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Tafeln fordern Unterstützung vom Bund

Fehlende staatliche Armutsbekämpfung führt zu immer mehr Abhängigkeit von Lebensmittelspenden

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 4 Min.

Mehr als 1,6 Millionen Menschen müssen die über 2000 Läden und Ausgabestellen der Tafeln regelmäßig nutzen. In den vergangenen Jahren ist ihre Zahl derer stetig gestiegen, die ohne die gespendeten Lebensmittel nicht über die Runden kommen. Laut Dachverband der über 940 Tafeln sind von den 1,6 Millionen Nutzern 30 Prozent Kinder und Jugendliche, 26 Prozent Senioren und 44 Prozent Erwachsene im erwerbsfähigen Alter. Wohnungslose, in Altersarmut Lebende, prekär Beschäftigte, Alleinerziehende, Erwerbslose und Geflüchtete nehmen das Angebot an.

Im Zuge der Corona-Pandemie rechnet die Organisation in den kommenden Wochen mit weiter steigenden Kundenzahlen. »Wir haben in den letzten Wochen bei den Tafeln eine neue Form der Not erlebt«, sagte Jochen Brühl, Vorstandsvorsitzender der Tafel Deutschland am Sonntag gegenüber dpa. Bereits im Juni hatte er erklärt, es würden vermehrt jüngere Menschen kommen, die das Angebot bisher nicht wahrnehmen mussten. Immer mehr Menschen würden die Tafeln außerdem nicht als zusätzliche Entlastung nutzen, sondern als existenzielle Versorgungshilfe. Der Vorstandsvorsitzende stellte fest: »Wir sehen, dass die Ärmsten besonders hart von der Krise getroffen werden.« Am Sonntag forderte Brühl finanzielle Unterstützung vom Bund: »Um mehr Menschen helfen zu können, ist eines unserer zentralen Anliegen, die Tafel-Logistik auszubauen.« Allein durch Spendengelder und ehrenamtliches Engagement könne die Nachfrage nicht gestemmt werden. Zwar ist laut Dachverband die Menge der gespendeten Lebensmittel tendenziell steigend, allerdings nicht in der Geschwindigkeit der Nachfrage.

Die Geschäftsführerin der Tafel Deutschland, Evelyn Schulz, meinte Ende Juni zwar noch: »Tafeln können und wollen keine Aufgaben des Sozialstaats übernehmen«, allerdings tun sie dies schon lange. Und noch mehr, wenn sie staatliche Hilfsgelder erhalten. In den Jobcentern ist nicht selten zu hören, wenn das Geld nicht reiche, könne zur Tafel gegangen werden. Die »Bedürftigkeit«, die man für eine Nutzung dieser Essensausgabe nachweisen muss, kann man entsprechend auch durchs Vorzeigen des Hartz-IV-Bescheides beweisen. Neben Spenden finanzieren sich die Tafeln auch über »symbolische« Beiträge, die von den Menschen, die das Angebot nutzen, gezahlt werden müssen. Im Onlineforum hartz.info, in dem sich Betroffene austauschen, schreibt ein Nutzer: »Der zu zahlende Obolus wurde im Laufe der Jahre stetig erhöht.« Außerdem habe die Qualität der Waren stark nachgelassen: »Nach der Aussortierung zu Hause blieb oft wenig Essbares übrig. Obst und Gemüse (ist) so gammlig, dass es durch die Einkaufstüte suppte.« Brot und Brötchen seien steinhart, dafür gebe es reichlich Süßes und Chips. Fleisch und Eier bekämen nur große Familien.

Lebensmittel selber aussuchen? Fehlanzeige. In Armut Lebende können offenbar froh sein, wenn sie überhaupt was zwischen die Zähne bekommen. Der Tafel-Dachverband schreibt hingegen in einer Pressemitteilung, die Tafeln würden »Ernährungsbildung und Gesundheitsprävention bei armen Menschen« fördern, da überwiegend gesunde Lebensmittel wie frisches Obst und Gemüse verteilt würden. Ein generelles Problem der Tafeln ist auch, dass die Versorgung mit Lebensnotwendigem in private Hand gelegt wird. Die eigentlich sozialstaatliche Aufgabe wird Menschen überlassen, die sich in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als »Retter« für Menschen in Armut aufspielen können. So schreiben Betroffene online vom unfreundlichen Umgang seitens der Tafelmitarbeitenden. Ein User im Onlineforum von heise.de meint etwa: »Diese Menschen erwarten für ihre freiwillige Tätigkeit Dankbarkeit und Demut von ihren Kunden«. Sie hätten es vollkommen in der Hand, was sie einem Kunden geben. Protestiert jemand, bekomme er die nächsten Wochen eben das Schlechteste in seinen Beutel. Es herrsche vollkommene Willkür. »Als Tafelkunde empfiehlt es sich, freundlich zu grüßen, zu lächeln, die Klappe zu halten und widerspruchslos zu nehmen, was man bekommt.«

Wer die Tafel nutzen muss, ist Bittsteller, muss teils stundenlang Schlange stehen, versehen mit einer Nummer oder einem Farbpunkt, womit die Reihenfolge bestimmt wird. Das verdeutlicht Betroffenen noch einmal, wie weit »unten« sie sind. Der Tafelgang bedeutet Stigmatisierung und ist mit Scham besetzt.

Tafeln zementieren Ausgrenzung und tragen zum Kleinhalten staatlicher Sozialleistungen bei. Die Linke-Bundestagsfraktion stellte schon vor Jahren fest, dass »Armutsbetroffene bewusst unterhalb des (rechtsstaatlich) verbindlichen Minimums versorgt werden, gerade weil es die Tafeln gibt.« Am Anfang der Corona-Pandemie sagte auch Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands: »Die Tafeln sind mittlerweile kein Add-on mehr, sondern echte Armenspeisung.« Viele Menschen würden ihren gesamten Nahrungsmittelbedarf über Spenden decken, um die nicht bedarfsgerechten Regelsatzpositionen auf anderen Feldern zu kompensieren.

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