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Rohkunstbau-Festival

Zärtlichkeit und ihre Antithesen

Das 25. Rohkunstbau-Festival ist im brandenburgischen Schloss Lieberose zu Gast.

Von Inga Dreyer

Ein kleiner, weißer Mann aus Gips steht prominent platziert, aber etwas verloren inmitten des großen Saales. Er beugt sich in wenig heroenhafter Pose leicht nach vorn, einen Arm in die Hüfte gestützt, den Blick gesenkt, den kleinen Bauch gewölbt. Die Arbeit der Künstlerin Karin Sander wirkt wie eine liebevolle Darstellung von Durchschnittlichkeit in einer Umgebung, die von barocker Opulenz geprägt ist.

Das große, melancholisch vor sich hinbröselnde Schloss Lieberose am Rande des Spreewalds ist in diesem Jahr zum dritten Mal Austragungsort des Festivals Rohkunstbau, das seit 25 Jahren Orte in Brandenburg bespielt. Unter anderem war es bisher im Wasserschloss Groß Leuthen, im Schloss Sacrow oder in der Villa Kellermann in Potsdam zu Gast. Dieses südöstlich von Berlin gelegene Schloss Lieberose erweist sich nun als spannende Kulisse für zeitgenössische Kunst - darunter Installationen, Zeichnungen, Malerei, Video-Kunst und Fotografie. Die Gänge, Säle und Treppenhäuser künden in ihrem unsanierten Zustand von längst vergangenem Prunk, sich überlagernden Stilen und Spuren verschiedener Nutzungsformen. Mit diesen Räumen treten die Werke in interessante Auseinandersetzungen. Bettina Pousttchi etwa, die derzeit auch Arbeiten in der Berlinischen Galerie ausstellt, zeigt in Lieberose eine Reihe von verformten Baumschutzbügeln aus beschichtetem Edelstahl. Dieses Stadtmobiliar steht in merkwürdigem Kontrast zu dem Saal des Landschlosses, dessen Decke von pausbäckigen Engeln übersät ist.

»Normalerweise schaffen die Künstler Arbeiten für den Raum«, erzählt Heike Fuhlbrügge, die in diesem Jahr als Kuratorin ihren Vorgänger Mark Gisbourne abgelöst hat. Bei dieser 25., durch Corona geprägten Ausgabe des Festivals musste sie etwas anders vorgehen als bisher. Die Vorbereitungszeit war kurz, denn lange stand - erst wegen Finanzierungsschwierigkeiten, dann wegen der Pandemie - nicht fest, ob Rohkunstbau dieses Jahr stattfinden kann.

Bereits letztes Jahr war das Festival ausgefallen, nachdem sich der Träger, die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, zurückgezogen hatte. Dadurch sei es nicht mehr möglich gewesen, eine Förderung der Kulturstiftung des Bundes zu erhalten, hatte der Verein der Freunde des Rohkunstbau mitgeteilt, in dessen Trägerschaft das Festival inzwischen liegt.

In diesem Jubiläumsjahr werden nun hauptsächlich Arbeiten gezeigt, die bereits existierten - und nicht extra für Lieberose geschaffen wurden. Das aber tut der Wirkung keinen Abbruch. Heike Fuhlbrügge lud Künstlerinnen und Künstler ein, die schon einmal bei dem Festival vertreten waren - und teilweise beim ersten Mal noch nicht so bekannt waren wie heute. Gemeinsam mit ihnen überlegte sie, welche Werke zu dem Ort und dem Jahresmotto »Zärtlichkeit« passen könnten. Meist besuchte sie dafür die Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers.

Mit Thomas Rentmeister beispielsweise einigte sie sich auf zwei Installationen, die im Kontext des herrschaftlichen Schlosses eine besonders herbe Wirkung entfalten. Der Künstler zeigt metallene, von Spielzeug bedeckte Kinderbetten, die aus einem verlassenen Flüchtlingsheim stammen. Rentmeister arbeite dokumentarisch und bestehe darauf, die Objekte genau so zu zeigen, wie er sie vorgefunden habe, berichtet Heike Fuhlbrügge. »Er fühlt sich dazu verpflichtet - aus Respekt vor den Menschen und ihrem Leben.« Die Überbleibsel dieses Lebens sind noch zu sehen, während die Bewohnerinnen und Bewohner, die temporär an diesen Ort gespült worden, inzwischen woanders sind. »Zärtlichkeit« ist bei dieser Arbeit eher das Gegenteil von dem, was der Künstler zeigt - aber vielleicht trifft es Gefühle der Besucherinnen und Besucher beim Anblick der verlassenen Schlafstätten.

Auf eine subtile und vordergründig witzige Art spielt Bjørn Melhus mit dem Thema Zärtlichkeit. Er zeigt unter anderem die Videoarbeit »Captain« in Raumschiff-Orion-Ästhetik, in der er selbst einen verletzten Kapitän spielt - umgeben von Vater und Sohn, die sich um ihn kümmern. Soll er den Planeten verlassen oder nicht? Hier gehe es um einen Generationenvertrag, sagt die Kuratorin. Wie wir mit unseren Ressourcen umgehen, ist eine Frage, die der Künstler hier aufwirft - auf charakteristisch ironische Art.

Der Weg über die zwei Etagen des Schlosses führt vorbei an Skulpturen, Videos, Malerei, Fotografie. Einmal führt er sogar direkt über ein Kunstwerk, den »Teppich Schöneberg« von Michael Sailstorfer. In dem grünlich-grauen Flickenteppich sind auf den zweiten Blick hineingewebte Abzeichen zu erkennen. Die Arbeit ist aus Streifen von Polizeiuniformen gefertigt. Indem die Besucherinnen und Besucher darüber laufen und die Kleidungsstücke und Symbole mit Füße treten, thematisiert der Künstler Machtverhältnisse und Gewalt - ausgeübt durch die Polizei, aber auch gegen die Polizei.

Während sich dieses, auf gesellschaftspolitische Debatten verweisende Werk eher als Antithese zum Begriff der Zärtlichkeit liest, zeigen sich andere Arbeiten weicher - im wahrsten Sinne des Wortes. Wie hingegossen sehen die Objekte aus, die Alicja Kwade in einem Saal platziert hat. Ein Spiegel und Elemente aus Messing und Stahl schmiegen sich in die Ecke zwischen Wand und Boden, als seien sie weich in sich zusammengesackt und hätten vergessen, wozu sie eigentlich dienen. »Das ist im Moment der Zärtlichkeit so - da hat man keine Funktion mehr«, sagt Heike Fuhlbrügge.

Die Schau ist samstags und sonntags geöffnet. Überlegt werde, noch einen weiteren Tag hinzuzunehmen, erzählt Heike Fuhlbrügge. Denn die Nachfrage ist groß. »Es läuft unglaublich gut. Das hätten wir niemals gedacht«, sagt sie. In diesem Corona-Sommer scheint die Lust auf zeitgenössische Kunst besonders groß. Viele Besucherinnen und Besucher haben die Ausstellung in den Sommerferien als Ausflugsziel genutzt, sagt die Kuratorin. Das ist ein Vorteil, wenn man den Weg aus Berlin oder weiter entfernten Orten in Brandenburg nach Lieberose in Kauf genommen hat: Der Spreewald liegt nahe.

»XXV. Rohkunstbau. Zärtlichkeit/Tenderness. Vom Zusammenleben/About Common Living«, bis 20.9., Schloss Lieberose, Schlosshof 3, Lieberose, Spreewald

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