Alles liebevoll zermalmen

Plattenbau

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Musik von Bell Witch basiert auf einer einfachen Idee: ganz langsam alles bedächtig und gründlich zermalmen. Zeitlupen-Metal. Die Songs, wenn das Wort bei den gerne über zwanzigminütigen Stücken noch passt, sind brachial und scheinen von dem, was hier besungen wird, fast zum Überlaufen gebracht zu werden. Was es ist - egal. Aus Sorge, dass die Texte der schönen, irgendwie diffus todessehnsüchtigen Erhabenheit, die sich mit dieser Musik in den Raum ergießt, durch Banalität ein Ende machen, habe ich die Stimme von Sänger und Bassist Dylan Desmond immer nur als ein weiteres Instrument gehört. Wahrscheinlich geht es um Tod und Friedhof.

Man braucht den Text als Träger von Bedeutung im Falle von Bell Witch nicht, alles funktioniert hier so direkt es eben geht, über die effektive Organisation von Schalldruck. Und über die hübschen Melodien, die Desmond aus seinem Instrument unter dem ganzen Lärm rauspresst. Jesse Shreibmans Schlagzeug verprügelt derweil den Hörer in gemächlichem Tempo und das mit aller Gewalt, aber liebevoll. Eine Gitarre braucht es nur ganz am Rande, der Bass bollert alles lückenlos zu.

Für das aktuelle Album, das vierte, haben Desmond und Shreibman die Zusammenarbeit mit dem Sänger Erik Moggridge intensiviert. Auf den letzten Bell-Witch-Alben war Mooggridge immer wieder mal zu hören. Unter dem Pseudonym Aerial Ruin produziert er nicht allzu aufregenden sonoren Düster-Folk. Intensiviert heißt: Eigentlich ist Mooggridge auf »Stygian Bough Volume I« so etwas wie ein drittes Band-Mitglied geworden - mehr als nur ein Gastsänger, sondern auch Songschreiber.

Die neue Stimme trägt zu der Entwicklung bei, die Bands in den extremeren Genres gerne nehmen: Man kann nicht ewig rumschreien wie mit zwanzig, im Glauben, es gäbe auf ewig Eins-zu-Eins. Irgendwann braucht es Subtilitäten und Vielschichtigkeit. Bell Witch sind mit »Stygian Bough Volume I« wie schon auf dem Vorgänger »Mirror Reaper« (nebenbei bemerkt eine Platte mit einem der schönsten Albumcover aller Zeiten) ein paar Ideen friedlicher und variantenreicher geworden. Das kellertiefe Death-Metal-Geröhre fällt nun weitgehend weg.

»Stygian Bough Volume I« beginnt mit einer gezupften Akustikgitarre, dazu singt Erik Moggridge Kryptisches in der Tonalität eines britischen Provinz-Hippies, dass man meint, man sei an ein englisches Art College auf dem Land irgendwann in den Siebzigern geraten. Das klingt recht hübsch, aber wenn im Opener »The Bastard Wind« in der fünften Minute dann der Vorschlaghammer rausgeholt und dem Hörer sanft auf den Kopf gehauen wird, ist es doch eine geradezu kathartische Erleichterung. So traumwandlerisch präzise und virtuos schleppend wie Bell Witch klingt momentan eigentlich niemand sonst im Metal. Wo Langsamkeit und Härte im Verbund sonst eher den Eindruck von Kälte erzeugen, strahlt die Musik von Bell Witch eine umfassende Ruhe und eine schlichte, fragile Schönheit ab.

Bell Witch: »Stygian Bough Volume I« (Profound Lore)

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