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  • Kultur
  • »Qube« von Tom Hillenbrand

Malerische Landschaften per Hologramm

Der dezimierten Menschheit fehlt etwas die soziale Dimension: Der Roman »Qube« von Tom Hillenbrand

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Dauerbrenner. Geben wir im Zuge der Digitalisierung zu viel Kontrolle ab? Werden die Computer und Maschinen irgendwann - wie schon 1985 im Film »Terminator« - die Macht übernehmen und einen Krieg gegen die Menschheit entfesseln?

Diesen Fragen widmet sich auch der 1972 geborene Tom Hillenbrand in seinem spannenden Science-Fiction-Thriller »Qube«. Es ist eine lose Fortsetzung seines Romans »Hologrammatica« (2018), kann aber unabhängig davon gelesen werden. Bei Hillenbrand wird die Existenz einer allmächtigen, keineswegs harmlosen KI aber vergleichsweise unblutig in Szene gesetzt. Einmal als Superquantencomputer in Betrieb genommen, um die Klimakatastrophe abzuwenden, beginnt sie die Kontrolle zu übernehmen und den Menschen Entscheidungen zu diktieren. Wegen dieses sogenannten Turing-Zwischenfalls gibt es in dieser zukünftigen Welt Ende des 21. Jahrhunderts eine der UNO unterstehende Behörde mit weitreichenden Befugnissen, die verhindern soll, dass so etwas noch einmal passiert.

Auch wenn die KI nach dem Turing-Zwischenfall zerstört wird, kann sich keiner so ganz sicher sein, dass dieser mächtige Computer oder ein Ableger von ihm nicht doch noch irgendwo existiert. Wenn ja, hat sich dieser leuchtende Computerwürfel, der ganze Maschinenparks nicht nur steuern, sondern auch bauen kann, unter die Meeresoberfläche zurückgezogen oder ist er ins All geflüchtet, wo mittlerweile im Asteroidengürtel fleißig Bodenschätze abgebaut werden und diverse steuersparende Briefkastenfirmen ihre Heimat haben.

Tom Hillenbrands »Qube« ist als klassischer Thriller angelegt, der mit einem Mord beginnt, es folgt eine komplizierte Ermittlung und schließlich klärt sich der Fall auch auf. Aber der zu Beginn in der City of London per Kopfschuss ermordete Fernsehjournalist Calvary Doyle, der dem KI-Geheimnis auf der Spur war, wird im Krankenhaus einfach wieder instandgesetzt, indem sein digitalisiertes Gehirn in seinen reparierten Körper hochgeladen wird.

Die ermittelnde Beamtin, Fran Bittner von der Anti-KI-Polizei der UNO, wechselt das Geschlecht ebenso schnell und oft wie ihren Körper. Die Ermittlungen führen sie nicht nur rund um den Globus, sondern auch in den Weltraum jenseits unseres Sonnensystems, wohin sie per Upload gebeamt wird. Und ein digitales Rollenspiel mit Elfen, Magiern und Trollen, das im Leistungssportsegment angesiedelt ist, wird auch Schauplatz der Ermittlungen, in denen Bittner nicht nur mit einer KI zu tun hat, sondern auch gegen einen mit allen Wassern gewaschenen Multi-milliardär antritt und sich mit lebenden Hologrammen herumärgern muss, von denen keiner so genau weiß, ob sie eventuell sogar extraterrestrischen Ursprungs sind.

»Qube« lebt nicht nur vom handwerklich gut gemachten Thrillerplot, sondern auch von Tom Hillenbrands stellenweise ebenso großartigen wie beängstigenden Ideen für die Ausgestaltung einer zukünftigen Welt, in der per Hologramm und mittels ausgefeilter digitaler Technologien alles Mögliche erschaffen werden kann. So hat ein Teil der Weltbevölkerung längst digitalisierte Gehirne und wechselt wochenweise den Körper, das Internet ist deutlich gewachsen und heißt mittlerweile »Grid«, die USA existieren ebenso wenig wie die EU, stattdessen gibt es die Kalifornische Hegemonie und die Commonwealth-Föderative.

Auf der Erde leben nach einer großen Pandemie nur noch vier Milliarden Menschen, die Meere sind natürlich komplett verseucht, zahlreiche Metropolen abgesoffen und ganze Regionen leiden unter Temperaturen von über sechzig Grad. Wobei die schon arg in Mitleidenschaft gezogene Erde dann einfach per Hologramm malerische Landschaften verpasst bekommt. »Qube« erzählt von einer Welt, in der vieles komplett aus dem Ruder gelaufen ist und eine eher hilflose Staatlichkeit versucht, den Quantencomputern und ihren Fähigkeiten hinterherzukommen.

Trotz dieser sehr grell ausgemalten dystopischen Elemente eines zum Teil zerstörten Planeten und einer dezimierten Menschheit fehlt der Geschichte so etwas wie eine soziale Dimension. Arme gibt es in dieser Zukunft keine, stattdessen wird von einee ausufernde Konsumwelt erzählt, die entweder keinerlei Beschränkungen aufweist oder es werden nur jene erwähnt, die sie sich leisten können. Dabei hat der Kapitalismus keineswegs aufgehört zu existieren, sondern durch seine Ausbreitung in den Weltraum eher Fesseln abgeworfen. Tom Hillenbrands Plot von einer mächtigen KI, die irgendwann dann sogar - wenn auch etwas bieder in der Person eines gediegenen Mittfünfzigers - Kontakt zu den Menschen aufnimmt, ist stringent durcherzählt. »Qube« verzichtet ebenso auf platte Dämonisierungen der KI-Gefahr wie auf billige Technologiebegeisterung und setzt das Thema gekonnt und spielerisch in Szene. In den ineinander verwobenen Handlungssträngen gibt es auch eine Erzählebene, die an ein Märchen oder ein Fantasy-Spiel erinnert, wenn verschiedene KIs miteinander und gegeneinander interagieren.

Dennoch hätten dem an der einen oder anderen Stelle etwas zu glatt wirkenden Roman, einige soziale Reibungsflächen durchaus gut getan.

Tom Hillenbrand: »Qube«, Kiepenheuer und Witsch, 560 S., brosch., 12 €.

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