Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Versuch’s doch mal mit Johanniskraut«

Serie »Breeders«: Die Familie als soziale Ruine unter der Abrissbirne des Bürgertums

Wer den englischen Schauspieler Martin Freeman sieht, könnte ihn beneiden: Seit seinem Durchbruch im »Stromberg«-Original »The Office« vor 19 Jahren wurde der jüngste einer siebenköpfigen Familie zum Weltstar aus der zweiten Reihe. Als Hobbit eroberte er auf Hüfthöhe die Herzen, als Dr. Watson das Feuilleton. Und als er von seiner tollen Kollegin Amanda Abbington zwei Kinder bekam, schien das große Glück des kleinen Martin perfekt. Alles in Butter also bei Freemans?

Von wegen!

Glaubt man der Entstehungsgeschichte seiner Sky-Serie »Breeders«, dann schöpft ihr Showrunner dafür aus dem Erfahrungsschatz der eigenen Sippe. Sollte es dort nur annähernd so zänkisch zugegangen sein wie in den Drehbüchern des »Veep«-Machers Simon Blackwell, wäre es demnach kein Wunder, dass Martin und Amanda längst getrennte Wege gehen. Seit sie Nachwuchs haben, sind nämlich ihre fiktionalen Abbilder Paul und Ally soziale Ruinen unter der Abrissbirne eines Bürgertums, das ihnen der Zweitklässler Luke und seine kleine Schwester Ava zur Hölle machen.

Am Anfang der ersten von zunächst zehn Folgen tickt der übernächtigte Mittvierziger daher gleich mal komplett aus, als seine aufgekratzten Kinder trotz durchwachter Nacht auch tagsüber nicht zur Ruhe kommen, niemals. So wird nach Sekunden schon klar: Das Leben der zwei beruflich emanzipierten Vollzeitverdiener handelt nahezu ausschließlich von der »Aufzucht« einer »Brut« zweier »Heten« im »Brutkasten« ihres Londoner Reihenhauses - um nur vier unschöne Übersetzungen fürs englische Wort »Breeders« zu nennen.

Während Pauls Contenance in einer wachsenden Zahl schimpfwortflankierter Wutausbrüche zerbricht, scheint die lässige Ally (Daisy Haggard) zwar auch nach der doppelten Geburt das Heft der Selbstkontrolle in Händen zu halten. Doch als ihr Vater Michael (Michael McKean) nach Jahrzehnten völliger Abwesenheit um Asyl im fragilen Heim seiner Tochter bittet und sämtliche Erziehungskonzepte mit der geschlechtsüblichen Ignoranz sehr alter sehr weißer Männer torpediert, bröckelt auch Allys Fassade zügig.

Klingt dramatisch. Ist es auch. Allerdings zugleich von einer Wahrhaftigkeit, die jeder Pointe einen Schuss Realität unterjubelt. Es geht bei den »Breeders« nämlich mitnichten bloß um das komödiantische Chaos überforderter Eltern. Zur Debatte steht hier in lose verknüpften Einzelepisoden à 25 Minuten nichts weniger als die Selbstoptimierungsgesellschaft der Generationen X bis Y im Ganzen, ihr lässiges Multitasking-Traumgebilde auf permanentem Kollisionskurs mit der Wirklichkeit - eine Utopie vom richtigen Leben im Falschen, die mit jeder geplatzten Seifenblase mehr zum falschen Leben im Richtigen führt.

»Große Träume, alles Lüge«, entgegnet der desillusionierte Paul, als seine Eltern vorm Umzug ins Altenheim die Aufstiegschancen der heutigen Jugend durchdeklinieren. »Versuch’s doch mal mit Johanniskraut«, empfiehlt ihm seine Mutter da beiläufig. »Was hatte ich damals genommen, als ich diese Schübe hatte?«, setzt ihr Mann einen drauf und erhält das aggressive Antidepressivum »Lithium« zur Antwort. »Aber das wird heute nicht mehr verschrieben, wie Elektroschocks.« Selten wurde die jahrtausendelang als letztgültiger Daseinszweck propagierte Familiengründung vom Blasensprung bis zum Elterngespräch so hingebungsvoll als Trugbild entlarvt.

Wobei der Zynismus schon deshalb angebracht ist, weil die Objekte der grassierenden Massenindividualität anders als in Zeiten unreflektierter Affirmation des Gottgewollten oft so selbstgerecht aufs Platzen ihrer Träume reagieren. »Wir sind die Besten«, sagt Paul zwischen Flashbacks in autonome, feierfreudige, sexuell wilde Zeiten zu Ally und meint das wie das Gros seiner Alterskohorte beim Versuch, den Phantomschmerz zu lindern, bierernst. Fortysomethings also aufgepasst: Die »Breeders« könnten ein wenig wehtun. Doch weil vieles daran übertrieben ist, machen sie vor allem eines: großen Spaß.

»Breeders« auf Sky

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln