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Selfievideo aus dem Internierungslager

NETZWOCHE Einem jungen Uiguren ist es offenbar gelungen, Nachrichten aus seiner Zelle zu verschicken

»Hier zu sterben, ist das Letzte, was ich will«, tippt Merdan in sein Handy. Er schreibt seiner Familie auf Chinesisch, schickt Emojis. Irgendwann sendet er auch ein Video. Der junge Mann filmt sich selbst in einer kargen Zelle, seine linke Hand ist an den Bettrahmen gefesselt. Er zeigt das vergitterte Fenster, im Hintergrund schallen Lautsprecherdurchsagen: »Xinjiang war niemals Teil von Turkestan. Ostturkestan hat es nie gegeben.«

Die Textnachrichten und das Videomaterial, das die BBC diese Woche veröffentlichte, zeigen einen Ort, den die Welt nicht sehen soll. Seit Jahren versucht die chinesische Regierung, jegliche Berichte von Uiguren und Angehörigen anderer türkisch-muslimischer Minderheiten aus den sogenannten Umerziehungslagern in der Region Xinjiang zu unterbinden. Stattdessen produziert sie nun Hochglanzvideos, die glückliche »Schüler« jedes Alters zeigen, die endlich Mandarin gelernt haben oder gemeinsam in der Kantine essen. Peking beharrt öffentlich darauf, dass es sich bei den Lagern um freiwillige Schulen handelt, die den Extremismus in der Region verhindern sollen.

Menschenrechtsorganisationen schätzen hingegen, dass in den letzten Jahren bis zu eine Million Uiguren und andere Minderheiten in Hochsicherheitslager gezwungen wurden. Mehrere Tausend Kinder wurden dafür von ihren Eltern getrennt. Immer wieder kehren Menschen nicht aus den Lagern zurück. Außerdem nehmen die Geburtenraten in Xinjiang rapide ab - neueste Untersuchungen legen nahe, dass uigurische Frauen zu Abtreibungen und Sterilisationen gezwungen werden, oder ihnen in den Camps Verhütungsspiralen eingesetzt werden. Der Sinologe Adrian Zenz spricht von einem »kulturellen Genozid«.

In den letzten Jahren gab es genug Berichte, Nachforschungen und Beweismaterial über Xinjiang. Doch das waren trockene Zahlen, seitenlange Dokumente über eine Region, deren Namen außerhalb von China kaum jemand kennt. Das verwackelte Handyvideo von Merdan Ghappar ist anders. Es zeigt einen jungen hübschen Mann im Selfie-Modus. Davor hat die BBC Bilder aus seinem vorherigen Leben geschnitten: Ein Mann in engen Shirts läuft durch eine Innenstadt, tanzt, lächelt verschmitzt in die Kamera. Merdan Ghappar modelte für einen riesigen chinesischen Onlineversand. 2009 verließ er seine Heimat Xinjiang, um in einer großen Stadt an der Küste als Tänzer berühmt zu werden.

Merdan Ghappar könnte eben so ein aufsteigender Internetstar sein, sein Video wirkt wie eine Insta-Story - aus der Hölle. Deshalb wird es gerade wie verrückt in den sozialen Medien geteilt.

Ghappars Onkel, der in den Niederlanden lebt, hat das Material bewusst an die BBC weitergeleitet, um auf den Fall hinzuweisen. Schon im Januar wurde Ghappar offenbar verhaftet und von der Polizei nach Xinjiang zurückgebracht. Dort wurde er mit etwa 50 Gefangenen in eine Zelle gesperrt. Als er an einer Erkältung erkrankte - die Aufseher fürchteten wohl, er habe sich mit Corona infiziert -, wurde er in eine Einzelzelle verlegt. Hier gelang es ihm offenbar, zu seinen Verwandten Kontakt aufzunehmen.

Die BBC hat das Material von mehreren Experten prüfen lassen. Sie halten die Nachrichten für authentisch – und extrem relevant: Sie zeigen, dass entgegen Chinas Aussage, alle Enrichtungen herunterzufahren, das System der willkürlichen Verhaftung, Sortierung, und außergerichtliche Internierung von Uighuren weiter bestehe. Auch tauchen in den Nachrichten von Ghammar Beschreibungen von Folter und einer von Menschenrechtsorganisationen kritisierten Fesselung von Armen und Beinen gleichzeitig auf.

Im März endet der Chatverlauf mit Merdan Ghammar abrupt. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Die Familie zögerte, seine Nachrichten an die Öffentlichkeit zu bringen, da dies die Lage ihres Verwandten noch verschlechtern könnte. Sie hätten sich letztendlich aber dazu entschieden, »um auf die Notlage der Uiguren« aufmerksam zu machen, erklärte Ghappars Onkel gegenüber der BBC. Er erhoffe sich einen Aufschrei wie nach den verstörenden Bildern des Mordes an George Floyd.

Dass dieser wirklich kommt, ist unwahrscheinlich. Aber auf Instagram, Youtube und Twitter haben ein paar User gesehen, was in Xinjiang passiert. Und das ist viel wert im Kampf um die Sichtbarkeit des Verbrechens an den Uiguren.

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