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Das Ende der Jobmaschine Flughafen

Der mehrheitlich staatliche Fraport will in Frankfurt Tausende Stelle streichen - wie verhält sich die Politik?

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor dem Hintergrund der tiefen Krise der Luftfahrt droht auch im Infrastrukturbereich ein drastischer Arbeitsplatzabbau. So kündigte jüngst der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport AG die Streichung von bis zu 4000 der insgesamt 22 000 Stellen an.

Laut Fraport-Chef Stefan Schulte dürfte selbst bei einer schrittweisen Erholung der internationalen Luftfahrt das Passagiervolumen auf dem größten deutschen Verkehrsflughafen bis 2023 noch um rund 15 bis 20 Prozent unter dem Höchstwert von 2019 liegen. Daher müsse sich das Unternehmen »verschlanken und noch effizienter aufstellen«. Fraport vermeldete für das erste Halbjahr 2020 einen Umsatzeinbruch um fast 50 Prozent und einen Verlust von etwa 231 Millionen Euro. Von April bis Juni habe sich das Passagieraufkommen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 94,4 Prozent verringert, bezogen auf das erste Halbjahr betrug der Rückgang 63,8 Prozent. Selbst in der letzten Juliwoche lag der Rückgang der Passagierzahlen im Vorjahresvergleich bei 78,6 Prozent. Ganz dramatisch ist die Lage für das Unternehmen bisher aber nicht: Die Liquidität ist mindestens bis Ende 2021 gesichert.

Fraport ist auch an zahlreichen Flughäfen im Ausland beteiligt, wo es nicht besser aussieht. Der Konzern setzte lange auf globale Expansion und erzielte im Gesamtjahr 2019 auf vier Kontinenten 3,7 Milliarden Euro Umsatz. 182 Millionen Passagiere wurden abgefertigt.

Schultes Ankündigung gleicht einer Hiobsbotschaft vor allem für die Beschäftigten und die Region rund um Frankfurt, wo Politiker jahrzehntelang auf einen nie endenden Luftfahrtboom setzten. Man werde noch im August mit der Geschäftsführung über ein Freiwilligenprogramm verhandeln, kündigte Betriebsratschefin Claudia Amier am Montag an. »Wir brauchen sehr attraktive Abfindungsregelungen und eine ausgedehnte Altersteilzeit für Beschäftigte bis zu den Jahrgängen 1964/1965.« Es müsse über Qualifizierungsangebote für die Beschäftigten und Teilzeitprogramme gesprochen werden.

Gleichzeitig schleppen sich bei der Lufthansa, der mit Abstand wichtigsten Airline am Rhein-Main-Flughafen, die Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften Verdi und Vereinigung Cockpit über massive Lohnopfer hin. Noch befinden sich viele Tausend Lufthanseaten und auch 18 000 Fraport-Beschäftigte in Kurzarbeit. Sie fragen sich, wie es nach dem Auslaufen weitergeht. »Inwieweit auch betriebsbedingte Kündigungen erforderlich werden, wird wesentlich von der Umsetzung der sozial verträglichen Maßnahmen abhängig sein«, heißt es bereits in einem Papier der Fraport-Chefetage. Der hessische DGB forderte das Unternehmen auf, zumindest auf Kündigungen zu verzichten.

Die offiziellen Zahlen lassen indes außer Acht, dass viele Beschäftigte rund um den Airport nicht zur Stammbelegschaft von Fraport oder Lufthansa gehören, sondern bei Subunternehmen und Zeitarbeitsfirmen in Lohn und Brot stehen. Etliche befristete Jobs sind bereits ausgelaufen oder enden bald. Seit Jahren beklagen Gewerkschaften die systematische Ausgliederung der Bodendienste. Lohn- und Sozialdumping hätten massiv zugenommen sowie den Lebensstandard und die Stimmung der Betroffenen gedrückt, die mitunter auf ergänzende Sozialhilfe oder Wohngeld angewiesen seien.

Schultes Kahlschlagspläne stoßen auch politischen Akteuren auf. Schließlich gehört die Fraport AG mehrheitlich der öffentlichen Hand. Größte Aktionäre sind das Land Hessen mit 31,3 Prozent und die Stadt Frankfurt mit 20,3 Prozent. Daher habe Fraport eine »Vorbildfunktion«, sagt der südhessische SPD-Vorsitzende Kaweh Mansoori. »Massenentlassungen trotz staatlicher Mittel für Kurzarbeit sind schlichtweg inakzeptabel.« Auch die hessische Linksfraktionschefin Janine Wissler lehnt einen »Kahlschlag bisher unbekannten Ausmaßes« und betriebsbedingte Kündigungen ab. »Die angebliche Jobmaschine Flughafen, die als Begründung für jeden Ausbau herhalten musste, steht sowieso schon lange für prekäre Arbeitsplätze und schlechte Bezahlung«, so ihr Fazit.

Im 20-köpfigen Aufsichtsrat sitzen neben zehn Arbeitnehmervertretern drei Repräsentanten des Landes Hessen und zwei der Stadt Frankfurt. Daher könnten sich etwa Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann und Hessens Ex-Wirtschaftsminister Lothar Klemm (beide SPD) im Sinne von Mansooris Mahnungen auf die Seite des Arbeitnehmerlagers schlagen und die Kahlschlagspläne ausbremsen. Doch ob es so weit kommt?

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