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Bestattung

»Beim Thema Trauer wird wenig performt«

Wenn man über den Tod von Familienangehörigen spricht, kommt man sich automatisch nah, meint der Bestatter Julian Heigel. Anders als beim Thema Sex.

Von Negin Behkam

Sie sind Bestatter und queer. Was bedeutet das Queersein für Ihre Arbeit?

Viele meine Kund*innen sind queer. Das gemeinsame Wissen und was es bedeutet, queer zu sein, kann verbinden und für die Bestattungsarbeit hilfreich sein. Manchmal sagen Menschen, wir fühlen uns sicherer bei dir, weil wir das Queersein nicht erklären müssen.
Daher haben Sie auch ein alternatives Bestattungsunternehmen.

Was ist denn bei der Bestattung queerer Menschen anders?

Das klassische Beispiel: Jemand möchte nicht, dass ein nicht-queerer Mann bei der Trauerfeier die Rede hält. Natürlich achte ich darauf, dass alles zusammenpasst. Es gibt aber auch schwule Angehörige, die gerne von einem Pfarrer bestattet werden möchten, der eher ein konservativer Typ ist. Es ist sehr unterschiedlich, was queere Menschen wollen.

Seit wann arbeiten Sie in dem Beruf?

Seit fünf Jahren.

Sie haben ständig mit dem Tod zu tun. Hat das Ihre Sicht auf Leben und Tod verändert?

Ja, und sie verändert sich noch immer. Am Anfang gab es eine gewisse Faszination. Mittlerweile ist es eher zur Normalität geworden und ich habe mehr Routine. Manchmal denke ich: Ach! Immer nur Tote! Es ist wie eine psychische Entwicklung, die ich erlebe.

Sie sprechen von Normalität. Was meinen Sie damit?

Die Vergänglichkeit an sich, die hat schon was Normales. Zugleich kann die Tatsache, dass wir sterben, niemals irgendwie normal werden. Ein Teil von mir sagt, das ist normal, macht doch jede*r. Ein anderer Teil sagt, das kann doch gar nicht sein. Es gibt ja ganz wenige Leute, die kein Problem damit haben, dass wir alle sterben.

Sie gehören nicht zu diesen wenigen Menschen.

Ich erkenne an, dass es so ist. Eine Strategie damit umzugehen, ist, die Bestattung richtig und passend zu machen. Das versuche ich. Ich bin ja nur am Anfang der Trauerarbeit dabei: vom Zeitpunkt des Todes bis zur Bestattung. Was danach kommt, begleite ich nicht mehr. Aber in diesen Tagen, in dieser ersten Zeit entscheidet sich, wie wir den Tod erleben.

Über den Tod ständig nachzudenken, kann verändern, wie man lebt. Ist das bei Ihnen auch so?

Am Anfang war mir ständig bewusst, dass ich sterben werde, einfach weil ich täglich mit dem Tod konfrontiert war. Das hat Einfluss auf die Wertschätzung des Lebens: Was ist eigentlich wichtig? Wie möchte ich leben? Wie kann ich leben? Was muss ich ändern?

Denken Sie manchmal über Ihre eigene Beerdigung nach?

Ja, immer wieder. Ich überlege, was ich mir wünsche und was nicht.

Und was wünschen Sie sich?

Ich möchte ein Erdbestattung, weil ich das gut finde. Keine Feuerbestattung. Ich möchte, dass die Menschen sich trauen, sich auf ihre Art von mir zu verabschieden. Wie es im Einzelnen aussehen kann, da möchte ich gar nicht viele Vorgaben machen. Viele Leute, die mich kennen, wissen schon über Beerdigungen Bescheid. Die Chance ist daher groß, dass sie das Richtige für sich in dieser Situation machen werden.

Was Sie anziehen, ist egal? Sie möchten nichts Bestimmtes mitnehmen?

Doch. Das habe ich auch ganz detailliert aufgeschrieben: Ich habe meine Lieblingsklamotten an und möchte meine Noten mitnehmen, mit denen ich immer Musik mache. Ich habe mein Medikament mit, das ist mir wichtig. Und vielleicht auch meine Mütze.

Glauben Sie an das Leben nach dem Tod?

Ich wünsche mir, dass es das gibt, aber ich bin nicht zu 100 Prozent sicher.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ja.

Obwohl Sie jeden Tag damit zu tun haben? Dann ist das vielleicht doch nicht zur Normalität geworden.

Na ja, wenn ich einen toten Menschen vor mir habe, dann sage ich, das ist okay, dass du gestorben bist – ich kenne dich ja nicht. Aber wenn ich darüber nachdenke, dass ich jetzt sterben müsste, das würde mir schon etwas ausmachen. Ich bin 40 Jahre alt. Mein Gefühl ist, mein Leben ist noch nicht zu Ende. Wenn ich 95 bin, dann ist das anders, dann kann ich ruhig gehen. Ich weiß aber, dass auch 95-Jährige Angst vor dem Tod haben können.

Sind Sie religiös?

Ich bin mit katholischen Traditionen aufgewachsen. Das bedeutet mir auch viel. Jetzt gibt es ein wenig mehr Distanz – auch zu der Institution Kirche. Trotzdem würde ich sagen, ich bin religiös. Bei meiner eigenen Beerdigung möchte ich allerdings nicht, dass ein katholischer Pfarrer sie leitet. Ich würde mich aber freuen, wenn jemand einen Segen spricht.

Nun zurück in die Welt der Lebenden. Wie wird Ihr Beruf als Bestatter gesellschaftlich wahrgenommen?

Es gibt Leute, die Berührungsängste haben. Aber es wird weniger. Das Thema Tod ist nicht mehr so tabuisiert wie vor ein paar Jahrzehnten. Es mag auch eine Generationsfrage sein, dass ältere Leute eher Vorbehalte haben und die Jüngeren sagen: Ach, was für ein cooler Beruf!

Ich frage mal konkreter: Wie ist das beim Dating? Wie reagieren Menschen darauf, wenn Sie sagen, dass Sie Bestatter sind?

Es kann passieren, dass die Leute sehr extrem darauf einsteigen, dann haben wir den ganzen Abend über nur dieses eine Thema.

Das nervt dann ein wenig!

Ja, wenn der ganze Fokus darauf liegt. Und ich schlüpfe dann schnell in eine Rolle, spreche die Leute auf die Beerdigung ihrer Oma an. Das ist fast ein professionelles Setting, deswegen versuche ich oft, es nicht so groß zu thematisieren. Wenn man sich datet und ein bisschen voneinander erzählt, dann sage ich schon, was ich beruflich mache. Wenn ich Interesse an der Person habe, ist das natürlich auch schön, weil man schnell an wesentliche Themen kommt.

Wie meinen Sie das?

Wenn die Leute von der Beerdigung ihrer Oma erzählen und ich nachfrage, wie war das und wie fühlst du dich jetzt, dann kommt man sich sehr schnell nahe. Auch weil beim Thema Trauer relativ wenig performt wird. Wenn ich beim Dating über Sex rede, hat jede*r schon darüber nachgedacht, und alle haben mehrere Meinungen und Haltungen dazu und wissen, was sie besprechen und was sie nicht besprechen wollen. Bei den Themen Trauer und Bestattung haben Leute hingegen eine Offenheit, weil es oft nicht besprochen wird oder weil ihnen oft nicht bewusst ist, dass sie immer noch total traurig sind, weil die Oma vor einigen Jahren gestorben ist.

Bei Dating-Apps sollen User*innen oft ins Profil schreiben, was sie beruflich machen. Tun Sie das auch?

Ich bin gerade nicht bei einer Dating-App. Wenn ich es wäre, würde ich das nicht angeben.

Wieso nicht?

Erstens möchte ich niemanden daten, der oder die eine*n Bestatter*in treffen will, um über nicht Aufgearbeitetes zu reden. Zweitens besteht meine Person auch aus vielem anderen. Trotzdem ist der Beruf ein wichtiger Aspekt. Für mich ist wichtig, dass auch ich darüber reden kann. Menschen, die mit mir in Beziehung stehen, sollen beispielsweise keine totalen Berührungsängste oder Angst vor der Thematik haben.

Ist Ihnen so etwas mal passiert?

Ja, meine Nachbarin wollte aus Angst nichts mit mir zu tun haben. Und es gibt Menschen, die ein ganz negatives Bild von Bestatter*innen haben oder sagen, das ist doch kein Beruf. Zum Teil auch zu Recht. Es gab Bestatter*innen, die das alles schlecht machen.

Weil sie gewaltig auf betriebswirtschaftliche Aspekte fokussiert sind?

Genau: Wie viel Geld kann man hier herausholen? Oder sie bieten einen ganz schlechten Service an. Aber da ändert sich gerade viel, und viele Bestatter*innen verstehen sich mittlerweile auch als Begleiter*innen.

Was sagt Ihre eigene Familie zu Ihrem Beruf?

Meine Eltern haben am Anfang gefragt, warum ich das mache. Dann hat aber mein Vater mir erzählt, dass mein Ururgroßvater auch ein Bestattungsunternehmen besaß, das hatte ich gar nicht gewusst.

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