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Sorge um das aufgeklärte Christentum

Sinkende Mitgliederzahlen stellen die großen Kirchen in Deutschland vor strukturelle Herausforderungen

  • Von Thomas Klatt
  • Lesedauer: 4 Min.

Die sogenannte Freiburger Studie prognostizierte jüngst eine Halbierung der Mitgliederzahlen der Volkskirchen in den nächsten Jahrzehnten. Bedeutet dies etwa auch das Ende des Christentums in Deutschland? Nicht unbedingt, meint Gert Pickel. Er ist Religions- und Kirchensoziologe an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Der christliche Glaube müsse sich nicht zwingend in Bistümern und Landeskirchen organisieren. Nicht die Institution stehe im Vordergrund, sondern das menschliche Für- und Miteinander: »Das Christentum ist nicht die organisierte Kirche, wo viele sowieso nicht da sind, sondern es sind die Personen, die sich treffen können, um für sich und andere da zu sein.« In Zukunft werde es vielfältigere Formen von Gemeinde geben, von der christlichen Motorradgruppe bis zum Strickkreis, vom Singeklub bis zum Kochkurs. Gelegenheitsstrukturen und soziale Angebote, die auch von Nicht-Gläubigen akzeptiert werden können.

»Das könnte auch im Bürgerhaus sein. Aber in einem Kirchgebäude hat man mehr Flair der sozialen Vergemeinschaftung. Wir haben in Ostdeutschland mehr Personen, die in Gruppen um Kirchen herum sind, als Mitglieder. Das ist urchristlich, dass man Sozialformen ermöglicht«, sagt Pickel.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte der evangelische Theologe Ernst Troeltsch die Idee der »elastischen Volkskirche«. Das Christliche zeige sich in drei grundlegenden Sozialgestalten: erstens in der verfassten Kirche, zweitens in ausgelagerten Vereinen, Initiativen, Gebetskreisen und Splittergruppen, die Troeltsch Sekten nannte, und drittens in einer individuellen Frömmigkeit und Mystik.

»Diese drei Gestalten sind nach Troeltsch wechselseitig voneinander abhängig. Sowohl die Sekte als auch die religiösen Individualisten sind von der Großkirche abhängig, in der wesentlich die Überlieferung des Christentums stattfindet. Sie bietet die religiöse Grundversorgung an, Beerdigungen, Taufen, Trauungen auch für diejenigen, die nicht am Gemeindeleben teilnehmen«, sagt Martin Fritz, theologischer Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin.

Wird es christliche Existenz künftig also vor allem in Vereinen und Splittergruppen geben? Eine individuelle Frömmigkeit ohne großkirchliche Anbindung? Ja, sagt Religionssoziologe Gert Pickel, das gebe es schon lange in den USA. Aber dort eben mit Risiken und Nebenwirkungen. »Da ist eine bunte Pluralität unterschiedlichen Glaubens. Das sind Gruppen, die nach innen gerichtet sind und mit anderen nicht kommunizieren. Die haben zumindest geistig einen Stacheldrahtzaun außen herum. Es ist eine Entwicklung nicht zum Liberalen, sondern zum Dogmatisch-Religiösen hin«, warnt Pickel.

US-Präsident Donald Trump und seine evangelikalen Unterstützer mit ihrem primitiven Schwarz-weiß- und Gut-böse-Dualismus geben davon ein beredtes Zeugnis. Wer künftig keine amerikanischen Religionsverhältnisse haben möchte, müsse vor allem auf Bildung und Aufklärung setzen. Und dafür seien schon heute nicht mehr Kirchenräume entscheidend. »Die Berührung zur Religion findet in der Familie und im Religionsunterricht statt. Wenn die Eltern nicht religiös sind, dann werde ich keine Kirche von innen sehen. Und wenn ich nicht im Religionsunterricht die Basis des Wissens erfahre, dann weiß ich auch gar nicht, was dort getan wird«, weiß Gert Pickel.

Der Schlüssel liegt vielleicht in einem guten Religionsunterricht an den Schulen. Ohne Großkirchen keine akademische Pfarrerausbildung, also auch keine Theologische Fakultäten mehr. Die Theologie als Wissenschaft könnte aber in den philosophischen Fakultäten weiter existieren. Was es zwingend braucht, sind dagegen religionswissenschaftliche Institute zumindest für die Lehramtsausbildung. Es geht zum Beispiel um die historisch-kritische Erkenntnis, dass die Bibel nicht einfach das unumstößliche Wort Gottes ist, sondern ein in Jahrtausenden von Menschen zusammengetragenes und daher für unsere Gesellschaft wichtiges Kulturprodukt. Und es fehlt auch ein interreligiöses Wissen über den Islam, Judentum und die anderen Weltreligionen, um so das menschliche Miteinander zu erleichtern.

Eine Verzwergung der Großkirchen müsse also nicht zum Niedergang der Theologie führen. Sie werde aber zu anderen Organisationsstrukturen führen, vor allem zu kleineren Vereinen. Nicht die Großkirchen wären dann weiterhin Vorbild für andere Religionen, sondern umgekehrt würden sich Christen an den Vereinsstrukturen anderer orientieren müssen. »Schauen wir uns zum Beispiel die Muslime in Deutschland an. Die haben verschiedenste Gemeinschaften um die Moscheen herum«, meint Gert Pickel.

Klar ist auf jeden Fall, dass die Kirchen an Macht und Einfluss verlieren werden. Pickel selbst kann sich daher so etwas wie einen EKD-Dachverband als politische Repräsentanz weiterhin vorstellen. Die Landeskirchen aber hält er für überholt. Und Theologe Martin Fritz glaubt schon an so etwas wie die Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes oder eben des Heiligen Geistes. Auch in Zukunft werden die Deutschen Bibel lesen, beten oder christliche Lieder singen: »Da rechne ich mit einer gewissen grundlegenden Religiosität des Menschen. Um das Christentum ist es mir nicht bang. Um ein aufgeklärtes Christentum ist mir schon bang.«

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