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zweite Welle

Corona auf Journalistisch

sieben Tage, sieben Nächte

Von Regina Stötzel

Wenn Wasser steigt, fällt und wieder steigt, kann man unter Umständen von einer »zweiten Welle« sprechen. Ob sich dieses Bild auf die Corona-Infektionszahlen in Deutschland übertragen lässt, die neuerdings wieder bei deutlich über 1000 liegen, wird diskutiert, zuletzt gestern im »nd«.

Auch von einem »Lockdown« im Frühjahr zu sprechen, halten manche Kollegen für unpassend. Schließlich konnte man hierzulande jederzeit vor die Tür, unzählige Betriebe liefen weiter, Busse und Bahnen fuhren, wenn auch teilweise seltener als sonst. Sogar »Coronakrise« ist nicht treffend, zumindest wenn man damit lediglich die Zeit bis zur Aufhebung der Kontakt- und Reiseverbote meint. Schließlich hatten etwa Online-Handel, Klopapierhersteller und Supermärkte auch im Frühjahr Hochkonjunktur, während bei Clubs, Kneipen, Kultur-, Sport-, Reiseveranstaltern und vielen anderen noch immer Flaute herrscht, ohne ein Ende in Sicht.

Wir benutzen auch die Begriffe »Corona-Gegner«, »Corona-Demonstrationen« und »Corona-Proteste« nicht oder nur mit Bauchschmerzen, weil dann alle wissen, worum es geht. Denn für oder gegen ein Virus zu sein oder zu demonstrieren, ist erstens zweifelhaft und zweitens nicht gemeint.

Was bei der »Corona-Großdemonstration« am vergangenen Samstag in Berlin gemeint war, darüber haben wir uns ein Bild gemacht und stellen daher das im »nd« benutzte Vokabular nicht infrage - auch wenn es manchen Leserinnen und Lesern nicht gefallen hat: Eine Veranstaltung, zu der auch NPD und AfD ihre Anhänger aufrufen, nennen wir nach rechts offen. Eine Bewegung, die auf den Annahmen beruht, man befinde sich in einer »Corona-Diktatur«, beherrscht von Mächten der Finsternis und unterstützt von einer gleichgeschalteten »Lügenpresse«, nennen wir verschwörungsideologisch. Angriffe von Hooligans auf Journalisten, die ihre Arbeit machen, nennen wir undemokratisch. Aggressives Verhalten hasserfüllter Demonstrationsteilnehmer gegenüber Menschen, die Mund-Nasen-Bedeckungen tragen, nennen wir untragbar. Die gleichzeitige Duldung extrem rechter und antisemitischer Zeichen und Symbole benennen wir entsprechend anschlussfähig (siehe Seite 27). Und aus 20 000 Teilnehmenden 1,3 Millionen zu machen, nennen wir wahnhaft.

Für Leute, die meinen, Freiheit bedeute, keine Rücksicht auf andere nehmen zu müssen, haben wir - freundlich ausgedrückt - kein Verständnis. Egal, wie viele Menschen mit auf der Straße waren, die Regenbogenfahnen schwenkten oder ihre Wut über wirtschaftliche oder soziale Folgen der Schutzmaßnahmen zum Ausdruck bringen wollten: Massenhaft ohne Abstand und Masken »Wir sind die zweite Welle!« zu brüllen, finden wir nicht witzig. Und definitiv unpassender als die Metapher bei Infektionszahlen.

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