Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Schwebend, kauernd, gefesselt

In Dresden gibt es eine spektakuläre Ernst-Barlach-Ausstellung mit 230 Werken

  • Von Martin Stolzenau
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit Samstag zeigen die Kunstsammlungen in Dresden im Albertinum zum 150. Geburtstag von Ernst Barlach eine spektakuläre Retrospektive. Der Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller hinterließ ein riesiges Werk, es umfasst rund 10 000 Skizzen, 2800 Zeichnungen, acht Dramen, verschiedene Prosa und über 600 plastische Arbeiten. In Dresden sind davon 230 Objekte zu sehen. Schwerpunkte sind die Skizzenbücher, die Zeichnungen und die Holzskulpturen.

Die Ausstellung zeigt Barlachs Studienzeit in Dresden, seinen künstlerischen Aufstieg in der Weimarer Republik und die Ausgrenzung durch die Nazis und geht bis zur Rezeption nach 1945 in beiden deutschen Staaten. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Kunstsammlungen mit dem Barlach-Haus der Reemtsma- Stiftung in Hamburg und der Barlach- Stiftung in Güstrow, das Barlachs »unorthodox-religiöses Sehnen nach Menschlichkeit« vermitteln will.

Ernst Barlach wurde am 2. Januar 1870 in Wedel an der Unterelbe im heutigen Landkreis Pinneberg in Holstein als Sohn eines Landarztes geboren. Er studierte zunächst an der Gewerbeschule in Hamburg und danach in Dresden und Paris. Ab 1898 ist er freiberuflicher Künstler, der sich an Symbolismus und Jugendstil orientiert. Er wird Mitglied der Berliner Secession und zieht 1910 nach Güstrow.

Während des Ersten Weltkrieges gehörte er kurz dem Landsturm an. Nach 1918 ging es Schlag auf Schlag. Barlach glänzte mit zahlreichen Gefallenen-Denkmälern, die wegen ihrer speziellen Formverdichtung heftige Diskussionen auslösten, und arbeitete zudem erfolgreich als Dramatiker sowie Erzähler. Angesichts der gesellschaftlichen Krisen stellte er mit religiösen Bezügen das Leid und die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung in den Mittelpunkt. In der Weimarer Republik war er einer der wichtigen Künstler, seine Werke Attraktionen in verschiedenen Ausstellungen. Vor allem die einfühlsamen Plastiken wie »Der Schwebende«, »Die kauernde Alte«, »Die gefesselte Hexe«, »Wanderer im Wind« und »Der Geistkämpfer« sorgten für Schlagzeilen.

Doch der Künstler, der lebenslang mit religiösem Bezug Leidende und Verfolgte in den Mittelpunkt stellte, war spätestens ab 1933 selbst ein Verfolgter. Seine Kunst galt als »entartet«, er wurde aus der Akademie ausgestoßen und erhielt Ausstellungsverbot. Bis 1938 wurden deutschlandweit 381 Werke von ihm beschlagnahmt. Auch wenn er 1934 einen von Joseph Goebbels formulierten »Aufruf der Kulturschaffenden« unterschrieben hatte, in dem 37 Prominente aus dem Kulturbetrieb im »Völkischen Beobachter« bekannten, in »Vertrauen und Treue« zu Adolf Hitler zu stehen, der sich als Reichskanzler als Staatsoberhaupt ausrufen ließ, als Nachfolger des verstorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Barlach zog sich in eine Form der »inneren Emigration« zurück, verbrachte seinen letzten Geburtstag zurückgezogen in Wernigerode und starb am 24. Oktober 1938 in der Klinik St. Georg in Rostock an einem Herzschlag.

Zur Trauerfeier in Güstrow versammelten sich viele Berühmtheiten wie Käthe Kollwitz, Max Planck, Hermann Hesse und Karl Schmidt-Rottluff. Sie veröffentlichten anschließend per Privatdruck »Freundesworte - E. B. zum Gedächtnis«. Das war ein mutiges Bekenntnis und eine klare Absage an die Nazis.

Seine letzte Ruhe erhielt der Künstler auf dem Friedhof an der Seedorfer Straße in Ratzeburg. Marga Böhmer, Barlachs Lebensgefährtin, hütete sein Güstrower Erbe, das heute mit 330 Skulpturen, 1100 Zeichnungen, 200 Druckgrafiken, 110 Skizzenbüchern und 110 handgeschriebenen literarischen Manuskripten» von der 1994 gegründeten Barlach-Stiftung verwaltet wird und mit dem Barlach-Museum in Güstrow einen Wallfahrtsort für Kunstliebhaber bildet. Aber auch außerhalb von Güstrow können Barlach-Arbeiten betrachtet werden. Das reicht von Hamburg, Berlin und Bremen über Schwerin, Leipzig sowie Chemnitz bis Moskau, Los Angeles, London und New York.

Und jetzt die Retrospektive im Albertinum. Mit dabei die Figur «Frierendes Mädchen» von 1917, die einst für das Albertinum erworben und 1937 von den Nazis ausgelagert wurde. Sie kehrt erstmalig zurück und wird von anderen berühmten Figuren wie «Eilende Frau mit Tragkorb», Russische Bettlerin mit Schale«, »Schreibender Prophet«, »Der Asket«, »Der Zweifler, «Lesender Klosterschüler» und «Mutter und Kind» flankiert.

Das Albertinum ist täglich außer am Montag von 11 bis 17 Uhr und am Freitag bis 20 Uhr geöffnet. Die Schau wird zudem von einem umfangreichen Begleitprogramm mit Katalog, Führungen und einer Lesereise ergänzt. Bei Suhrkamp sind vier Bände seiner Briefe erschienen, außerdem bei Siedler die Biografie «Ernst Barlach. Der Schwebende» von Gunnar Decker.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln