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Sorgearbeit

Luxus der Zeit

Die Corona-Pandemie hat Sorgearbeit sichtbarer gemacht. Doch feministisches Wissen bleibt oft unzugänglich. Das liegt auch an mangelnder Selbstkritik

Von Lisa Winter

Die Coronakrise hat in den Medien und unter Feminist*innen eine breite Debatte über die Ungleichbehandlung von Frauen* insbesondere in der Sorgearbeit angestoßen. Doch nicht alle können etwas mit der Debatte anfangen. Warum?

Zunächst einmal gibt es nicht die eine feministische Debatte. Es gibt viele verschiedene, die zum Teil Berührungspunkte haben oder parallel zueinander verlaufen. Einige versuchen, die Personen, die unmittelbar betroffen aber weniger privilegiert sind, mitzunehmen. Ein Hindernis ist häufig die akademische Sprache, in der diese Debatten geführt werden. Dadurch sind sie nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Um einen persönlichen Einblick zu teilen: Ich habe einen pflegebedürftigen Vater, und wenn ich seinen beiden Pflegekräften gegenüber die »Care-Revolution« erwähne, schauen sie mich an und fragen, wovon ich spreche. Sie haben nicht den Zugang zu dieser Debatte und auch nicht die Zeit und die Ressourcen, sich daran stark zu beteiligen. Sie führen aber natürlich genauso ihre Kämpfe um einen besseren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Sie sind nicht nur Opfer. Aber es stimmt, dass feministische Debatten zum Teil etwas abgehoben sind.

Für wen werden diese Debatten geführt, wenn sie so fern von den Lebensrealitäten vieler Betroffener sind?

Die Frage ist, ob man überhaupt Debatten für jemanden führen kann, wenn diese Personen sich nicht selbst repräsentieren können. Für Personen, die in der Hausarbeit oder in der Pflegearbeit tätig sind, stellt sich die Frage, wie sie sich überhaupt organisieren und somit selbst repräsentieren können. Haben sie überhaupt die Zeit? Dennoch würde ich es nicht ganz so ausschließend sehen. Natürlich profitieren sie auch so von diesen Debatten, wenn sie zu einer positiven Veränderung führen. Aber tatsächlich bleibt in Sachen Selbstrepräsentation noch immer einiges offen.

Wenn die Sprache mitunter ein Hindernis ist, das Menschen von feministischen Debatten ausschließt - warum geht es nicht einfacher?

Die Forderung nach Vereinfachung hat zwei Seiten: Klar, Zugänglichkeit ist ein schönes Ziel. Das Buch der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin bell hooks »Feminism is for Everybody« (Feminismus ist für alle da) ist ein tolles Beispiel, wie man durchaus komplexe Dinge sehr zugänglich formulieren kann. Es wurde leider bisher noch nicht auf Deutsch veröffentlicht. Gleichzeitig möchte ich den akademischen Feminismus verteidigen. Man kann nicht alle Dinge beliebig ausdrücken und vereinfachen. Die Welt ist nun mal komplex, daher braucht es komplexe Analysen und komplexe Gedankengänge. Was akademischen Feminist*innen vielleicht manchmal fehlt, ist es, sich zu überlegen, welche Teile der Analysen so wichtig und relevant sind, dass sie vereinfacht dargestellt werden müssen, damit sie für alle zugänglich sind.

Worin unterscheidet sich der akademische vom aktivistischen Feminismus?

Natürlich gibt es viele Überschneidungen: Akademische Feminist*innen sind auch aktivistisch oder greifen in ihren Arbeiten aktivistische Forderungen auf. Doch die Spielregeln in beiden Feldern sind sehr unterschiedlich. Im Aktivismus steht die kollektive Wissensproduktion im Zentrum: Wir erarbeiten uns gemeinsam etwas. Im akademischen Feld ist die Wissensproduktion notwendigerweise an wissenschaftlichen Standards ausgerichtet. Und die haben sich in den letzten zehn bis 15 Jahren ziemlich zugespitzt: Konkurrenzdruck, Publikationsdruck, Werben um Drittmittel.

Was sind die Konsequenzen dieser Entwicklung?

Inhaltlich führt das zum Teil dazu, dass man sich mit anderen Fragen beschäftigt. Die Freiräume sind im akademischen Feminismus enger geworden. Es ist schwieriger, Wissen zu produzieren, das akademisch nicht so angesehen ist, für den Aktivismus aber wichtig wäre. Feminist*innen der 1970/80er Jahre erzählten mir zudem, dass sie viel mehr Zeit hatten. Unter dem Abbau von Sozialstaatlichkeit, dem Zerfall von solidarischen Netzwerken und verschärften Studien- und Arbeitsbedingungen leidet die gemeinsame Wissensproduktion.

Was bringt akademisches feministisches Wissen im nicht-akademischen Raum konkret, beispielsweise der Supermarktverkäuferin, Hausfrau oder Pflegerin?

Was die unmittelbare Wirksamkeit auf Veränderungen in sozialen Feldern betrifft, dürfen wir akademischen Feminismus nicht überschätzen. Der Nutzen zeigt sich nur vermittelt. Es fällt mir etwas schwer, solche Worte in den Mund zu nehmen: Aber beispielsweise in der Politikberatung, Lobbyarbeit, durch Kontakte zu staatlichen Stellen. Das sind durchaus Wege, worüber - zumindest etwas - Einfluss ausgeübt werden kann. Auch durch Kommentare in den Massenmedien oder durch Fernsehauftritte kann man das gesamtgesellschaftliche Klima beeinflussen. Was bringt es dem Aktivismus? Akademische Feminist*innen haben den Luxus, bezahlte Zeit zu haben, um Dinge zu reflektieren und in einen größeren Kontext zu setzen. Das kann sinnvoll sein, wenn es gelingt, dass Austausch auf Augenhöhe stattfindet.

Der Vorwurf des elitären Feminismus ist auch ein Bild, das oft von Antifeminist*innen genutzt wird.

Ich glaube nicht, dass es zufällig ist, dass dieses Argument relativ erfolgreich ist - auch über diese Personengruppe hinaus. Manche Gleichstellungspolitiken kommen in einer sehr technokratischen Sprache daher und stehen neoliberalen Politiken nahe. Zum Beispiel die Debatte um Quoten im Aufsichtsrat. Das ist elitär, das betrifft nur eine kleine Gruppe an Menschen und ist eher kein gesellschaftlich relevantes Problem. Aber es sind natürlich auch nicht die Feminist*innen, die dann gerade solche Themen groß machen.

Es wird oft gefordert, dass der Feminismus alle ansprechen soll, unabhängig ihrer sozialen und ethnischen Herkunft. Inwieweit ist diese Forderung realistisch?

Es gibt nicht den einen Feminismus, es gibt viele Feminismen. Und es ist auch nicht das Ziel, dass es einen Feminismus für alle geben muss. Wichtig ist, sich darüber bewusst zu sein, dass man als weiße Feministin eine partikulare Position hat, die nur eine Position unter ganz vielen ist. Es wird immer Menschen geben, die eine andere politische Auffassung vertreten. Alle anzusprechen ist ein Ideal, dem ich mich auch gern verschreiben würde. Doch das bloße Bekenntnis, alle ansprechen zu wollen, ist oft noch zu wenig. Wie müsste ich denn beispielsweise eine Veranstaltung organisieren, die tatsächlich für alle zugänglich ist? Ist das, was für mich relevant ist, auch für die, die ich ansprechen will, relevant? Einen bescheideneren Anspruch fände ich gut: Alle anzusprechen in dem Sinne, dass ich mit möglichst vielen Menschen der unterschiedlichsten Hintergründe in einer Konversation bin.

Was muss der akademische Feminismus noch lernen?

Zum einen eine selbstkritische Herangehensweise, die ich in aktivistischen Feminismen sehr viel stärker sehe. Dazu gehört, sich mit der eigenen Positionen stärker auseinanderzusetzen: Wo komme ich her, was sind die Hintergründe, vor denen ich mein Interesse entwickele, für wen gilt das, wen berücksichtige ich nicht, und wie kann ich trotzdem Allianzen aufbauen? Auch wird die Frage vernachlässigt, was es mit feministischem Wissen macht, wenn man es in ein immer weiter beschleunigendes, in ein auf Exzellenz und Geschwindigkeit fokussiertes System einspannt. Was sind denn die Kriterien, nach denen Personen für einen Job an der Uni ausgewählt werden? Benachteiligen diese nicht systematisch bestimmte Menschen? Welche Literatur wird zitiert? Nur die großen weißen Theoretiker*innen? Viele Texte von migrantischen Aktivismusgruppen tauchen nicht auf, weil sie nicht den wissenschaftlichen Zitationsstandards entsprechen. Die akademische Welt hat hohe Schranken und ist deswegen noch immer sehr weiß und sehr privilegiert. Viele nicht-weiße Stimmen fehlen an den Akademien, weil sie gar nicht reinkommen.

Ist das im aktivistischen Feminismus anders?

Meiner Meinung nach ja. Das hat sich aber nicht von selbst so ergeben, sondern durch harte Arbeit von migrantischen Aktivist*innen, die sich Gehör verschafft haben und immer wieder geschrien haben: »Wir sind auch da! Wir haben auch etwas zu sagen und zwar etwas total Wichtiges!« Was aber nicht bedeutet, dass es heute keine weiße Dominanz mehr in aktivistischen Strömungen gibt.

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