Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Politik
  • Völkermord an den Sinti und Roma

Sie haben sich immer zur Wehr gesetzt

Romani Rose über den Widerstand von Sinti und Roma und die späte Anerkennung eines Völkermords

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.

Coronabedingt ist der diesjährige Gedenktag an die 500 000 von den Nazis ermordeten Sinti und Roma am 2. August eher bescheiden ausgefallen?

Wir konnten nicht wie zuvor eine große Gedenkfeier in der Gedenkstätte Auschwitz mit Regierungsdelegationen und Überlebenden ausrichten, erinnern aber virtuell. Auch diesmal ergriffen Prominente und Überlebende, das Wort. Die Reden sind auf unserer Homepage abrufbar.

Der Gedenktag verweist auf einen heroischen Widerstandsakt von Sinti und Roma im Vernichtungslager Auschwitz.

Sinti und Roma ließen sich von den Nazis nicht wie Schafe zur Schlachtbank führen. Von Anfang an haben sie sich gegen Entrechtung und Ausgrenzung zur Wehr gesetzt. Sie konnten und wollten nicht begreifen, dass sie als Deutsche in Deutschland mit über 600-jährigen Wurzeln von Bürgerrechten ausgeschlossen werden sollten. Sie haben sich auch am bewaffneten Widerstand gegen die Eroberer beteiligt, in der französischen Résistance, bei den Partisanen auf dem Balkan und in der Roten Armee gekämpft. Ein herausragendes Symbol ihres Widerstands war dann tatsächlich der Aufstand im sogenannten Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau, von der Lagerbürokratie als B IIe verzeichnet. 23 000 Sinti und Roma waren hier von der SS zusammengepfercht worden. Als durchsickerte, dass die Liquidierung dieses Lagerabschnitts bevorstand, arbeitsfähige Häftlinge zu Sklavenkommandos in andere KZ und die Schwachen und Alten in die Gaskammern geschickt werden sollten, weil Platz für die auf Befehl von Adolf Eichmann aus Ungarn deportierten Juden geschaffen werden sollte, haben sich am 16. Mai 1944 Häftlinge mit Fronterfahrung zu widersetzten versucht. Sie verriegelten die Baracken und wollten die SS mit Schaufeln, Stöcken und selbst geschliffenen Messern abwehren. Viele deutsche Sinti hatten nicht nur im Ersten Weltkrieg für das deutsche Kaiserreich gedient, sondern auch ab 1939 in der Wehrmacht, bis dann deren Oberkommando »aus rassenpolitischen Gründen« ihre Entlassung anordnete. Jedenfalls hat sich die SS in Auschwitz zunächst einmal zurückgezogen.

Um dann umso grausamer, gnadenloser zurückzuschlagen.

Auschwitz ist ein riesiger Friedhof. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden die sich noch im Lager befindenden 4300 Angehörigen unserer Minderheit, vornehmlich ältere Frauen und Männer sowie Kinder, von der SS ins Gas getrieben. Dieser mörderische Schlussakkord markiert für uns stellvertretend den Völkermord an unserer Minderheit im nazibesetzten Europa. Die EU hat 2015 dieses Verbrechen als Holocaust anerkannt und die Mitgliedsstaaten aufgefordert, den 2. August in ihren Ländern zum nationalen Gedenktag zur Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma zu erklären. Polen hat dies als erster Staat in Europa getan.

Erstaunlich und gleichzeitig empörend ist, dass der Genozid an den Sinti und Roma erst so spät ins öffentliche Bewusstsein drang.

Der Holocaust an unserer Minderheit war von deutscher Seite über vier Jahrzehnte verdrängt und vergessen. Er drang erst ins Bewusstsein, als 1982 zwölf Angehörige unserer Minderheit, fünf Überlebende und sieben Nachkriegsgeborene, im ehemaligen Konzentrationslager Dachau einen Hungerstreik durchführten und die Anerkennung des Völkermords sowie die Beendigung rassistischer Stigmatisierung und statistischer Erfassung der Abstammung gefordert haben.

Wie erklären Sie sich, dass die Anerkennung der deutsch-faschistischen Verbrechen an den Sinti und Roma länger brauchte als bei anderen Opfergruppen?

Der Holocaust an den Juden ist 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik anerkannt worden, von der Adenauer-Regierung, zu der noch Staatssekretär Hans Globke, Kommentator der Nürnberger Rassengesetze von 1935, gehörte. Die Bundesrepublik wollte sich vor dem Hintergrund des Zivilisationsbruchs der Nazis als Rechtsstaat mit einer demokratischen Verfassung verstehen. Die Ermordung von Angehörigen unserer Minderheit durch die Nazis lediglich - wie bei den Juden - aufgrund von Abstammung blieb in der europäischen und deutschen Wahrnehmung jedoch mehr oder weniger eine Fußnote. Bis 1982. Der Hungerstreik in Dachau hat weltweit auf das Versagen und Vergessen aufmerksam gemacht. Und da hat dann erstmals ein deutscher Bundeskanzler, Helmut Schmidt, den Völkermord an Sinti und Roma offiziell anerkannt.

Waren zählebige antiziganistische Klischees in der Gesellschaft der Grund, dass es so beschämend lange währte?

Die Ursachen lagen in Versäumnissen der Geschichtsaufarbeitung. Vorurteile werden durch ideologische Denkweisen auch in einem demokratischen Rechtsstaat tradiert und kolportiert, wenn man nicht immer wieder aufklärt. Bürgerrechtler haben sich dem gestellt. Deshalb haben wir seit 2012 ein Denkmal in der Mitte Berlins. Und der Bundesinnenminister hat auf Beschluss des Bundestages eine Kommission berufen, die sich mit Antiziganismus auseinandersetzt, ihn aufarbeitet und der Bundesregierung Empfehlungen unterbreitet. Dies hat der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma schon seit Langem gefordert. 2021 soll der Bericht der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Macht es Ihnen Angst, dass rechtsradikale Kräfte in der Bundesrepublik erstarkt, gar in diversen Verfassungsorganen und in Parlamenten präsent sind?

Ja. Das ist nicht nur ein Problem unserer Minderheit, auch der jüdischen. Und das ist ein Problem der Demokratie. Da müssen wir alle Sorgen und Ängste haben. Über 75 Jahre hatten wir inneren und äußeren Frieden, der durch den neuen aggressiven Nationalismus, erneuter nationaler Hybris ernsthaft bedroht ist. Aber ich bin optimistisch. Üble Nationalisten und Rassisten haben sich in den Jahren 1933 bis 1945 überschätzt, und sie überschätzen sich auch heute. Damals haben sie Europa und Deutschland in den Abgrund gerissen. Dies werden wir als Gesellschaft nicht ein zweites Mal zulassen. Das ist die Verpflichtung aus der Erinnerung.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln