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Peng! Kollektiv

Bei Anruf Verstaatlichung

Wenn das Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe am Hörer ist, wird der Kapitalismus auch mal infrage gestellt: Ein Gespräch mit dem Peng!-Kollektiv über deren neuesten Klingelstreich

Von Tom Mustroph

Eine Website, die amtlich aussieht – wie die eines Bundesamtes –, eine Perücke mit der Frisur von Christine Lagarde, Ex-IWF-Chefin und derzeit Präsidentin der Europäischen Zentralbank, sowie bei Anruf das Versprechen eines fetten Konjunkturprogramms: Das reichte schon aus, damit sich deutsche Wirtschaftsbosse auf ernsthafte Gespräche über Klimaschutz, weniger Wachstum und in Einzelfällen sogar Rekommunalisierung einließen. Ermöglicht wurden diese Diskussionen allerdings nicht durch einen von Parteien oder Ministerien organisierten Thinktank, sondern durch eine Guerillaaktion der Künstlergruppe Peng!-Kollektiv. Tom Mustroph sprach mit einer der am »Klingelstreich beim Kapitalismus« beteiligten Künstler*innen, die sich Anja de Vries nennt, über die Systemfrage.

Sie sind Anja de Vries, die die Gespräche für das Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe geführt hat?

Genau. Es ist natürlich ein Künstlername, aber unter diesem bin ich aufgetreten.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Während der Coronakrise hat sich die Welt innerhalb kürzester Zeit stark verändert. Ohne massive staatliche Intervention wären große Probleme entstanden, etwa in den Krankenhäusern und bei den Mietzahlungen. Die negativen Effekte waren vor allem für diejenigen spürbar, die ohnehin marginalisiert sind, wie etwa Wanderarbeiter in Indien, die keine drei Monate Lockdown überstehen können. Und daher ist die Frage sehr deutlich geworden: Was für eine Wirtschaft braucht die Welt? Wir haben ja bereits den Weckruf gehabt, mehrmals sogar, zuletzt bei der Bankenkrise.

Jetzt war kurz zu spüren, dass alle das verstanden hatten. Man sah auch, dass die Politik mit sehr radikalen Maßnahmen durchgreifen kann. Wenn das während der Coronakrise möglich ist, warum dann nicht auch am Ende der Krise, wenn man proaktiv eine gerechtere Gesellschaft, eine auch ökologisch gerechte Gesellschaft gestalten kann?

Diesen Diskurs wollten Sie dann in die Unternehmen tragen?

Genau. Wir haben uns gefragt, wie man über diesen fundamentalen Wandel reden kann - und das eben nicht nur in der Eckkneipe, sondern auch mit Wirtschaftsleuten und auf der Ebene der Politik, so wie es ja in der Krise abgelaufen ist zwischen Lufthansa und der Bundesregierung.

Bei den veröffentlichten Antworten aus Wirtschaft und Politik fällt auf, dass die Chefs, die noch nah am Produktionsprozess und in den Hierarchien nicht ganz oben sind, wie beispielsweise Ingenieure, am offensten reagierten und am konstruktivsten mitdachten, während die Betriebswirte, die in den obersten Etagen saßen, abgeblockt haben. Hatten Sie auch diesen Eindruck?

Definitiv. Die Gespräche mit Ingenieuren und Managern auf zwar hoher, aber nicht allerhöchster Ebene haben sehr viel Spaß gemacht, und da war tatsächlich eine Offenheit und Flexibilität zu spüren. Da wurde sich nicht so gesperrt gegen die Vorstellung, dass der Kapitalismus mal vorbei sein könnte und dass es auch Veränderungen braucht. Und dass diese Veränderungen auch Einfluss darauf haben können, wie ein Unternehmen organisiert ist. Auf der Ebene der CEOs waren die Ideen, von Privatisierung weg- und vom Wachstum abzukommen, ein rotes Tuch.

Daraus könnte man schlussfolgern, dass es schon hilfreich wäre, das Personal der oberen Etagen auszutauschen: Mehr Ingenieure statt Betriebswirte. Vorausgesetzt, diejenigen Personen übernehmen dann nicht automatisch das Rollenbild ihrer Vorgänger. Wäre eine Änderung dann auch in Unternehmen machbar?

Nein, ich glaube nicht, dass das der richtige Ansatz ist, sondern dass sich die inhärente Logik des Systems ändern müsste. Jetzt sind die CEOs von Aktiengesellschaften in erster Linie den Aktionären gegenüber verantwortlich. Das wurde sehr deutlich. Bei Peng! sind wir aber keine Wirtschaftsexpert*innen und können und wollen keine vorgefertigten Lösungen bieten.

Wir haben im Vorfeld der Telefonate auch mit Expert*innen aus den jeweiligen Branchen gesprochen und nach ihren Vorschlägen für den Wirtschaftswandel gefragt, etwa bei Greenpeace oder dem Bündnis »Krankenhaus statt Fabrik«. Diese Gespräche sind in einer Telefonzelle bei dem Internationalen Sommerfestival des Kampnagel, das am 12. August die Türe öffnet, in einer Installation von Peng! zu hören.

Wie ist die Auswahl der Unternehmen zustande gekommen? Neben BMW und einem Autozulieferer, dem Hamburger Flughafen und Turbinenbauer LTU, den Krankenhauskonzernen Helios und Äskulap waren auch der Immobilienkonzern Vonovia, der Energieriese RWE sowie Westfleisch dabei - viele Branchen, aber auch Unternehmen mit durchaus unterschiedlichem Gewicht.

Wir haben 30 Unternehmen angeschrieben, davon haben zehn reagiert. Es gab noch Unternehmen, die für eine Woche später ein Gespräch angeboten hatten, aber da waren wir schon aufgeflogen.

Welche Antworten haben Sie am meisten überrascht?

Einerseits hat mich überrascht, wie offen über eine Veränderung der Gesellschaft gesprochen wurde. Über eine Gesellschaft, die nicht mehr kapitalistisch sein sollte und die nicht mehr auf Wachstum beruht. Enttäuscht war ich allerdings, dass die Wirtschaftsbosse als Hauptkonsequenz aus der Coronakrise etwas so Triviales wie Videokonferenzen als wichtigsten Beitrag gegen den Klimawandel hervorhoben. Da hatte ich auf dieser Ebene mehr erwartet.

Ich war bei den Gesprächsprotokollen vor allem von der Dreistigkeit des Vertreters von Vonovia überrascht, der davon ausging, dass der Staat die Mieten in Coronazeiten sowieso stütze und deshalb das Mietniveau stabil bliebe. Er hat die staatlichen Zulagen ganz ungerührt in seine Gewinnbilanz eingespeist, ohne über eine Veränderung der Wohnungsbaupolitik und der Eigentümer*innenstrukturen überhaupt erst nachzudenken. Welche Schlussfolgerungen sollten Politik, Öffentlichkeit und Mieter*innen daraus ziehen?

Aus diesen Geldern, jährlich etwa 15 bis 17 Milliarden Euro, die aus Unterstützungsbeiträgen wie etwa Hartz IV und Wohngeld an die Immobilienwirtschaft in Deutschland gehen, sollte kein Profit generiert werden, der nicht zu 100 Prozent wieder in die Gemeinschaft fließt.

Nachdem dem Vertreter von RWE aufgefallen war, dass das Bundesamt für Krisenschutz eine Fake-Institution ist, wurden Sie vom Wirtschaftsministerium in Zusammenhang mit Betrüger*innen gebracht, die mit gefälschten Daten Coronahilfen abgreifen. Haben Sie Gelder versprochen, sensible Daten von Unternehmen bekommen oder gar selbst Gelder abgegriffen?

Nein. Dieser Vorwurf ist auch wieder zurückgezogen worden. Wir haben mit den Unternehmen über ein zukünftiges Konjunkturpaket gesprochen und sie gefragt, wie nach ihrer Meinung als Expert*innen in der Branche dieses Geld eingesetzt werden sollte, damit die Wirtschaft »souverän und widerstandsfähig« bleibt.

Wissen Sie, ob das Wirtschaftsministerium nun eine Art Follow-up macht: mit den Unternehmen ein Strategiepapier entwickelt über reduzierten Flugverkehr beispielsweise, Dekarbonisierung der Energie, Umstellung auf Wasserstoffkreisläufe in Energie und Transport sowie Verstaatlichung?

Das Bundesministerium ist diesbezüglich noch nicht auf uns zugekommen, nein. Aber vielleicht haben wir sie ja inspirieren können. Am schönsten wäre es natürlich, wenn es tatsächlich ein Bundesamt für Krisenschutz gäbe, das sich ernsthaft mit der Frage des ewigen Wachstums auseinandersetzt.

Peng! Kollektiv: Klingelstreich beim Kapitalismus, bis 30. August beim Internationalen Sommerfestival Kampnagel in Hamburg.

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