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Frankreich

Ah, Dordogne!

Eine Paddeltour auf dem Sehnsuchtsfluss der Franzosen.

Von Thomas Bruhn

Die Liebste-von-allen klopfte am ersten Urlaubstag auf den Tisch und bestimmte: »Es ist soweit, wir nutzen die Gelegenheit und erfüllen uns den lang gehegten Traum und schlendern per Paddelboot die Dordogne hinunter.« Im Reiseführer steht geschrieben, dass jeder Franzose, hört er den Namen dieses Flusses, seufzt: »Ah, Dordogne.« Eine solche Behauptung kann nicht ohne weiteres hingenommen werden; wir überprüften sie dreimal bei waschechten Franzosen. Wir sagten das Zauberwort und umgehend trat ein Glanz in ihre Augen, wie hierzulande bei Kindern zum Weihnachtsfest. Alle drei erfüllten das Klischee und seufzten inniglich: »Ah, Dordogne. Es wird ihnen gefallen!«

Als Ausgangspunkt für die Flussreise wählten wir das schiefergedeckte Städtchen Argentat, ungefähr zweihundert Kilometer südwestlich von Vichy, wo die Dordogne aus den Schluchten des Massiv Central in die sanft geschwungenen Täler des Périgord hinaustritt. Hier verläuft eine unsichtbare Grenze: Sie trennt Wildwasserkanuten, die auf dem Oberlauf der Dordogne unterwegs sind, von Wanderpaddlern, die den Mittellauf bevorzugen. Aber selbst der mittlere Abschnitt hat es an manchen Stellen, je nach Wasserstand, in sich und erfordert einige Übung.

Campen in aller Noblesse

Die Saison neigte sich dem Ende, die meisten Franzosen hatten ihren Urlaub hinter sich, sie knufften erholt und fröhlich fürs Wohlergehen des Staats und ihrer Arbeitgeber, und so war es kein Problem, auf einem Zeltplatz unterzukommen. Wir erwischten einen winzig kleinen - wo man nach einem ersten Rundgang jeden Gast kennt und von allen gegrüßt wird. Geführt wurde er von einer feinen Dame um die 70. Sie trug feine Kleider und putzte in aller Frühe und am späten Abend im Morgenmantel die Toiletten. Vormittags erntete sie in Pantoletten Gemüse im Gärtchen, abends Salat in Stöckelschuhen. Sie gab sich piekfein und diese Art des Benehmens färbte auf ihre Gäste ab. Sehr still, sehr nobel und sehr höflich.

Das Wetter war nicht französisch, und so blieben wir drei Tage und kannten bald das Woher eines jeden. Morgens wurden wir kurz vor Sonnenaufgang von einem Spektakel auf der anderen Seite des Flusses geweckt, welches dem englischen Parlament zur Ehre gereicht hätte. Ein geltungsbedürftiger Hahn, sicherlich ein Riesenviech in schwarzem Ornat und rotem Kamm, schraubte sein Krähen in höchste Höhen und endete dann, als drehte er seinen Hals mehrmals, sich selbst die Luft abschnürend und seinem Haufen auf diese Art zeigend, wie man einen ordnungsgemäßen Heldentod stirbt. Wir nannten den Gockel Joachim. Besonders fatal war, dass es nicht beim einfachen Röcheln blieb, die Hänge des Tals warfen das Echo hin und her, so dass selbst die Vegetarierin zuletzt bereit war, um der lieben Ruhe willen, das Tier in den Kochtopf zu expedieren. Anlässlich eines Spazierganges warfen wir einen Blick hinter den von einem Terrier scharf bewachten Zaun. Ein paar Hühner pickten friedlich und ein spindeldürres Kerlchen von Hahn in zerfranstem Federkleid, arg mitgenommen und lädiert vom Leben, beäugte uns misstrauisch von einem Ast herab. »Wer weiß, wo der Bauer den Schreihals versteckt hat«, sagte die Liebste-von-allen. Kaum waren wir ein paar Schritte weiter, erhob sich hinter uns das bekannte Spektakel. Es war wie so oft im Leben: Der Mickrigste machte das größte Geschrei.

Endlich, die Regenfronten auf und davon gezogen und die Sonne wagte sich hervor, konnten wir unser Boot, eine indianische Prinzessin namens We-no-nah zu Wasser lassen und beladen: Packsäcke mit Schlafsäcken, Isomatten, Zelt, Wechselsachen für eine Woche, eine Kiste mit den Küchenutensilien, eine Tasche mit frischem Gemüse aus Madames Garten, eine Kühlbox für die Butter und den Käse. Wasser und Wein. Ein Angler und seine Frau schauten, die Arme vor den Brüsten verschränkt, interessiert zu. Er grinste, sie schaute sich zum eigenen Wohnwagen von der Größe eines Einfamilienhauses um, und fragte ihn: »Une semaine? C’est tout?« Ja, Madame, das reicht für eine Woche und es wird sein wie immer, die Hälfte der Sachen werden wir nicht brauchen.

Himmlische Stille

Wir legten ein bravouröses Ablegemanöver gegen die Strömung hin, ohne die Angelsehne zu touchieren, passierten eine Brücke, dann wurde es still. Von nun hörten wir nur noch das Rieseln des Wassers, das Rauschen des Windes in den Wipfeln an den Hängen und das Platschen der Paddel. Der Lärm des Alltags trat zurück und verschwand bald gänzlich. Wir genossen die Stille. sprachen kaum ein Wort, bis wir am späten Nachmittag bei einem Zeltplatz an Land gingen.

Die übliche Routine: Zelt aufbauen, Essen kochen, ein Schwatz mit den Nachbarn und zwei, drei Gläser Wein. Am Morgen ein Blick aus dem Zelt und in den Himmel, um zu überprüfen, ob sich das Wetter an die Vorhersage gehalten hat. Der Gang zu Rezeption wegen der Baguettes. Überhaupt Baguettes: die bekommt man an jedem Tag von früh bis spät und an jedem Ort. Eigentlich sollten Herstellung und Vertrieb dieses Lebens- und Genussmittels dem Weltkulturerbe zugeschlagen werden. Dass es nicht nur in den Boulangerien, sondern auch auf jedem Zeltplatz Baguettes gibt, daran gewöhnten wir uns schnell.

Die Liebste-von-allen hatte Schlendern gesagt, und so paddelten wir vormittags zwei bis drei Stunden, trieben uns über Mittag in verschlafenen Nestern herum, sahen uns ein Château nach dem anderen an; lernten im Walnussmuseum in Castelnaud-la-Chapelle, dass hier unser Taschenmesser, das Opinel mit dem Griff aus Nussholz vor über hundert Jahren erfunden wurde; und paddelten am Nachmittag weiter, bis wir den nächsten Platz zum Übernachten fanden.

Die Städtchen und Dörfer sind Augenweiden und Streicheleinheiten für die Seele. Noch vor sechzig Jahren zerfielen die alten Häuser; die Mühe, sie abzureißen, machte man sich Gott sei Dank nicht. 1964 wurde auf Initiative des Schriftstellers und damaligen Kulturministers André Malraux ein Programm zur Rettung dieser einzigartigen Kulturlandschaft verabschiedet. Man setzte die Häuser instand und heute muss man gewahr sein, dass hinter den Ecken Musketiers oder die Wachen des Kardinals lungern.

Die meiste Zeit sahen wir auf dem Fluss weit und breit keine Menschenseele. Nur wenn das Wetter besonders sonnig und windstill war, tauchten gegen Mittag aus den schwarzen Wäldern Schwärme von Franzosen auf, die in Nussschalen mit der Strömung flussabwärts trudelten und sich die Sonne auf die Bäuche scheinen ließen. Am Nachmittag verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. Zumeist ging es ruhig und gelassen zu, denn alle wollten paddeln, baden, picknicken und ein bisschen Spaß haben. Auf unserer 150 Kilometer langen Tour, sahen wir nur eine einzige Plasteflasche im Wasser treiben.

Schließlich standen wir in Dômme an der Belvédèr de la Barre, der hinreißenden Aussicht über das Tal der Dordogne: Henry Miller hatte hier gestanden, bevor er im Sommer 1939, einige Monate vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, weiter nach Griechenland reiste. Ein Jahr später schrieb er im Koloss von Maroussi die Sätze, die heute in keinem Reiseführer fehlen: »Selbst ein flüchtiger Blick auf den schwarzen, geheimnisvollen Fluss von der wunderschönen steilen Anhöhe am Stadtrand aus ist etwas, für das man das ganze Leben lang dankbar sein muss. Für mich gehört dieser Fluss, dieses Land dem Dichter Rainer Maria Rilke. Es ist das verzauberte Land, das von Dichtern entdeckt wurde und auf das nur sie Anspruch erheben dürfen. Diesseits von Griechenland kommt nichts dem Paradies so nahe. Nennen wir es großzügig das Paradies der Franzosen.« Sollten alle Sätze, die der Meister schrieb, erstunken und erlogen sein - diese sind wahr.

Wir liefen die Straße nach Cénac hinunter. Kurz vor dem Ort auf der rechten Seite eine Gedenktafel, eine von jenen, wie man sie oft zwischen Moskau, Kreta, Brest und Narvik findet, eine von jenen, auf denen an von deutschen Soldaten Ermordeter gedacht wird. Wir waren überrascht, befanden wir uns doch auf dem Gebiet des État français, des unbesetzten Gebietes, wo Deutsche nichts zu sagen gehabt haben sollten. Hatten sie aber doch, seit dem November 1942. Damals durfte hier eine willfährige Regierung unter Philippe Pétain Männchen machen und Hände schütteln, derweil die Macht im Land von anderen ausgeübt wurde. Dieses Muster ist alt und wird seit Eintritt des Grundbuches in die Geschicke der Menschheit erfolgreich angewandt. Wir verweilten einen Augenblick in Stille, dankbar dafür, dass wir heute als Gäste willkommen geheißen werden.

Das Ziel vor Augen

Nach einer Woche erreichten wir unser Ziel: Limeuil am Zusammenfluss von Dordogne und Vézère. Ein geschichtsträchtiges Fleckchen, besiedelt seit ewigen Zeiten; von Kelten, Wikingern und Römern erobert; mehrmals die Seiten wechselnd im Hundertjährigen Krieg; mal zu England, mal zu Frankreich gehörig und endlich durch Heirat befriedet. Im Museum kann man alles nachlesen, und wer genug von den bluttriefenden Gefechten hat, kann sich im Klostergarten friedfertig stimmen.

Auf dem Markt kauften wir eine letzte Flasche Walnussöl. Am nächsten Tag wollten wir uns auf den Heimweg machen und das Périgord Noir verlassen, eine Gegend wo alles aus und mit Walnüssen gemacht ist: das Öl, der Likör, die Wegbefestigungen, der Käse, die Paddelboote und die Süßigkeiten. Der Weg nach Hause sollte an den Höhlen von Lascaux vorbeiführen. Oft schon hatten wir uns einen Besuch vorgenommen, aber nie hat es gepasst. Aber nun, da wir schon mal in der Gegend waren, um die Ecke sozusagen, musste die Gelegenheit beim Schopf gefasst werden.

Am Morgen regnete es und wir warteten mit dem Abbauen des Zeltes und dem Einpacken, bis es nur noch nieselte. An der Rezeption des Zeltplatzes sagte uns die Dame hinterm Tresen: Lascaux? Heute? Tun sie sich das nicht an. Bei dem Wetter wird es überlaufen sein. Alle, aber auch alle, die sie bei schönem Wetter auf dem Fluss haben paddeln sehen, werden sich dort treffen. Schauen sie sich die Malereien ein anderes Mal an!

Schweren Herzens machten wir uns auf den Nachhauseweg. Wieder nicht Lascaux, knirschte ich hinterm Lenkrad. Ein Grund mehr, um wiederzukommen, sagte die Liebste-von-allen, legte eine CD mit Liedern von Josefine Baker ein, die sie im Château Les Milandes hoch über dem Fluss erstanden hatte und knabberte Walnüsse mit Kakaoüberzug, um sich den Abschied zu versüßen.

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