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  • Corona-Leugner in Berlin

Loveparade der Menschenfeinde

Zehntausend Corona-Leugner demonstrieren in Berlin / Veranstaltung vorzeitig aufgelöst

  • Von Philip Blees
  • Lesedauer: 3 Min.

Die vier englischen Tourist*innen an der Leipziger Straße sind verwirrt. Rechts von ihnen zieht ein langer Demonstrationszug vorbei, schwarz-weiß-rote Fahnen werden geschwenkt. Links von ihnen sehen sie Parteifahnen der SPD und Schilder gegen Nazis. Beide Seiten rufen »Nazis raus«.

Es ist tatsächlich eine absurde Situation, die sich am Samstagmittag in Berlin-Mitte abspielt. Zum »Tag der Freiheit« hatten die Organisator*innen der verschwörungsideologischen Hygiene-Demos zusammen mit der Gruppe »Querdenken 711« aus Stuttgart aufgerufen. Die gesamte Szene wurde mobilisiert. Ein buntes Sammelsurium ist gekommen. Neben Neonazis, die Reichskriegsfahnen mitgebracht haben und den Nationalsozialismus relativieren, sieht man auch eine Vielzahl von Impfgegner*innen und bürgerliche Familien mit Kindern. Gemeinsamer Nenner ist allein der Verschwörungsglaube, dass der Corona-Virus nicht existiert. Oder, dass er nicht gefährlich ist.

Die Organisatoren selbst fantasieren auf der Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni von 1,3 Millionen Teilnehmer*innen. Die Polizei geht von 17 000 aus. Letztere Zahl wirkt angesichts der Länge der Demonstration allerdings untertrieben.

»Es ist alles dabei«, sagt auch Élodie Arnauld vom Berliner Bündnis gegen Rechts (BBgR). Sie hat Hooligans herumstreifen sehen. Aber auch Personen, die eher schwäbische Tourist*innen ähnelten, hätten die Antifaschist*innen beim Aufbau ihrer Kundgebung direkt vor dem Brandenburger Tor angepöbelt. Zeitweise sei es sogar so schlimm gewesen, dass das BBgR überlegt hat, ihre Veranstaltung vorzeitig abzubrechen, erzählt die Sprecherin dem »nd«.

Das zeigt das Problem an diesem Tag: Der antifaschistischen Gegenprotest ist marginal. Auf den acht Kundgebungen, die gegen Verschwörungstheorien angemeldet wurden, befinden sich insgesamt nur rund eintausend Personen. Die kleinen Gruppen aus Linksradikalen bis hin zu Jungen Liberalen stellen sich zwar lauthals gegen die rechtsoffene Demonstration, werden aber zahlenmäßig und in der Lautstärke deutlich übertrumpft.

Das macht auch Arnauld Sorgen: »Wenn ich mir das hier so ansehe, müssen wir wohl bald wieder auf dem Rosa-Luxemburg-Platz stehen.« Dort habe man in den vergangenen Wochen erfolgreich gegen die Hygiene-Demos, die eigentlich eher auf dem absteigenden Ast waren, protestiert. Nun befürchtet die BBgR-Sprecherin einen erneuten Aufschwung der Bewegung durch den Erfolg am Samstag. Beunruhigend sei vor allem die Offenheit, mit der Rechte hier ihren Antisemitismus verbreiten können – im Deckmantel der Bürgerrechte.

Auch die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) hatte an diesem Tag einen schweren Stand. Diese hat zusammen mit »Aufstehen gegen Rassismus« eine Kundgebung vor dem Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma organisiert. Es sollte gleichzeitig für Opfer des Nationalsozialismus gedacht und gegen die Reaktionären auf der Straße demonstriert werden. Immer wieder wurden die Redebeiträge von Rechten unterbrochen. Einer stürmte gar zum Redner und mussten von Teilnehmer*innen daran gehindert werden, das Mirko zu ergreifen.

Ungefährliche Spinner? Analyse der Verschwörungsdemo

Von der Kundgebung des VVN-BdA ließ sich auch das Ende der Demonstration beobachten. Nach dem Marsch durch Berlin-Mitte, der wegen der fehlenden Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen vorzeitig vom Veranstalter abgebrochen wurde, jedoch trotzdem bis zum Ende lief, sammeln sich die Corona-Leugner auf der Straße des 17. Juni. Bis zum späten Nachmittag trudeln hier große LKW, von denen Techno wummerte, ein. Das Szenario vor der Bühne der Abschlusskundgebung gleicht einem Festival der Verschwörungsideolog*innen.

Kurz nach 17 Uhr wird auch diese Veranstaltung von der Polizei aufgelöst, da die Veranstalter*innen die Auflagen zum Abstandhalten und Mund-Nase-Schutz nicht durchsetzen. In zahlreichen Videos und auf dem Kurznachrichtendienst Twitter zeigt sich jedoch, dass die Teilnehmer*innen der Aufforderung der Polizei nicht nachkommen. Viele von ihnen strömen zum zum Reichstag. Um 20 Uhr ist dort auch schon die nächste Veranstaltung der Reichsbürgerszene angemeldet.

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