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Das Geheimnis der Gleichheit ist unsterblich

Ein Franzose feiert den deutschen Revolutionär Thomas Müntzer - Éric Vuillard über den Krieg der Armen

Als er elf war, ist sein Vater gehängt worden. Als er 35 war, wurde er selbst gefoltert, enthauptet und öffentlich aufgespießt: Thomas Müntzer, Theologe und Revolutionär, Organisator und Kopf des Bauernkrieges. Es ging ihm um eine radikale Verwirklichung von Luthers Reformation sowie um die Beendigung der sozialen Unterdrückung der Bauern und einfachen Handwerker durch den Adel, die Landesherrn und das Besitzbürgertum. In der DDR zierte sein Antlitz den Fünf-Mark-Schein. Jetzt hat der 1968 geborene französische Autor Éric Vuillard eine historisch-biografische Miniatur über ihn verfasst, die Nicola Denis sehr schön übersetzt hat.

Der Autor hat mit seinen Büchern, in denen er große Momente der Geschichte neu erzählt, ein eigenes Genre begründet. Für »Die Tagesordnung« ist er 2017 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden. Im vergangenen Jahr folgte seine personenbezogene Darstellung des 14. Juli 1789, des »Sturms auf die Bastille«, Beginn der Großen Französischen Revolution. Immer handelt es sich bei Vuillard um engagierte Belletristik, die sich den sozialen Menschenrechten verpflichtet fühlt und hohes ästhetischem Niveau aufweist.

Nun also Thomas Müntzer! Die dokumentarischen Quellen zu dessen Wirken Anfang des 16. Jahrhunderts sind lückenhaft. Da aber Müntzer auch als Drucker wirkte und ein eifriger Briefautor war, hinterließ er recht ergiebige Selbstzeugnisse. Aus diesen zitiert Vuillard ausgiebig. Auf die O-Töne im früh-neuhochdeutschen Original hat er seine Erzählung gebaut. Sie bietet kein vollständiges Panorama der Zeit, sondern zeichnet mit wenigen Strichen die Verhältnisse nach, die zum Verständnis dieses außergewöhnlichen Lebens erforderlich sind.

Die Fokussierung auf Müntzers revolutionäres Anliegen hebt das kleine Buch in den Rang einer fortdauernden Anklage gegen Armut und Ungerechtigkeit in der Welt auch heute. Ausbeutung und Unterdrückung sind geblieben; die Kämpfe, Erfolge, aber auch Enttäuschungen der Entrechteten von heute nicht viel anders als damals. Das 1525 vorwiegend in Sachsen und Thürigen ablaufende Drama erzählt Vuillard knapp und exakt, ohne die Distanz des Historikers, stattdessen mit Herzblut und Empathie. Ein Beispiel seiner Erzählkraft sei hier gegeben:

»Er wird sterben, jetzt. Er ist fünfunddreißig. Sein Zorn hat ihn hergeführt … Da hebt sich das Beil. Die Gesichter sind da, zu Hunderten, ringsherum. Sie schauen, entgeistert, unsicher, ob sie richtig verstehen. Die Bettler, die Gerber, die armen Teufel schauen, sie schauen! Und was sehen sie? Sie sehen einen kleinen Mann unter der schweren Bürde. Sie sehen einen Mann, ihnen gleich, den Körper gefesselt. Wie klein so ein Mann doch ist, wie schwach und gewalttätig, wie unbeständig und streng, energisch und furchtsam. Ein Blick. Ein Gesicht. Eine Haut. Abrupt fällt das Beil und durchtrennt den Hals. Oh! Wie schwer so ein Kopf ist, zwei oder drei Kilo Knochen und Marmelade. Und wie das Blut spritzt! Man wird seinen Kopf aufspießen. Seinen Körper über das Podest schleifen und dann den Hunden zum Fraß vorwerfen. Die Jugend ist ohne Ende, das Geheimnis unserer Gleichheit unsterblich und die Einsamkeit sagenhaft. Das Martyrium ist eine Falle für alle Unterdrückten, wünschenswert ist nur der Sieg. Ich werde von ihm erzählen.«

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen. A. d. Franz. v. Nicola Denis. Matthes & Seitz, 66 S., geb., 16 €.

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