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»Richtig esse ich gar nicht mehr«

Europas Strategie in Corona-Krisenzeiten passt nicht auf ein Land wie Guatemala. Die meisten Menschen fürchten dort vor allem den Hunger

  • Von Andreas Boueke. Guatemala
  • Lesedauer: 6 Min.

»Viele Menschen sind verzweifelt«, sagt der guatemaltekische Sozialarbeiter Cesar Puac. »Covid-19 hat den Bewohnern der ärmsten Viertel um Guatemala-Stadt alle Hoffnung genommen.« Der schlanke Mann mit den typischen Gesichtszügen der indigenen Mayabevölkerung Mittelamerikas arbeitet in La Comunidad, einem Stadtteil im Westen der guatemaltekischen Hauptstadt. Dort leben über 70 000 Menschen, die meisten in Armut, viele in extremer Armut. »Besonders Eltern von kleinen Kindern machen sich Sorgen, nicht so sehr um das Virus, sondern um die Ernährung. Sie wissen nicht mehr, was sie den Kleinen zu essen geben sollen. Der seelische Druck kann zu einer schwerwiegenden Depression führen, aus der sie nicht mehr herauskommen.«

Der 40-jährige Auvilio Gonzales hätte den Kampf gegen die Depression fast verloren. »Hier kann man den Bluterguss sehen, wo ich mir das Seil um den Hals geschlungen habe.« Mit dem Zeigefinger zieht er die bläuliche Linie auf seiner Haut nach. »Dort drüben habe ich mich aufgehängt. Warum? Weil ich nicht wusste, wie es weiter gehen soll. Ich war schon bewusstlos, als mein Sohn hereinkam und das Seil durchschnitt. Dann schlug er so lange auf meine Brust, bis die Feuerwehrleute kamen. Sie waren in der Hütte, aber ich konnte nichts sagen. Ich habe mich so mies gefühlt.«

Die Holzhütte der Familie Gonzales steht direkt neben dem steilen Abhang im Norden von La Comunidad. Keine zehn Meter Luftlinie entfernt, aber mindestens dreißig Meter tiefer, fließt ein verschmutzter Bach. Der Geruch nach Kloake dringt bis nach oben durch die Ritzen zwischen den vermoderten Brettern der Hüttenwände. »Gestern wollte ein Freund auf der Straße von mir wissen, wieso ich das getan habe. ›Vergiss diese Gedanken‹, sagte er. ›Denk lieber an deine Frau und deine Kinder. Wenn du dich umbringst, hast du vielleicht Ruhe, aber was bleibt zurück? deine Frau muss sich um die Beerdigung kümmern und alles bezahlen.‹ Er hat ja recht.«

Don Auvilios Frau, Maria Luisa, ist wütend auf ihren Mann. Sie kann nicht verstehen, warum er sie gerade jetzt mit den Kindern allein zurücklassen wollte: »In dieser Krise musst du doch alles für deine Kinder tun. Sie dürfen keinen Hunger leiden. Dafür sind sie noch viel zu klein. Irgendwo kann man immer etwas zu essen auftreiben. Obwohl, manchmal haben wir auch gar nichts. Dann fühlt man sich krank, zu kraftlos, um weiter zu kämpfen.«

Die Epizentren der Pandemie haben sich längst vom Norden des Globus in den Süden verschoben. Anfangs haben die meisten Regierungen in Lateinamerika kopiert, was die reichen Länder in Europa vorgemacht haben. Doch eine Strategie, die in Deutschland funktioniert, lässt sich nicht einfach auf ein Land wie Guatemala übertragen, wo fast die Hälfte der Kinder chronisch unterernährt ist. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt gar vor »Hungersnöten biblischen Ausmaßes«. Die Zahl der Krankenhausbetten pro Kopf ist in Deutschland 16 Mal so hoch wie in Guatemala, dem Land mit den anteilig wenigsten Krankenhäusern auf dem amerikanischen Kontinent.

Nothilfe gegen den Hunger

Keine 500 Meter von der Hütte der Familie Gonzales entfernt steht die Kirche des Heiligen Petrus Nolasco. Vor der Eingangstür hat Pater Abel Villegas einen Schreibtisch aus Blech auf den staubigen Boden gestellt. Er registriert die Namen hilfsbedürftiger Menschen, die in der Hoffnung auf Unterstützung zu ihm kommen. »Wir sind hier in einer sehr armen Gegend. Wir als Kirche versuchen zu unterstützen, soweit wir können.«

Das globale Transportwesen steht still, Flughäfen sind gesperrt, Nahrungsmittelexporte wurden gestoppt. In Guatemala fahren schon lange keine Überlandbusse mehr. Kleinbauern können ihre Felder nicht erreichen, Händler keine Produkte auf die Märkte bringen. Zur Bekämpfung der Krise hat der guatemaltekische Kongress mehrere Wirtschaftspakete aufgelegt. Die größten Summen sollen in Straßenbau und die Aufstockung der Lehrergehälter fließen. Von diesen staatlichen Investitionen wird die Mehrheit der Bevölkerung nur wenig abbekommen. Eben jener Teil, der in der größten Armut lebt.

So ist auch die Hilfe der Kirche in La Comunidad nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Für die einzelnen Wartenden aber bedeutet sie viel. »Dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich solche Hilfe bekomme«, sagt eine junge Frau in hübschem Kleid. »Früher hätte ich das nie angenommen, schon gar nicht von der Regierung. Ich danke Gott, dass die Kirche mir helfen wird, ganz egal, was sie mir einpacken.« Unterernährt sieht die Frau nicht aus. Aber der fahle Ton ihrer Hautfarbe lässt erahnen, dass sie in den vergangenen Tagen nicht genug gegessen hat. »Wenn es überhaupt was zu essen gibt, dann nur einmal am Tag. So richtig esse ich eigentlich gar nicht mehr. Mir ist wichtiger, dass mein Sohn ausreichend isst. Er ist zwei Jahre alt. Ich nehme das, was übrig bleibt. Von den Hilfen, die der Präsident versprochen hat, ist hier bisher nichts angekommen.«

Viele der Wartenden vor dem Eingangstor der Kirche des Heiligen Petrus Nolasco stehen nicht auf der Liste des Paters. Vermutlich werden sie leer ausgehen. Maria Luisa Gonzales ärgert sich, dass trotzdem so viele gekommen sind: »Es gibt hier viel Armut und wenn es etwas umsonst gibt, dann wollen alle was haben. Aber so geht das nicht. Es ist nicht genug für alle da.«

Verzweiflung statt Abstand

Alle Wartenden tragen eine Schutzmaske, doch die wenigsten achten auf Abstand. Ein Polizist fordert sie zur Ordnung auf. »Es tut mir weh, all diese hungrigen Menschen zu sehen«, sagt der uniformierte Mann. »Trotzdem müssen wir uns an die Vorgaben halten. Ich verstehe ja, dass sich die Leute schwer damit tun. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Verzweiflung, weil sie nichts mehr zu essen haben.«

Zwei Stunden später trägt Maria Luisa eine Kiste voll gespendeter Lebensmittel in die Hütte ihrer Familie. Sofort setzt sie Wasser auf, um eine Nudelsuppe zu kochen. Gewürze hat sie keine mehr, nur ein wenig Salz und gemahlene Kräuter, die ihre Tochter auf dem steilen Hang hinter der Hütte gepflückt hat. »Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise sind viel schlimmer als die gesundheitlichen«, sagt Maria Luisa. »Es gibt keine Arbeit, keine Nahrung. Nichts. Wenn wir nicht bald wieder ein Einkommen haben, wird es hier Hungertote geben.«

Auvilio Gonzales schaut zufrieden in den Kochtopf. Der Hunger hat ihm zugesetzt. »Man fühlt sich kraftlos und müde. Die Haut wird grün. Wenn du lange nichts isst und immer nur Wasser aus dem Hahn trinkst, dann siehst du irgendwann ein helles Licht vor Augen. Du bist zu schwach, dich zu bücken.« Mit den ersten Löffeln Suppe kommen die Lebensgeister zurück in den 40-Jährigen, dessen Gesicht aussieht wie das eines alten Mannes. Nach und nach blinkt wieder ein wenig Hoffnung aus seinen Augen. »Wer weiß, wie lange diese Krise noch dauern wird? Wenn wir alle unseren Beitrag leisten, so wie es die Regierung sagt, wenn wir alle immer eine Maske tragen, dann wird es mit der Hilfe Gottes hoffentlich bald besser. Unser Präsident hat verlangt, dass wir alle mitmachen und Mund und Nase bedecken. So muss es sein. Denn wer will schon sterben? Niemand.«

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