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Wahrer und realer als Kommunismus

Juri Andruchowytsch erzählt mit gewohnter Brillanz und Ironie von Mördern, Gaunern und Verrätern

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 6 Min.

Wer die Absurditäten und Abgründe des postsowjetischen Lebens erkunden möchte, ist in der Literatur von Juri Andruchowytsch bestens aufgehoben. Kein anderer Autor porträtiert die Ukraine so pointiert, tiefgründig und unterhaltsam wie er. Oft nimmt er dabei das Abseitige in den Blick und beschreibt es in grotesken, karnevalesken Szenen.

In Andruchowytschs lange erwartetem neuen Roman »Die Lieblinge der Justiz« geht es ebenfalls burlesk zu. Er versammelt neun Geschichten über Gauner und Mörder, echte und vermeintliche Verbrecher, die Sensationslust der Menge und die Mühlen der Justiz. Dabei stellt er historisch Verbürgtes neben Fiktion und Fantasie und verwebt es geschickt ineinander.

Das erste Kapitel handelt vom »wundersamen Räubersmann« Samijlo Nemyrytsch aus dem 17. Jahrhundert. Wenn er nicht gerade eines seiner genialen Verbrechen beging oder prügelnd durch die Straßen zog, verbrachte er seine Zeit mit »wilden Gelagen, ketzerischen Gesängen und religiösen Disputationen«. Andruchowytsch beschreibt unterhaltsam und atmosphärisch die barocke Kulisse. Doch sobald man beim Lesen tiefer in das historische Geschehen eintaucht, springt die Erzählung in die Gegenwart, und man liest plötzlich von metoo und YouTube-Videos.

Solche Brüche gehören zur ironischen Distanz, die Andruchowytsch meisterhaft beherrscht. Wenn er etwa schreibt, dass Nemyrytsch »das Unglück« hatte, »Ukrainer zu sein«, ist das weniger eine Feststellung über die Härte des Lebens im frühen 17. Jahrhundert als vielmehr Andruchowytschs bitter-liebevolle Ironie, mit der er häufig sein Land beschreibt: »In Amerika hätte er Präsident werden können, in Rom Papst oder doch zumindest Kardinal, in England Robin Hood, in Deutschland Bismarck oder sogar Goebbels. In der Ukraine aber hatte er nur die Wahl zwischen Bandit oder Aufrührer.«

Schärfer sind nur die Spitzen gegen Russland, die immer mal wieder eingestreut werden, etwa in der Geschichte von Myroslaw Sitschynskyj, dem »ersten Nationalhelden« der Ukraine, der nach seiner Flucht aus dem Gefängnis einen geeigneten Ort zum Untertauchen sucht: »Nur ein Idiot kommt auf die Idee, in Russland politisches Asyl zu suchen. Das war im Jahr 1911 nur wenig attraktiver als heute.«

Die »Lieblinge der Justiz«, die Randständigen und Verurteilten, finden sich zu allen Zeiten, und so springt der Roman wild hin und her zwischen den Jahrhunderten. Da wird zum Beispiel mit überspitztem Pathos vom KGB-Spion Bohdan Stashynsky erzählt, der aus Liebe zu einer deutschen Friseurin Verrat begeht. Später erfahren wir von Mario Pongraz, einem Kolonialwarenhändler im 19. Jahrhundert, der bei einer Gebirgsexpedition seine Seele an einen Ponfar, einen Volksmagier, verkauft, der ihm einen Wunsch erfüllt: Seine geliebte Frau Maria soll nicht weiter altern. Da der Volkszauber aber nicht mehr ganz in die modernen Zeiten passt, geht etwas schief, und Maria altert rückwärts. Sie wird immer mehr zum Kind, und bald glaubt niemand mehr, dass sie Pongraz’ Ehefrau ist. Vor Gericht glaubt man ihm nicht, als er vom missglückten Zauber erzählt, und er wird wegen Kindesmissbrauchs angeklagt.

Die Verbrecher, von denen Andruchowytsch erzählt, sind nicht immer tatsächlich welche. Und nicht immer ist es ein magischer Unfall, der Schuld daran ist, dass sie dennoch verurteilt werden. Ein Kapitel handelt von einer Halbstarken-Gang in den 1930er-Jahren, deren Mitglieder nicht wegen des Diebstahls oder ihrer zahlreichen Prügeleien in die Fänge der Justiz gerieten. Ihr Verbrechen war es, am Ende einer Kinovorstellung nicht wie der örtliche Hauptmann der Staatssicherheit und alle anderen Zuschauer aufzustehen, als der »Marsch der sowjetischen Panzerfahrer« gespielt wurde.

Andruchowytsch tritt als ein Geschichtensammler auf, der Überliefertes zusammenträgt. Dass diese Geschichten wahr sind, behauptet er nicht. Vielmehr nehmen sie oft die Form von Märchen und Legenden an. Meist werden mehrere verschiedene Versionen erzählt und die Leserinnen und Leser durch ein Labyrinth aus Gerüchten, Unklarheiten und Geheimnissen geführt.

Gemeinsam ist den einzelnen Episoden nicht nur die Schilderung von Verbrechen und ihrer Bestrafung, sondern auch das Publikum der Geschehnisse: Über die Jahrhunderte hinweg hat es seine Lust auf Skandale, Gewalt, Helden- und Schauergeschichten behalten. Alle wären am liebsten selbst dabei gewesen, und alle kennen jemanden, der ganz genau weiß, wie es gewesen ist. Andruchowytsch beschreibt die Sensationslust und das Gerede der Leute mit Witz und Ironie.

Wo die Grenzen der Ironie liegen, zeigt sich in der umfangreichsten der Geschichten. Sie handelt von Massenerschießungen und Folterungen durch die Nazis 1943 in der Westukraine. Das Geschilderte »erhebt keinerlei Anspruch auf Außergewöhnlichkeit«, heißt es. Die organisierte Grausamkeit, die hier ernüchternd und bedrückend beschrieben wird, scheint nicht zu den lustigen Anekdoten im Buch zu passen. Aber tatsächlich ist diese Geschichte passend und nötig, da sie zeigt, dass es nicht möglich ist, von der Geschichte des Verbrechens zu erzählen, ohne das größte aller Verbrechen zu thematisieren.

Andruchowytsch findet dafür den richtigen Ton: Das Verbrechen der Nazis benötigt keine Übertreibungen, ausufernde Fantasie und Ironie, um erzählt zu werden. Der lockere Witz des Romans wird zur Bitterkeit.

»Die Lieblinge der Justiz« trägt den Untertitel »Parahistorischer Roman«. Parahistorie, auch Alternativgeschichte, ist eigentlich ein Untergenre der Science-Fiction. Ein bekanntes Beispiel ist Philip K. Dicks Roman »Das Orakel vom Berge«, in dem die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben und zusammen mit Japan Nordamerika beherrschen. Wie passt diese Bezeichnung auf Andruchowytschs Roman? Er spielt zwar mit Wahrheit und Fiktion, aber er beschreibt keinen alternativen Geschichtsverlauf. Vieles, nicht nur die Erschießungen durch die Nazis, hat tatsächlich stattgefunden.

Das letzte, autobiografische Kapitel des Romans gibt Aufschluss darüber, was mit der Parahistorie gemeint sein könnte. Ein ungeklärter Mordfall erschütterte Ende der 60er Jahre Andruchowytschs Heimatstadt. Über die Hintergründe der Tat entstanden die wildesten Spekulationen. Jeder entwickelte seine eigene Geschichte über das nicht identifizierte Opfer und den unbekannten Täter. In der Fantasie des kleinen Jungen Juri wurde der Mord zu einem Teil der Fantômas-Geschichten, von denen die Kinder damals begeistert waren. Fantômas war für sie »wahrer und realer als der Kommunismus«. Vielleicht bedeutet das, dass die Geschichten, die wir uns erzählen, meistens alternative Geschichte sind, Parahistorie. Wenn wir nicht alle Fakten kennen, nutzen wir unsere Fantasie, um sie zu vervollständigen.

Andruchowytsch erzählt von dem, was wir aus den Ereignissen machen: Wie machen sie zu den Geschichten, die wir hören wollen oder die wir benutzen können - zum Beispiel, um Helden und Feinde zu konstruieren oder Nationalismus zu schüren. Um uns zu gruseln, andere zu beeindrucken oder uns einfach gut zu unterhalten. Die besten von uns machen daraus großartige, ironische und unterhaltsame Literatur.

Juri Andruchowytsch: Die Lieblinge der Justiz. Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln. A. d. Ukrain. v. Sabine Stöhr. Suhrkamp, 299 S., geb., 23 €.

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