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»Die Unbekannten schreiben an mir mit«

Meme, Tweets und Kommentare im Netz können auch Literatur sein, meint Holger Schulze. Ein Gespräch

  • Von Jens Buchholz
  • Lesedauer: 5 Min.

Herr Schulze, wo findet heute Literatur statt?

Die Frage ist sehr gut. Nicht: »Was« ist Literatur? - sondern: »Wo« findet sie statt? Tatsächlich scheint mir Literatur heute nicht notwendigerweise nur und vor allem zwischen Buchdeckeln stattzufinden. Sondern auch im Netz, in Kurznachrichtendiensten oder beim Lesen oder Verfassen von Statusupdates. Das ist ubiquitäre Literatur: literarische Texte, die uns tagelang begleiten, in denen wir mitdenken, die wir mitsingen, erinnern, die unser Leben rahmen können.

Sie schreiben, dass die »ubiquitäre Literatur« sich aus Partikeln zusammensetzt. Was sind »Partikel«?

Partikel sind das Kleinste. In der Grammatik sind das kleine Worte, die isoliert für sich stehen können, nicht kompliziert einzubinden sind und doch mit allem in ihrer Umgebung in Beziehung und Verbindung treten können. Worte wie »Oh« oder »he!«. So funktionieren auch die Partikel der ubiquitären Literatur. Die Meme, Stehsätze, Phrasen oder Dialogschemata, die sich hier herausbilden, sie gehen jeweils umgehend eine Verbindung mit jedem Thema, jeder Textpersona, jeder Redesituation ein.

Sie lehnen sich an Anahid Kassabians »Ubiquitous Listening« an. Worum geht es in diesem Buch?

Kassabian hat ein Buch vorgelegt, in dem sie eine radikal nichtkulturpessimistische Sicht auf die nebenher gehörte Musik vorstellt. Anders als die alten Skeptiker und Kritiker des Walkman- und Kopfhörerhörens im öffentlichen Raum erkennt Kassabian darin nicht Vereinzelung, Konsumismus, Eskapismus und Hörverlust, sondern sie betont vor allem die Sozialität dieses Hörens, das Eingebundensein in Begehrenskonstellationen und Affektgemeinschaften.

Und wie schließen Sie hier mit Ihrem Literaturkonzept an?

Ich nutze Kassabians Konzept des ubiquitären Hörens als Ansatz zum Verstehen des ubiquitären Lesens. Ebenso wie wir Musik und Klänge zugespielt und untergeschoben bekommen, so werden uns auch Texte und Literatur zugespielt und untergeschoben, gleichfalls oft via Smartphones und Accounts auf anderen Plattformen.

Und wie kommen Sie zu der Auffassung, ubiquitäre Literatur sei kein Genre, sondern eine Lese- und Schreibweise?

Das ubiquitäre Lesen bringt nahezu unwillkürlich auch ubiquitäres Schreiben mit sich. Indem ich die vorüberfliegenden Texte der ubiquitären Literatur konsumiere, sie teile, kommentiere, vielleicht leicht bearbeite, anpasse und damit spiele, bin ich unversehens schon ein Akteur, ein Autor, der an der ubiquitären Literatur mit- und sie somit weiterschreibt.

Italo Calvino, auf den Sie sich ebenfalls beziehen, meint, eine neue Literatur müsse »vielschichtig« sein. Die meisten Tweets sind nicht besonders vielschichtig, oder?

Calvinos Vorschläge zielen allesamt auf eine dynamisierte, kleinteilige, nicht ausschließlich textuelle, sondern sehr intermediale, kombinatorische und alltagsverankerte Literatur. Was mir für die ubiquitäre Literatur hier so erhellend scheint, ist, dass er auch die Vielschichtigkeit durchaus nicht als eine Raffiniertheit im akademischen und hintergründig verborgenen Sinne versteht. Die Vielschichtigkeit liegt für ihn an der Oberfläche: Viele Schichten verknüpfen, verweben, verschränken sich hier - aber sie tun dies alles an der Oberfläche.

Sie sprechen von »Memblematik«. Was meinen Sie damit?

Memblematik beschreibt die Funktionsweise von Memen im Rückgriff auf die weitaus ältere Tradition des Emblems und der Emblematik. Durch Embleme und durch Meme werden zeitgenössische Grundüberzeugungen, moralische Annahmen, auch Haltungen zu Lebensführung und Politik abgeglichen, schneller als dies die gängigen pädagogischen oder rhetorischen Mittel der Zeit tun könnten.

Sie unterscheiden zwischen einer Textpersona und dem Körper des Menschen, der den Daumen über das Display bewegt. Wie hängen die beiden zusammen?

Der Begriff Persona scheint mir produktiver und hilfreicher zum Verständnis aktueller performativer Alltagspraktiken als Begriffe wie »Identität« oder »Subjekt«. Diese Begriffe suggerieren schnell eine stabile Substanz einer Person. Der Begriff der Persona erlaubt aber eine sehr viel differenziertere Analyse der konkreten Selbstdarstellungen, der Interaktionen und Figuren. Insbesondere wenn er jeweils qualifiziert wird durch die jeweilige Situation, das Handlungsumfeld oder die Medien. Die Textpersona umfasst alles, was wir situativ schreiben, dabei natürlich unterschieden wiederum in ganz viele verschiedene Schreibsituationen. Die empirische Person kann sich teils radikal von einer Persona unterscheiden, die sich lediglich in einem recht umgrenzten und kontrollierbaren Medium auslebt, etwa einem Tweet, einem Buchkapitel oder einem Rezensionsartikel.

Mir gefällt Ihr Satz »Die Unbekannten schreiben an mir mit«. Wer sind die Unbekannten? Wie schreiben sie an mir mit?

Nicht wir allein haben die Kontrolle darüber, was wir denken, schreiben, empfinden, glauben und vertreten. Im Gegenteil ist die Menge der Unbekannten, die in unserem Erleben und Denken mitwirken, stets nahezu unendlich groß, auch wenn wir uns selbst gerne einer Genialitäts- und Individualitätsillusion hingeben möchten. Die Unbekannten sind dann tatsächlich all die verteilten Subjekte, Akteure und Akteurinnen, all die wenig vertrauten Autorinnen und Autoren, die an meinen und Ihren, die an allen Texten mitschreiben, unaufhörlich.

Probieren wir Ihre Theorie doch einmal aus. In Ihrem Buch erklären Sie die ubiquitäre Literatur am Beispiel des folgenden Tweets von der Journalistin Antonia Baum: »Feiere Weltfrauentag mit bierhelm im Kinderzimmer weil kita zu«. Warum ist dieser Tweet Literatur?

Die Textpersona von Antonia Baum inszeniert sich, slapstickartig zugespitzt, in den Widersprüchen des Weltfrauentags. Am Weltfrauentag muss gefeiert werden. Wie feiert man hierzulande? Mit Bierhelm, Party, Exzess. Allein, die Betreuungssituation, sie ist nicht so: Der Textpersona als alleinerziehender Mutter bleibt somit nichts anderes übrig, als den Bierhelm würdevoll zu tragen, während sie im Kinderzimmer die Betreuungsaufgabe erfüllt. Diese neun Worte werden nebenhin gelesen, fliegen vorbei. Durch ihre Telegrammverkürzung wird aber die Absurdität eines Weltfrauentags spürbar, der Symbolpolitik bleibt, wenn die Betreuungssituation nicht dazu passt. In Baums Satz ist die politische Vielschichtigkeit bildhaft zugänglich, wird schnell geteilt, zustimmend gelesen und weitergereicht: ein Emblem für schmerzhafte, gesellschaftliche Widersprüche.

Holger Schulze: Ubiquitäre Literatur - Eine Partikelpoetik. Matthes & Seitz Berlin, 189 S., br., 15 €.

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