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Antifa besiegt AfD mit Sprechchören

Protest gegen Eröffnung von Wahlkreisbüros der Abgeordneten Kalbitz und Hohloch in Königs Wusterhausen

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Knapp 100 Demonstranten standen am Freitagabend an der Maxim-Gorki-Straße. Sie protestierten wegen der Eröffnung der Wahlkreisbüros der brandenburgischen AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Kalbitz und Dennis Hohloch.
Knapp 100 Demonstranten standen am Freitagabend an der Maxim-Gorki-Straße. Sie protestierten wegen der Eröffnung der Wahlkreisbüros der brandenburgischen AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Kalbitz und Dennis Hohloch.

»Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen«, skandieren einige AfD-Anhänger. Die auf der anderen Seite der Maxim-Gorki-Straße demonstrierenden Antifaschisten antworten: »Nazis raus! Nazis raus!« Es gibt am Freitagabend mehrere solcher Duelle mit Zurufen. Immer gewinnen die Antifaschisten. Sie rufen lauter und länger – bis die Gegenseite aufgibt.

Um 18 Uhr eröffnen die AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Kalbitz und Dennis Hohloch an der Maxim Gorki-Straße 24 in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) ein gemeinsames Wahlkreisbüro. Der Termin sei intern, nur für geladene Gäste, teilte die AfD vorher auf Nachfrage mit, ob man als Journalist hinkommen und berichten könne. So lässt sich nicht genau sagen, wie viele Anhänger erschienen sind. Etwa 100 Menschen sind vor und neben dem Gebäude zu sehen. Wie viele sich darin und dahinter befinden, lässt sich nicht herausfinden.

Die Gegendemonstranten abzuzählen, ist dagegen kein Problem. 87 Teilnehmer – unterwegs schließen sich noch einige an – sind vom Bahnhof Königs Wusterhausen ein ganzes Stück über verwinkelte Nebenstraßen bis vor das Haus Nummer 24 gezogen. Auf direkten Wege wären es nur 400 Meter gewesen. An dem Gebäude weisen acht große Tafeln auf verschiedenes Gewerbe hin, das dort seinen Sitz hat. Demnach befinden sich in dem zweistöckigen Haus mit ausgebautem Dachgeschoss auch ein Reiseservice, ein Vermessungsbüro und eine Fußpflege. Auf die AfD weist nichts dergleichen hin. Es ist dennoch die richtige Adresse. Die AfD-Fraktion selbst hat sie genannt – und Fraktionschef Kalbitz sowie Fraktionsgeschäftsführer Hohloch sind anwesend.

Dabei ist zu beachten, dass Kalbitz seinen Posten des Fraktionschefs einstweilen ruhen lässt und im Moment der AfD formal gar nicht angehört. Denn das Bundesschiedsgericht der AfD hat seinen Rauswurf aus der Partei bestätigt. Ihm wird angekreidet, bei seinem Eintritt verschwiegen zu haben, früher Mitglied der inzwischen verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) gewesen zu sein. Er ist in einer Liste der HDJ verzeichnet. Kalbitz gibt lediglich zu, die neofaschistische Organisation habe ihn möglicherweise als Interessenten geführt. Ein überliefertes Bild zeigt ihn in kurzer Lederhose bei einem Pfingsttreffen der HDJ. Kalbitz will sich dort lediglich aus Neugier umgeschaut haben. Gegen die Annullierung seiner AfD-Mitgliedschaft wehrt er sich juristisch. Einen Termin gibt es am 21. August. Dann verhandelt das Landgericht Berlin über einen Eilantrag des Politikers.

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Für ein Foto stellt sich Kalbitz am Freitagabend mit hellbrauner Hose vor der Maxim-Gorki-Straße 24 mit zwei Frauen im Arm extra so auf, dass er die Fahnen der Antifa und der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) im Rücken hat. Nur eine locker aufgestellte Polizeikette trennt ihn von den Gegendemonstranten ein paar Schritte weiter. Ein Besucher der Wahlkreisbüroeröffnung kommt sogar auf die andere Straßenseite und tanzt zu der Musik, die aus einem Lautsprecherwagen der Linkspartei dringt. Gekleidet ist der schlacksige Mann mit wie jemand aus der linksalternativen Szene. Diese Verwechslung klärt sich aber schnell auf, als er entrüstet ablehnt, einen Mundschutz zu verwenden. Drüben bei der AfD haben nur ein, zwei Leute einen Mundschutz unter dem Kinn hängen, den sie eventuell bei der Anreise in der Bahn korrekt angelegt hatten. Die Gegendemonstranten schützen sich alle gegen eine Ansteckung mit dem Coronavirus. Wer das vergessen hat, wird von den Ordnern ermahnt.

Sozialdemokrat Remo Ortmann bei der Kungebung vor den AfD-Wahlkreisbüros der brandenburgischen Landtagsabgeordneten Andreas Kalbitz und Dennis Hohloch.
Sozialdemokrat Remo Ortmann bei der Kungebung vor den AfD-Wahlkreisbüros der brandenburgischen Landtagsabgeordneten Andreas Kalbitz und Dennis Hohloch.

Für Stimmung sorgt Remo Ortmann. Er ist Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bestensee und im Anzug mit Filzhut erschienen. Mit einer Fahne »FCK AFD« (das bedeutet Fuck, also Fick die AfD) tänzelt er vor der Polizeikette auf und ab und ermuntert die Demonstranten zu dem Sprechchor: »Alerta, alerta antifaschista!« Das heißt soviel wie: »Achtung, Achtung, hier sind die Antifaschisten!«

Ortmann wirkt dabei zusammen mit Joshua Deweller, einem der Sprecher der brandenburgischen Linksjugend solid, der ein Megafon in die Hand genommen hat. Deweller trägt Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln und eine Jacke voller Antifa-Aufnäher. Diese Jacke hatte er auch übergestreift, als er vor einer Woche am Bahnhof Bestensee von mehreren Neonazis angegangen wurde. »Da steht die Zecke«, hat er einen sagen gehört, bevor er angepöbelt wurde. Einer warf eine Bierflasche nach ihm, die wenige Zentimeter neben seinem Kopf an einem Pfahl zerplatzte. Einen Tinitus habe ihm ch das eingetragen, berichtet Deweller. Zwei der Täter hat er erkannt, weil sie einst mit ihm zusammen die Grundschule besuchten. Der Vorfall ist für Deweller ein Grund mehr, zur Kundgebung vor dem neuen AfD-Wahlkreisbüro zu kommen und dort eine Rede zu halten. »Die AfD mag es verschweigen, doch ich sage es klar: ›Wir haben euch erkannt!‹« Deweller verweist auf rechtsextreme Bezüge von Abgeordneten wie Kalbitz und Hohloch. Auch der DGB-Kreisvorsitzende Danny Albrecht lässt sich nicht einschüchtern. »Ich habe keine Angst vor euch«, ruft er über die Straße. Birgt Uhlworm, Stadtverordnete der Unabhängigen Frauenliste in Königs Wusterhausen, kritisiert das anachronistische Frauenbild der AfD.
Am Protest beteiligen sich auch der Landtagsabgeordnete Ronny Kretschmer (Linke) und die Linke-Landesvorsitzende Anja Mayer. »Ich finde es gut, dass die AfD ein Jahr gebraucht hat, hier ein Wahlkreisbüro zu eröffnen«, bemerkt Mayer ironisch. Schließlich war die Landtagswahl bereits am 1. September 2019. »Von mir aus hätte es bis zum Ende der Legislaturperiode dauern können«, sagt Mayer. »Die AfD ist keine Alternative in Königs Wusterhausen und auch nirgendwo anders.«

Bei der Landtagswahl 2019 hatte sich die AfD in Brandenburg von 12,6 auf 23,5 Prozent verbessert. In den letzten Tagen vor der Abstimmung hatte die SPD von Ministerpräsident Dietmar Woidke, die zeitweise stark abgerutscht war, wieder zugelegt und 26,2 Prozent erzielt, damit der AfD doch noch den Wahlsieg weggeschnappt. Im Osten und im Süden Brandenburg gewann die AfD allerdings fast alle Wahlkreise. Spitzenkandidat Andreas Kalbitz und auch Dennis Hohloch mussten sich in ihren Wahlkreisen jedoch Kandidaten der SPD geschlagen geben. Sie zogen über die AfD-Landesliste in den Landtag ein.
Die jüngste Umfrage stammt vom April 2020. Da prognostizierte das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap der AfD brandenburgweit 20 Prozent. Auswirkungen des Machtkampfes zwischen Andreas Kalbitz und seiner Freunde vom völkischen Flügel mit Bundesparteichef Jörg Meuthen konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht gemessen werden.

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