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In Bewegung gebracht

Black Lives Matter und Kulturindustrie: Ist das noch Woke-Washing oder schon Rassismuskritik?

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 6 Min.
Black-Lives-Matter: In Bewegung gebracht

Als der Streaminganbieter HBO vor ein paar Wochen im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste nach dem Tod von George Floyd den rassistischen Filmklassiker »Vom Winde verweht« vorübergehend aus seinem Angebot nahm, sahen zwar viele darin einen längst überfälligen Schritt, es gab aber auch nicht wenige, die entrüstet aufschrien und darin gar eine Art von Zensur ausmachten. Der inflationsbereinigt ökonomisch erfolgreichste Film der US-Geschichte, gegen den übrigens auch schon bei seinem Erscheinen 1939 von Antirassisten demonstriert wurde, avancierte daraufhin zum Verkaufsschlager bei Amazon. Andere Serien und Filme, die ebenfalls mehr oder weniger deutlich rassistische Inhalte haben, wurden in der Folge unter anderem bei BBC und Netflix ebenfalls aus den Programmen genommen.

Man möchte meinen, es entsteht im Kulturbereich eine neue rassismuskritische Sensibilität. Manche Streaminganbieter versehen seitdem Filme mit rassistischen Inhalten mit entsprechenden Warnhinweisen. Bei Disney+ wird ziemlich verharmlosend auf »veraltete kulturelle Inhalte« verwiesen, etwas deutlicher wird Warner Bros. und warnt, hier gibt es »möglicherweise ethnische und rassistische Vorurteile, die in der US-amerikanischen Gesellschaft alltäglich waren«. Waren oder sind? Nur durch ein paar Warnhinweise oder eine Hand voll aus dem Angebot genommenen Filmen ändert sich weder etwas an der Geschichte noch am aktuellen Rassismus. Überdies sind immer noch massenhaft Filme voll rassistischer Stereotype in Fernsehprogrammen oder auf Streamingplattformen zu sehen, zu denen es noch keinen rassismuskritischen Diskurs gibt.

Auch im Kulturbereich rückt aber insgesamt immer mehr die Frage in den Fokus, wie dort mit Rassismus umgegangen wird und wie rassistisch bestimmte Mechanismen der Kulturproduktion sind. Für viele gilt die Grundannahme: Im Bereich Kultur ebenso wie im Kultur konsumierenden Bildungsbürgertum sind viele Akteure längst für das Thema sensibilisiert. Nur stimmt das wirklich? Die aktuellen Verkaufszahlen von »Vom Winde verweht« sprechen eine andere Sprache. Aber auch die jüngsten Diskussionen etwa über das Guggenheim-Museum, über dessen Leitung und deren Verhalten sich eine schwarze Kuratorin im Zuge einer Basquiat-Ausstellung im vergangenen Jahr beschwerte, weisen in eine ganz andere Richtung. Dabei ging es ausgerechnet um ein Bild Basquiats, das er einem anderen Schwarzen Künstler gewidmet hatte, der von der Polizei erschossen worden war.

In der US-amerikanischen Filmindustrie wiederum wird seit Jahr und Tag über Rassismus diskutiert. Dabei geht es nicht nur darum, inwieweit Menschen of Color bei den Filmpreisen übergangen werden (was ständig passiert), sondern auch darum, ob sie und ihre Geschichten überhaupt Gegenstand filmischer Erzählungen werden, welche Rollen Schwarze Menschen in diesen Filmen spielen und vor allem, wer diese Geschichten letztlich erzählt. Die Blockbuster der letzten Jahrzehnte, die sich mit Rassismus in der US-Geschichte beschäftigen, etwa Steven Spielbergs »Amistad« und »Die Farbe Lila« wurden eben nicht von Schwarzen Regisseuren inszeniert. Die Forderung, dass nicht immer weiße Regisseure Rassismus thematisieren und die Geschichten der Schwarzen und People of Color erzählen, weil sie dabei gar keine eigenen Erfahrungen einbringen können, das Thema also zwangsläufig aus weißer Sicht schildern, wird immer lauter und führte auch kürzlich hierzulande zu einer Debatte um einen Black-Lives-Matter-Cartoon in der »Süddeutschen Zeitung«. Die Illustratorin Whitney Bursch wies bei der Gelegenheit im Deutschlandfunk außerdem darauf hin: »Weiße Menschen profitieren von der Black-Lives-Matter-Bewegung.«

Denn mit einer kritischen Haltung gegenüber Rassismus lassen sich Quote und Kasse machen. Im Werbebereich hat sich schon ein ganzer Industriezweig dem Woke-Washing verschrieben, bei dem es darum geht, sozial- und rassismuskritische Inhalte mit Produkten zu verknüpfen. Bestes Beispiel ist der Sporthersteller Nike, der den Footballrevoluzzer Colin Kaepernick unter Vertrag hat, der sich mit US-Präsident Donald Trump anlegte.

Insofern stellt sich die Frage, wie der antirassistische und antifaschistische Boom im US-amerikanischen Film- und Serienbereich zu bewerten ist. Denn kaum ein Monat vergeht, ohne dass auf Netflix, Sky, Amazon oder im Kino in »Watchmen«, »See You Yesterday«, »Hunters«, »Penny Dreadful - City of Angels« oder »BlacKkKlansmen« stylische antirassistische und antifaschistische Hipster gegen böse Nazis und Rassisten kämpfen. Auch ungeschminkte düstere Sozialdramen wie »When they see us« oder »Mudbound«, die ganz ohne popkulturellen Schnickschnack auskommen, arbeiten das Thema auf. Im Vergleich dazu gab es vor gut zehn Jahren deutlich weniger antirassistische Inhalte in der Filmindustrie.

Nur wie groß die Möglichkeit auch für Schwarze Filmemacher dann letztlich ist, eigene Themen umzusetzen, zeigt auf überraschende Weise der neue Film von Spike Lee. Das mittlerweile auch schon 63-jährige und im Laufe der Jahre erfolgreiche Regisseur-Urgestein musste in Hollywood ziemlich lange Klinken putzen und kassierte erst eine ganze Reihe Absagen, ehe am Ende Netflix bereit war, sein jüngstes Filmprojekt »Da 5 Bloods« zu produzieren. Der zweieinhalbstündige Film erzählt eine Vietnam-Kriegsgeschichte aus Sicht von vier Schwarzen US-amerikanischen Soldaten.

Das ist insofern aufschlussreich, als »Da 5 Bloods« damit der erste Schwarze Vietnamfilm überhaupt ist, der am Ende auch direkt auf die Black-Lives-Matter-Bewegung Bezug nimmt und die Frage nach der Darstellung Schwarzer Menschen in diesem Filmgenre aufwirft. Schließlich haben Schwarze US-Amerikaner anteilig viel mehr am Vietnamkrieg teilgenommen als weiße. Für die Popkultur der vergangenen Jahrzehnte ist der Vietnamkrieg eines der zentralen Narrative, an dem sich schon jede Menge weißer Regisseure abgearbeitet hat, wobei in deren Filmen stets weiße Soldaten im Zentrum der Erzählung stehen - egal ob in Michael Ciminos »Die durch die Hölle gehen« (1978), in Oliver Stones »Platoon« (1986) oder in Stanley Kubricks »Full Metal Jacket« (1987).

Dabei ist der Anspruch in diesen Vietnam-Filmen, nicht nur den Krieg sozialkritisch zu reflektieren, sondern quasi auch die Rebellion der 68er-Generation narrativ zu erfassen und etwas zu illustrieren, was zum festen politischen Bezugspunkt dieser historischen Akteure wurde, und damit einen gesellschaftspolitischen Moment einzufangen, der eine ganze Reihe emanzipatorischer Kämpfe auslöste oder mit beförderte - unter anderem den gegen Rassismus. Nur wird der rassistische Alltag in der US-Armee in diesen Filmen in keiner Weise thematisiert. Ganz abgesehen davon, dass die dort auftretenden Vietnamesen ebenfalls nie als Menschen, sondern stets diffamierend als blutrünstige Mörder ausgestellt werden. In diese Falle tappt Spike Lee in seinem Film bewusst nicht. In seiner rassismuskritischen Interpretation des Themas kommen auch vietnamesische Akteure zu Wort - ein Novum in diesem Genre.

Nun ist gerade Oliver Stones zuvor erwähnter Film »Platoon« unmittelbar nach seinem Erscheinen Mitte der 1980er Jahre Gegenstand heftiger Debatten geworden, nachdem der Schwarze Publizist und Vietnam-Veteran Wallace Terry den Film »einen Schlag ins Gesicht« der Schwarzen Soldaten bezeichnete, die seiner Meinung nach in den üblichen rassistisch Stereotypen dargestellt wurden. Das Skript für »Da 5 Bloods« sollte ursprünglich ausgerechnet von Oliver Stone inszeniert werden, der aber von dem Projekt absprang. In seiner Version sollte die Geschichte von fünf weißen Veteranen handeln, bis Spike Lee das Drehbuch übernahm und entsprechend umschrieb.

Damit hat Spike Lee überdies einen der ersten Filme gedreht, in dem Schwarze Soldaten im Krieg zu sehen sind. Denn auch in diesem Genre kommen Schwarze Menschen kaum vor. Auch dazu gibt es mittlerweile eine Debatte: Christopher Nolans mit Auszeichnungen überschüttetes Filmepos »Dunkirk« (2017) über den Zweiten Weltkrieg zeigt, ebenso wie zahlreiche US-amerikanische Filme der vergangenen Jahrzehnte, nur weiße Soldaten, die gegen den deutschen Faschismus kämpfen. Obwohl in der britischen Armee wie in den Streitkräften der USA zahlreiche People of Color sich am Kampf gegen den Faschismus beteiligten. Auch wenn mit Antirassismus gerade gut Kasse gemacht wird, bedeutet das nicht, dass sich im Film- und Serienbereich etwas grundlegend ändert. Wobei Spike Lees rassismuskritische Aneignung eines Stoffs, der eigentlich von alten weißen Männern erzählen sollte, zumindest zeigt, dass es auch anders geht und dass etwas in Bewegung gebracht wurde.

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