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»Hört wie es klingt, der Busch-Chor singt«: Demnächst könnte auch der einstige Veteranenchor der SED wieder Lieder schmettern.
Chöre in Berlin

Seit viereinhalb Monaten auf Entzug

Keine großen Proben, keine Auftritte: Berlins Chöre sind noch immer im Shutdown.

Von Rainer Rutz

Die meisten von uns hatten nach spätestens zwei Monaten chorloser Zeit Entzugserscheinungen«, sagt Regine Marzahn-Blöcher. Sie ist Ensemblemitglied des Hanns-Eisler-Chors, der sich wie alle anderen Berliner Chöre seit nunmehr viereinhalb Monaten in der coronabedingten Zwangspause befindet. Nicht nur für Marzahn-Blöcher eine halbe Ewigkeit. Auch Daniel Selke, künstlerischer Leiter des Ernst-Busch-Chors Berlin, sagt: »Jeder weiß, dass Gesang unser Leben ist.«

Keine adäquaten gemeinsamen Proben, keine adäquaten Auftritte: Allein dem Chorverband Berlin, der größten Amateurmusikorganisation der Hauptstadt, gehören etwa 290 Ensembles mit ungefähr 11 000 Sängern und Chorleitern an, darunter die rund 75 Männer und Frauen des Busch-Chors und die um die 60 Aktiven des Eisler-Chors. Und für sie alle geht der Mitte März begonnene Shutdown vorerst weiter, während um sie herum und in allen Lebensbereichen schon vor Wochen gelockert wurde, was das Zeug hält.

Seit der Senat Ende Juni die Sars-CoV-2-Infektionsschutzverordnung erlassen hat, tobt denn auch eine Art Kulturkampf um das Chorsingen, findet sich doch in dem Papier der Passus: »In geschlossenen Räumen darf nicht gemeinsam gesungen werden.« Alles erlaubt, nur das Chorsingen nicht? Der Chorverband war empört. »Daraus folgt eine akute Gefährdung aller Chöre im Land Berlin«, hieß es in einem flugs darauf verfassten Brief an Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Die Rede war vom »Auslöschen von Kulturgut« und »Berufsverbot« für Chorleiter und Sänger.

Lederer selbst verteidigte sich mehrfach. Erst vor gut zehn Tagen verwies er nach einem Gespräch mit dem Chorverband und dem Landesmusikrat auf »die unverändert kritische Pandemielage und die inzwischen als gesichert geltende besondere Risikosituation durch Aerosolverbreitung der Virenlast, die beim Gesang besonders hoch ist«.

Anders als die Vertreter des Dachverbands kann Daniel Selke die Zurückhaltung der Kulturverwaltung nachvollziehen. Nicht nur, weil Selke, obwohl selbst Jahrgang 1983, mit dem Busch-Chor einen »Seniorenchor« leitet, der sich auch explizit als solcher versteht: »Unser ältestes Mitglied wird kurz vor Wehnachten 92.« Auch kenne er den Senator persönlich. Schon deshalb sei für ihn klar, dass Lederer »den Chorgesang ganz sicher nicht verbieten will, wenn er den gesundheitlichen Risiken Tribut zollt«. Natürlich seien die Mitglieder des Busch-Chors »traurig, auch manchmal ungeduldig, denn viele vorbereitete Projekte sind halt leider nicht möglich, neue Lieder übers Internet einzustudieren, funktioniert nicht«. Aber Corona sei schlichtweg eine Konfliktsituation, in der Entscheidungen zu treffen sind, ohne dass man mit Gewissheit sagen könne, »was nun wirklich richtig ist«.

Das sieht Regine Marzahn-Blöcher vom Eisler-Chor ähnlich. Auch sie mahnt zur Gelassenheit, »bei allem Frust«. Die Kulturverwaltung müsse eben »den Spagat bewältigen, die Chöre nicht sterben zu lassen, dabei aber gleichzeitig für gesundheitlich akzeptable Bedingungen zu sorgen«. Außerdem seien Verordnungen nun einmal Verordnungen. »Da müssen wir uns eben auch dran halten«, sagt die pensionierte Gesamtschullehrerin, die seit 1975 beim Eisler-Chor dabei ist.

Busch- und Eisler-Chor: Das klingt nach einem Zwillingsprojekt. Die Ende der 1920er Jahre entstandenen Kampflieder des Komponisten Hanns Eisler gehören schließlich in der Interpretation durch den Sänger Ernst Busch zu den »Evergreens« der kommunistischen Arbeiterbewegung und darüber hinaus. Tatsächlich verbindet die beiden Chöre einiges. Beide wurden 1973 gegründet, beide entstanden im Umfeld einer Sozialistischen Einheitspartei, allerdings auf der jeweils anderen Seite der Mauer: der Busch-Chor als sangesbegeisterte Initiative von Parteiveteranen der SED in Ostberlin, der Eisler-Chor als Projekt von Lehramtsstudenten, die mehrheitlich der SEW nahestanden, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins.

Zwar setzt sich gut ein Drittel des Eisler-Chors bis heute aus jüngeren Sängern zusammen, »teilweise sogar deutlich jüngeren, zwischen 30 und 40 Jahren«, sagt Marzahn-Blöcher. Aus den Westberliner Studenten der Gründerjahre sind aber selbstredend ebenfalls längst Senioren geworden. »Ein Mitglied ist gerade 80 geworden.« Sie selbst ist inzwischen 73 Jahre alt. Und vielleicht speist sich genau aus dieser Altersstruktur ein Stück weit die eben doch verständnisvolle Haltung der beiden, auch heute noch politisch engagierten Chöre. Wobei Marzahn-Blöcher eines wichtig ist zu betonen: »Seit sich der Eisler-Chor vor nunmehr fast 40 Jahren aus dem Umfeld der SEW gelöst hat, sind wir ohne eine Partei unterwegs und politisch breiter aufgestellt.« Unmittelbar vor dem Shutdown stand im Heimathafen Neukölln die Uraufführung des Programms »Waldesnacht im Klimataumel« an, eine engagierte Kampfansage gegen den Klimawandel, mit de mit Stücken von Clara Schumann, Fanny Hensel und - klar - Hanns Eisler. Alles lief auf Hochtouren. Dann lief gar nichts mehr. »Wir sind von einer Hochphase ins Nichts gefallen«, sagt Marzahn-Blöcher.

Einige Mitglieder des Eisler-Chors gehen seit Kurzem aktiv gegen ihre »Entzugserscheinungen« an. Schließlich ist in der Infektionsschutzverordnung vom Juni nur das Singen in geschlossenen Räumen ausdrücklich verboten, nicht aber das »Freiluftsingen«, so Marzahn-Blöcher. Also mobilisierte sie. Um die zehn Eisler-Leute kommen seither regelmäßig zusammen, um unter einer Brücke in Tempelhof zu singen. »Wir sind immerhin an der frischen Luft, und unter der Brücke haben wir auch mehr Klang.« Das sei »gut für die Seele«. Aber letztlich doch nur ein kleiner Trost: »Die meisten unserer Stücke brauchen den vollen Chorklang.« Und das funktioniere nur in geschlossenen Räumen.

Immerhin ist Land in Sicht. Im Zuge der Besprechung Lederers mit dem Chorverband und dem Landesmusikrat vor gut zwei Wochen wurde beschlossen, dass die Kulturverwaltung ein »Hygienerahmenkonzept« erarbeitet, auf dessen Basis dann auch Proben jenseits von Brückenunterführungen wieder möglich sein sollen. Mitte nächster Woche soll es vorliegen, sagt Lederers Sprecher Daniel Bartsch. Gleichzeitig dämpft er zu hohe Erwartungen. »Leitlinie muss dabei die epidemiologische Entwicklung und die Gefahrenminimierung für eine Ansteckung mit dem Coronavirus sein. Den schmalen Grat dazwischen gilt es zu finden.« Die Sache sei knifflig. Lüftung, Raumvolumen, Publikum, Art des Gesangs: All diese Parameter müssten in die Vorgaben einfließen, so Bartsch zu »nd«.

Für Chorleiter Selke ist das Problem mit einem Hygienekonzept allein nicht aus der Welt. Denn zum einen vermisst er seitens der Verwaltung tatkräftige Unterstützung bei der Suche nach ausreichend großen Proberäumen. Zum anderen, sagt Selke, kümmere sich der Senat viel zu wenig um das künstlerische Umfeld der Chöre. »Chorleiter und Pianisten fühlen sich mitunter schon etwas einsam - und natürlich auch mittellos.«

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