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Archäologie

Blick zurück aus der Luft

Archäologen bekommen schon vor der Grabung Einblicke in vergangene Zeiten.

Von Andreas Knudsen

In Filmen über die Pionierzeiten der Archäologie sieht man zumeist in der Sonne schaufelnde, schwitzende Heerscharen von Arbeitern, die die Paläste und Gräber der Vorzeit freilegen. Der Archäologen-Held begutachtet die Funde und braucht nur Sekunden für die Entscheidung, was Spreu und was Weizen ist. Mag sein, dass dieses Klischee im 18. und frühen 19. Jahrhundert zutraf, als Grabungen kaum einen höheren Standard hatten als Grabräuberei. Doch schon vor 120 Jahren waren Vermessung, Notierung auch kleinster Funde und das Aussieben der abgehobenen Erde fester Bestandteil der Arbeit. Der Ägyptologe Sir Matthew Flinders und der Prähistoriker Hubert Schmidt gelten als Pioniere ihres Faches, während Heinrich Schliemann noch einfach einen 16 Meter breiten und 40 Meter tiefen Graben durch den Hügel von Troja hauen ließ, um schnellstmöglich in die vermutete Illias-Zeitentiefe zu kommen. Die darüber liegenden Erdschichten - ein Archiv der Geschichte - wurden bei dieser Methode zerstört.

Heute gilt: Erst mal sehen …

Sofern es sich nicht um eine Rettungsgrabung handelt, wo der Bagger eines Bauherren plötzlich zu Tage getretene Relikte alter Zeiten beschädigt hat und Eile geboten ist, nutzen Archäologen heute meist erst kontaktlose Technologien zur Erkundung der Lage und Verteilung einer künftigen Ausgrabungsstelle. Dies erfordert allerdings Zeit und Geld und beides ist oft knapp. Es muss also gute Gründe geben, damit luftgestützte Bild- und Radaraufnahmen gemacht werden. Drohnen machen dies zwar inzwischen deutlich billiger, aber vor allem die computergestützte Auswertung der Millionen Messdaten zu lesbaren Karten bleibt kostspielig. Sind die Mittel dafür aber gesichert, können die Radarkarten bzw. Luftbilder einen detaillierten Blick Tausende von Jahren zurück sichern.

Der lange, trockene Sommer 2018 war für Archäologen gewissermaßen ein Geschenk des Himmels. Die fehlende Wolkendecke sicherte scharfe Bilder, während die Hitzeperiode die Vegetation verdorren ließ. Dadurch traten Konturen längst versunkener Gebäude deutlich hervor, auch wenn sie unter dicken Erdschichten verborgen waren. Englische Archäologen nutzten beispielsweise die Gunst der Stunde und identifizierten eine Vielzahl neuer Siedlungsorte, die in römische und frühmittelalterliche Zeiten zurückgehen.

Und die weltberühmten Scharrbilder im Wüstensand von Nazca konnten in den 1920er Jahren überhaupt erst dank Luftbildaufnahmen entdeckt werden. Als peruanische Arbeiter dort Jahrzehnte zuvor eine Straße anlegten, hatte noch niemand bemerkt, dass die schmalen Gräben komplexe Tierdarstellungen bildeten. Und so durchschnitt die Straße leider einige der Bilder. Jene Bilder waren eben dazu bestimmt, von den Göttern gesehen zu werden und nicht von sterblichen Menschenaugen.

Dass große Objekte am Boden leicht übersehen werden können, mussten auch dänische Archäologen konstatieren. 2016 wurden nach der Auswertung von Satellitenfotos der süddänischen Insel Falster die Insel mit LIDAR (siehe Kasten) genauer untersucht. Die Ergebnisse bestätigten eine Legende, die die Einheimischen über Generationen hinweg erzählt und sogar auf Karten vermerkt hatten: auf dem Hügel von Trygge lag einst eine mächtige Burg. Dänische Historiker und Archäologen der letzten 100 Jahre fanden allerdings bei Ortsbegehungen nichts.

Die Dimensionen waren einfach zu groß, um aus der Nähe wahrgenommen werden zu können. Der Wall hatte immerhin einen Umfang von 1500 Metern, und die Grundfläche des befestigten Geländes beträgt 78 000 Quadratmeter, etwa so groß wie sieben Fußballfelder. Bei den für dieses und die folgenden Jahre geplanten Ausgrabungen muss nun untersucht werden, wie alt die einzelnen Bauschichten sind und wie die Wälle über die Jahrhunderte gebaut wurden. Das LIDAR-Verfahren ist für großflächige archäologische Erkundungen von besonders großem Nutzen. Mit seiner Hilfe konnte in den letzten Jahren nachgewiesen werden, dass die Maya-Kultur eine beträchtlich größere geografische Ausdehnung hatte, und im Bereich der Tempel und Paläste von Angkor (Kambodscha) konnte auch die eigentliche Stadt identifiziert werden. Vom Dschungel verborgen, war das mit herkömmlichen Mitteln nicht möglich.

Eine britisch-belgische Forschergruppe veröffentlichte im Juli 2020 einen Bericht, in dem sie die Topografie einer noch nicht ausgegrabenen römischen Stadt beschreibt. Faleri Novi existierte über 900 Jahre lang und ist aus historischen Dokumenten bekannt, wurde aber aus Ressourcenmangel nie vor Ort untersucht. Dies muss jetzt als ein Glücksumstand gesehen werden, denn durch den Einsatz von Bodenradar konnte die Forschergruppe Stadtpläne zeichnen, die verschiedene Epochen decken.

… und dann klassisch mit Spaten und Spachtel

Nach solchen einleitenden Untersuchungen können dann die Untersuchungen vor Ort mit Schaufel und Spachtel beginnen. Der Vorteil moderner Archäologen ist es, dass sie zielgerichtet Grabungsgruben an den aussichtsreichsten Stellen anlegen können, da ihnen LIDAR, Bodenradar oder auch Magnetfeldmessungen bereits die exakten Koordinaten mitgeliefert haben. Die zentimetergenaue Dokumentation der Bodenschichten, und genaueste GPS-Topografie der Funde sind dann das A und O, um innere Zusammenhänge aufzudecken.

Im Vertrauen auf den menschlichen Erfindergeist der Zukunft, der sicherlich Methoden finden wird, die heute außerhalb der Vorstellungskraft liegen, ist es heute archäologische Selbstverständlichkeit, nicht alles auszugraben, was auszugraben ginge. Die kommenden Generationen können sehr wahrscheinlich noch viel mehr herausfinden, als wir es vermögen, aber ohne ungestörte Fundstellen geht es nicht.

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