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Friedrich Engels

Der General und die Schützenstraße

Friedrich Engels und Jena - Eine Erinnerung zum 125. Todestag

Von Peer Kösling

Die Überschrift wird stutzig, hoffentlich aber auch neugierig machen. Friedrich Engels, dessen 200. Geburtstag am 28. November gefeiert wird und dessen 125. Todestag sich am 5. August jährte, war nie in Jena. Aber es gab eine Zeit, als man sich hier sehr intensiv mit einem Teil seiner hinterlassenen Schriften beschäftigt hat.

Dies geschah im Rahmen eines weltweiten Netzwerkes, das an einer historisch kritischen Ausgabe der Werke von Marx und Engels, der MEGA2, arbeitet, dem zweiten Anlauf einer akademische Ausgabe. Eine erste von deutschen und sowjetischen Editoren in den 1920er Jahren begonnene Ausgabe war nach wenigen Bänden an den Umständen gescheitert, die die Machtübergabe an Hitler und der stalinistische Terror mit sich brachten. Heutige Herausgeberin der MEGA2 ist die Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES). Die Hauptarbeit wird an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften geleistet. Dort gehört die Edition der Werke von Marx und Engels ganz vorrangig zu den Arbeitsgebieten, mit denen das kulturelle Erbe der Menschheit gesichert, erschlossen und für folgende Generationen bewahrt werden soll.

In Jena wurden die Bände I/25 (erschienen 1985) und I/32 (2010) bearbeitet, die nun in allen großen Bibliotheken der Welt stehen. Bd. I/25 enthält die veröffentlichten bzw. für die Veröffentlichung gedachten Schriften der beiden von Mai 1875 bis zu Marx‘ Tod 1883; Bd. I/32 umfasst Engels‘ letzte Schaffensperiode ab März 1891. Zu den Voraussetzungen für diese Forschungsrichtung an der Universität gehörte, dass deren Bibliothek über einen bemerkenswerten Bestand an Publizistik von Engels bzw. Engels/Marx aus den Jahren 1845 bis 1946 verfügt, darunter die meisten Bände der ersten MEGA.

Was lässt sich nun in der hier gebotenen Kürze zu den beiden Jena-Bänden sagen? Hinsichtlich Engels‘ Anteil am Bd. I/25 fällt zunächst seine Sprachbegabung auf. Da in der Ausgabe alle Schriften in der Sprache des Originals präsentiert werden, enthält der Band Artikel nicht nur in deutscher, sondern auch in englischer, französischer und italienischer Sprache.

Zu den bemerkenswertesten englischsprachigen Texten gehört Engels‘ selbst eingestandener vergeblicher Versuch, in elf Artikeln im Londoner »Labour Standard« die englischen Arbeiter über deren gewerkschaftlich-ökonomischen Kampf hinaus politisch zu aktivieren. Sein großes Interesse an historischen Themen belegen solche Arbeiten wie »Bruno Bauer und das Urchristentum«, »Zur Urgeschichte der Deutschen« und »Fränkische Zeit«. Als ein geistvoller, teilweise sarkastischer Satiriker zeigt er sich in pamphletartigen Artikeln wie »Preußischer Schnaps im Deutschen Reichstag« und »Du sollst nicht ehebrechen«.

Mit einigen im Band enthaltenen Verlautbarungen legte Engels die Grundlagen für spätere »marxistische« Interpretationen von Marx‘ Leben und Werk. Dazu gehört die Rede am Grabe seines Freundes. Darin versuchte er Marx‘ materialistische Geschichtsauffassung auf einen allgemein verständlichen Nenner zu bringen, indem er sagte, »daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion u. s .w. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel, und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst, und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen.« (S. 407.)

In seinen letzten Lebensjahren hob Engels dann allerdings die Rolle der außerökonomischen Faktoren für die gesellschaftliche Entwicklung stärker hervor. Im Bd. I/32 findet das seinen Niederschlag vor allem in seiner Schrift »Über historischen Materialismus«, in der er diesen Begriff erstmals gebrauchte. Ausführlicher äußerte er sich dazu in seinen parallel verfassten sog. »philosophischen Altersbriefen«. So räumte er z. B. in einem Brief an Joseph Bloch vom 21./22. 9. 1890 ein, dass Marx und er teilweise selbst Schuld daran hätten, dass ihre materialistische Geschichtsauffassung selbst in der jüngeren Generation von Sozialisten als ökonomistischer Mechanismus und Automatismus missverstanden würde: »Wir hatten, den Gegnern gegenüber, das von diesen geleugnete Hauptprinzip zu betonen, und da war nicht immer Zeit, Ort und Gelegenheit, die übrigen an der Wechselwirkung beteiligten Momente zu ihrem Recht kommen zu lassen.«

Eine in den »Altersbriefen« vielfach variierte Kurzfassung seiner materialistischen Geschichtsauffassung lautete nun: »Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. […] Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate […], Rechtsformen und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen […] üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus. […] Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten […] als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt.« (Ebenda.)

Bei der erwähnten Schrift »Über historischen Materialismus« handelt es sich um Engels‘ eigene Übersetzung seiner englischen Einleitung zu »Socialism: utopian and scientific« aus dem Jahre 1892. Solche aktualisierenden Einleitungen, Vor- und Nachworte zu Neuausgaben früherer Werke von Marx und Engels prägen ganz entscheidend den Bd. I/32. Die wohl berühmteste Einleitung ist die aus dem Jahre 1895 zu Marx‘ »Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850«, die oft als sein politisches Testament bezeichnet wurde, obwohl es dafür bei Engels selbst keinerlei Beleg gibt. Eduard Bernstein und Karl Kautsky nahmen die Einleitung für ihre revisionistische bzw. reformistische Neuausrichtung des Marxismus in Anspruch. Dies in Rechnung stellend distanzierte sich Rosa Luxemburg unmittelbar vor der Novemberrevolution vom Geist dieser Einleitung, in der sie einen Ausgangspunkt für die von ihr bekämpfte »Ermattungsstrategie« Kautskys sah.

Die junge KPD wiederum glaubte Engels als Revolutionär retten zu müssen, indem sie die Veröffentlichung der Einleitung als eine Fälschung der SPD-Parteiführung bezeichnete. Alle diese Interpretationen sind, wie im Bd. I/32 nachzulesen ist, nicht zutreffend. Sie signalisieren aber auf ihre Weise, dass Engels keineswegs an einmal eingenommenen Positionen stur festhielt, sondern seine Ansichten der fortschreitenden Entwicklung im Kräfteverhältnis der Klassen anzupassen suchte. In dem Text erläuterte Engels die Möglichkeiten für einen demokratischen, friedlichen Weg der politischen Machtergreifung der Arbeiterklasse durch Nutzung und Ausweitung der demokratischen Instrumentarien des bürgerlichen Staates. Und bereits vor einer solchen Machtergreifung müsse die Mehrheit des Volkes für revolutionäre Umgestaltungen gewonnen werden. Die Zeiten von Minoritätsrevolutionen – auch wenn sie im Interesse der Mehrheit ausgerufen würden – hielt er für überholt.

Neben den in Jena entstandenen MEGA2-Bänden gibt es eine zweite, freilich noch indirektere Verbindung zwischen Engels und Jena. Die Stadt will sich neben Weimar noch stärker als bisher als »Schillerstadt« präsentieren. Und mit Blick auf Schiller gibt es eine bemerkenswerte wenig bekannte Episode in Engels‘ Biografie. (Ausführlich dazu: »Palmbaum« 2004, H. 3/4.) 1859 gab es in ganz Deutschland und überall auf der Welt, wo sich Deutsche in größerer Zahl angesiedelt hatten, anlässlich des 100. Geburtstags von Schiller große Feierlichkeiten. So auch in Manchester, wo Engels zu dieser Zeit in der Baumwollspinnerei von »Ermen & Engels«, die seinem Vater mitgehörte, in der Geschäftsleitung tätig war. Zunächst stand Engels den angedachten Feierlichkeiten aus verschiedenen Gründen skeptisch gegenüber.

Als sich ihm jedoch die Chance bot, sein militärhistorisches Wissen für die Aufführung von »Wallensteins Lager« zur Verfügung zu stellen, beteiligte er sich an dieser Säkularfeier. Diese wiederum war der Ausgangspunkt für die Gründung einer Schiller-Anstalt in Manchester. Auch der trat er erst nach einigem Zögern bei. Im Juli 1864 wurde er ins Direktorium des Vereins gewählt und im November des gleichen Jahres sogar zum Präsidenten. In dieser Funktion hatte er dann großen Anteil daran, die materiellen Grundlagen der Schiller-Anstalt zu stabilisieren und auszubauen. Bis zu seiner Übersiedlung nach London im September 1870, wo er sich im Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation nun wieder aktiv in das politische Leben stürzte, blieb er der Schiller-Anstalt als Direktoriumsmitglied verbunden.

Schließlich nahm Engels häufig Bezug auf die Schlacht bei Jena am 14. Oktober 1806. In seinen zahlreichen rein militärischen Abhandlungen zu Kriegen und Kriegsgefahren seiner Zeit nutze er das historische Beispiel, um effektives militärisches Agieren einerseits sowie mangelhafte Militärorganisation und fehlerhaftes taktisches Verhalten andererseits am Beispiel der französischen bzw. der preußischen Truppen zu veranschaulichen. Zugleich sah er in dem mit der Niederlage bei Jena beginnenden »Niedergang des preußischen Staates« einen Ausgangspunkt für die nachfolgenden antifeudalen preußischen Reformen in der Gesellschaft und im Militärwesen, so unvollkommen sie ihm auch erschienen. Zuletzt bemühte er parallel zu seiner Beschäftigung mit dem in Arbeit befindlichen Erfurter Programm der SPD (siehe I/32, S. 42-54) in einem Brief an Karl Kautsky vom 14. Oktober 1891 das Ereignis: »Der Parteitag hat an einem glorreichen Datum angefangen. Der 14. Oktober ist der Jahrestag der Schlacht von Jena und Auerstedt, wo das alte vorrevolutionäre Preußen zusammenbrach. Möge der 14. Oktober 1891 für das verpreußte Deutschland das von Marx vorausgesagte ‚innere Jena‘ einleiten.« (MEW 38, S. 180.)

Wenn ich, der über 30 Jahre in Jena gewohnt und gearbeitet hat, meine langjährige Beschäftigung mit Engels überschaue, so würde ich ihn so beschreiben: Als er am 5. August 1895 starb, verließ nicht nur ein Revolutionär in Theorie und Praxis und anerkannter Nestor der sich auf Marx beziehenden, damals dominierenden sozialistischen Bewegung die historische Bühne. Mit seinem Tode vollendete sich ein insgesamt äußerst intensiv geführtes und facettenreiches Leben. Er war den körperlichen Genüssen des Lebens zugetan und geistig vielfältig interessiert. Er bewährte sich als Geschäftsmann, war belesen, hatte einen Faible für die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften, war naturverbunden, konnte zeichnen und reiten, war sehr sprach-, wenn wohl auch nicht sehr redebegabt, beschäftigte sich immer wieder auch mit der Sprachtheorie und hatte sich mit seiner Passion für die Militaria, die ihm unter Freunden den Namen »General« einbrachte, Anerkennung verschafft, die über die sozialistische Bewegung hinausreichte.

Bei allen heute auszumachenden Irrtümern, Fehlleistungen und falschen Prognosen – mit seinen humanistischen Motiven und Zielen, seinen Fähigkeiten und seinem Charakter sowie den Wirkungen, die er mit seiner davon geprägten öffentlichen Tätigkeit zunächst in Europa und später weltweit erzielte, gehört Friedrich Engels zu den Persönlichkeiten, die dem sozialen Fortschritt im 19. und 20. Jahrhundert nachhaltige Impulse verliehen haben. Eine Lektüre vieler seiner Schriften ist auch heute noch anregend, selbst wenn der mit ihnen verbundene Anspruch, einen Beitrag zu leisten für das Fortschreiten zu einer klassenlosen Gesellschaft, »worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«, (MEW 4, S. 482), nicht erreicht wurde.

Es ist gut, dass eine repräsentative Straße in Jena nach Friedrich Engels benannt ist. Dass dafür, wie ich annehme zufällig, die frühere Schützenstraße umbenannt wurde, hätte dem »General« sicher gefallen.

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