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Nicht wahr, werte Kiffer?

Teil 31: Dummheit

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle Naivität gelobt: das Konzept der nicht hoffnungslosen, weil kindlichen Dummheit, mit dem man sich sogar aus Naziaktivitäten rauslavieren kann. Zumindest in Deutschland. Aber wenn ich es mir recht überlege, ist die original Dummheit, die komplett aussichtslose noch ein bisschen besser, historisch wie aktuell gesehen.

Es ist anzunehmen, dass unter den wenigen wirklich glücklichen Menschen der letzten 10 000 Jahre der größte Teil dumm war (im Sinne von notorisch mangelnder Einsicht in wesentliche Zusammenhänge). Kaum zu ahnen, was einem alles droht - sei es von der feindlichen Natur oder in den feindseligen Gemeinschaften, die der Mensch gebildet hat -, gehört gewiss zum größten Glück, das einen ereilen kann, wenn man in einer Gruppe Gleichgesinnter geborgen ist. Nicht überraschend erfüllen auch die beliebtesten Drogen die Funktion, einen für die Folgen des eigenen Handelns dumm zu machen; die besten gaukeln einem sogar vor, diese Dummheit sei voller Erkenntnisse. Nicht wahr, werte Kiffer?

Das besondere Schmankerl des Dummseins: Man kommt aus diesem Glück so leicht nicht heraus. Das ist das, was man sozialpsychologisch Dunning-Kruger-Effekt nennt: Wem die Fähigkeiten fehlen, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, dem fehlen auch die Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen. Oder von Außen betrachtet: Man kann einem dummen Menschen nicht erklären, warum er dumm ist. Auf wessen Seite bei einem solchen Versuch Verzweiflung entsteht, ist offensichtlich.

Deswegen ist es auch aussichtslos, Demonstranten belehren zu wollen, die sich gegen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie versammeln und sich sogar arschironisch als »zweite Welle« feiern. Sie sind so überzeugt davon, dass das, was sie als Zweifel am Offiziellen sehen, klug ist, dass ihnen nie aufgehen wird, dass der Zweifel am eigenen vermeintlichen Wissen die wesentliche Voraussetzung ist, überhaupt echtes Wissen zu erlangen. Egozentrik und Arroganz, zwei Eigenschaften, die vor allem im Spätkapitalismus fast manisch gezüchtet werden, geben Dummheit erst die Würze, die sie erfolgreich macht.

Selbstverständlich können auch in der Erkenntnis beschränkte Menschen klug sein - eben dann, wenn sie ihre Grenzen erkennen, ihr Unwissen erahnen können. Doch öffnet sich damit gleich der Pfad zum Unglück, weil mit der Sensibilität für den eigenen Verstand auch Empathie für das Innere anderer Menschen möglich wird. Und die Erkenntnis, von wie viel unfassbar brutaler Dummheit (im Sinne von Abgestumpftheit) die Historie des Sapiens durchzogen ist.

Man muss sich die Donald Trumps, Kaiser Wilhelms II., Neros und sonst wem der Weltgeschichte nicht unbedingt als glückliche Menschen vorstellen, aber als solche, deren Verzweiflung stets nur einen betrifft. Und das nicht allzu lange: Die nächste noch so kleine Bestätigung ihres dummen Weltbildes holt sie ganz leicht aus allem, was echter Zweifel sein könnte. Die massige Verzweiflung des Empathischen müssen sie nie kennenlernen.

Und wer in einer Pandemie ohne Schutz für sich und andere durch die Öffentlichkeit hüpft, voller Überzeugung zu den Auserwählten gegen die allgemeine Verblendung zu gehören, wird stets glücklicher sein als alle die mit Einsicht in die Notwendigkeit der Selbstbeschränkung zum Schutz anderer. Es wird diese nicht rühren, wenn sie anderen den Tod bescheren, sie werden auch das nur als Verschwörung deuten, gegen die sie immun sind. Und die paar Momente echter Erkenntnis, die etwa eine eigene schwerwiegende Infektion haben könnte, sind so kurz, dass sie in der Bilanz abstinken gegen die vielen Momente gefühlter Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt.

Es sei also anerkannt: Die wahrlich Dummen sind die Sieger der Geschichte.

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