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Verkaufen statt wegwerfen

Die BSR bietet in einem Kaufhaus entsorgte Güter an, die noch brauchbar sind

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich habe am Recyclinghof hier in Reinickendorf ein paar Sachen abgegeben, jetzt möchte ich schauen, ob sie hier auch verkauft werden«, sagt Susanne Niemke. Sie steht mit ihrem Handy am Ohr in der Schlange vor dem neuen Gebrauchtkaufhaus der Berliner Stadtreinigung (BSR) in Berlin-Reinickendorf - der sogenannten Nochmall, die am Sonnabend eröffnet wurde. Niemke telefoniert mit einer Freundin, die sich bereits einen Weg durch die Einlasskontrollen (samt Temperaturmessung) gebahnt und begonnen hat, in den gesammelten Gebrauchtwaren zu stöbern: »Durch die Scheibe kann ich so ein hübsches Katzenkörbchen sehen, guckt doch mal, was es kostet«, dirigiert Niemke von draußen ihre Freundin. Sie motiviert, was wohl die meisten in der Schlange eint: Die Lust auf ein gutes Schnäppchen. So auch Elli und Jürgen hinter ihr, die auf der Suche sind nach Spielzeug für ihre Enkelkinder.

Hohe Räume und schlichtes Design prägen das Gebrauchtkaufhaus in der Auguste-Viktoria-Allee 99, von dem Umweltstaatssekretär Stefan Tidow (Grüne) sagt, es solle das Erste von mehreren Gebrauchtkaufhäusern in der Stadt sein. Vorher verkaufte in der Halle ein Teppichmarkt Auslegeware meterweise, nun wird hier auf jedes Einzelstück wert gelegt. Seit Anfang des Jahres können Berliner*innen gut erhaltene Gebrauchsgegenstände an zwei Recyclinghöfen in Reinickendorf und Zehlendorf abgeben. Die Waren werden gesichtet, bei Bedarf aufgearbeitet und repariert und schließlich ein Preis ermittelt.

Christian Ahlers ist Schauspieler, hat im Filmdrama »66/67 - Fairplay war gestern« über Fußballfans und in mehreren Fernsehserien mitgespielt. Nun arbeitet er im Nebenerwerb als Verkäufer im Gebrauchtkaufhaus Nochmall. »Ich hatte immer einen Nebenjob und aktuell ist es nicht einfach, Schauspieler zu sein«, erklärt Ahlers. Er ist insbesondere für die Abteilung Kunst und Bücher zuständig. Der Job bereitet ihm sichtlich Spaß. Aufgeregt präsentiert er die Schätze, die andere Menschen einfach wegwerfen oder an den Annahmestellen abgeben. Er nimmt ein Buch aus dem Regal, holt es vorsichtig aus dem Schuber. »Schauen Sie mal, das wird Sie interessieren«, sagt er. Das Werk »Zeitungsstadt Berlin« von 1959 bietet einen Streifzug durch die Berliner Presselandschaft vor 1933. Im Buch eingelegt sind mehrere Originaldrucke der jeweiligen Zeitungen. »Ist das nicht toll. Da geht mir das Herz auf«, ruf Ahlers und holt dann einen Rahmen mit einem Druck des von Christo verhüllten Reichstags hervor. »Schauen Sie hier, der Druck trägt sogar die Originalunterschrift des Künstlers.« Solche Raritäten werden nicht frei verkauft, sondern gehen in einer Auktion über die Theke.

»Rund 15 000 Artikel bieten wir in der Nochmall an«, sagt die Vorstandsvorsitzende der BSR, Stephanie Otto, sichtlich stolz. Sie hat das Gebrauchtkaufhaus am Morgen eröffnet und hält jetzt einen Bastkorb in der Hand. »Der kommt in mein Badezimmer, da kommt meine Wäsche rein«, erklärt sie und legt die zehn Euro dafür auf den Kassentresen. Stephanie Otto ist seit Herbst 2019 Chefin der BSR und hat die Einrichtung des ersten Gebrauchtkaufhauses offensichtlich vorangebracht, nachdem die im Koalitionsvertrag festgehaltene Einrichtung eines solchen Kaufhauses jahrelang nicht vorankam. Auch Staatssekretär Stefan Tidow hat etwas ergattert. »Ich habe ein Ladekabel für mein Handy gefunden«, freut er sich.

Teil der Taskforce zur Einrichtung der Nochmall war unter anderem Frieder Söling. Nun ist er Geschäftsführer der Nochmall. Seit Mitte letztes Jahr habe er mit einem kleinen Team nach einem geeigneten Standort gesucht, erklärt Söling. »Wir haben uns sicher 50 Objekte angeschaut. Manche hatten keine Parkplätze oder waren zu klein. Eigentlich hatten wir schon einen anderen Standort in Spandau favorisiert, aber dann kam dieses Angebot, da haben wir zugeschlagen.« Die BSR beabsichtigt nicht, Gewinn mit der Nochmall zu machen. »Wir sind zufrieden, wenn die Unkosten reinkommen«, erklärt Söling. Wichtig ist ihm, dass das Haus auch zu einem Ort für Workshops und Veranstaltungen zum Thema Upcycling, Zero Waste und Müllvermeidung wird. »Jeden Samstag planen wir hier einen Workshop. Heute zum Beispiel findet einer zu Kleidungs-Upcycling statt«, sagt Söling, »an anderen Tagen haben wir unter anderem mit der Volkshochschule eine Kooperation vereinbart.«

Ein Ölgemälde für 13 Euro, ein Werkstatthocker für 15 Euro, ein Skateboard für fünf Euro und ein ganzes Golfschlägerset für 70 Euro - die Preise der meisten Produkte sind durchaus erschwinglich. Gegen 12 Uhr füllt sich die Halle: stapelweise Bücher, eine schwarz-weiß gemusterte Vase, ein Kinderfahrrad und ein Plaste-Töpfchen werden auf den Kassentresen gelegt. Betriebsleiterin Melanie Gille ist etwas aufgeregt: »Wir brauchen jetzt sofort den zweiten EC-Terminal«, ermahnt sie einen Mitarbeiter.

BSR-Chefin Stephanie Otto schaut trotz der Schlange vor der Kasse zufrieden: »Wir gucken jetzt erstmal, was gut geht und was nicht und dann denken wir über einen weiteren Standort nach.« Bis Gebrauchtkaufhäuser »Normalität« sind, wie Staatssekretär Stefan Tidow es sich wünscht, dauert es sicher noch eine Weile.

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