er ist mit großen Verlusten verbunden. Umso bitterer ist diese Erfahrung innerhalb eines linken Milieus, das doch solidarisch und feministisch sein, das Patriarchat und die Kleinfamilie überwinden will.

Mit unserem Buch provozieren wir auf solidarische Weise nicht zuletzt dieses linke Milieu: Es ist gut, dass wir die Kleinfamilie vom Sockel stoßen wollen - los geht’s mit der Fürsorge-Revolution, der Care-Revolution! Denn wer möchte, dass auch Eltern sich beispielsweise weiterhin politisch engagieren können, wer etwas Besseres als die Kleinfamilie vorfinden will, muss sich in praktischer Solidarität üben, auch wenn dies unsere Lebensplanung verändert oder sie auf den ersten Blick beschneidet. Nennen wir dies selbstbestimmte Abhängigkeit.

Tatsächlich sind wir als Menschheit zeitlebens voneinander abhängig, denn allein könnte niemand seine materiellen und sonstigen Bedürfnisse stillen. Umgekehrt geht auch die Bedürftigkeit eines jeden anderen Menschen uns persönlich etwas an: Dies ist der Inhalt linker Politik. Dabei ist es erfreulich, dass Menschen heute nach einem selbstbestimmten Leben und individueller Entfaltung streben. Das ist eine (auch feministische) Errungenschaft!

Fatal wird es jedoch, wenn wir der Illusion erliegen, zu irgendeinem Zeitpunkt unseres Lebens verantwortungslos frei zu sein. Wir tragen Verantwortung für die Gesellschaft, in der wir leben, und wir tragen Verantwortung für unser Nahumfeld. Dort brauchen wir Beziehungsformen zwischen Menschen, die liebevoll und verbindlich sind, befreiend und stützend. Diese Notwendigkeit ist auch nicht beschränkt auf die Forderung nach Solidarität mit Kindern. Sie gilt ebenso für all jene Menschen in Pflegeheimen, die es so sicherlich nicht gäbe, wenn alle, die einmal dort leben werden, sich das schon dreißig Jahre vorher klarmachen würden. Das Altwerden mit Kindern in gemeinschaftlichen Lebenszusammenhängen wäre hier einige Versuche wert.

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