Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Drei Tage Lockdown in Auckland

Neuseeland reagiert mit drastischen Maßnahmen auf erste Coronafälle seit 102 Tagen. Die Eliminierungsstrategie der Premierministerin kommt gut an

  • Von Barbara Barkhausen
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Dienstag waren in Neuseeland erstmals seit 102 Tagen wieder lokale Infizierungen mit dem Coronavirus bestätigt worden. Die Behörden registrierten vier neue Fälle bei einer Familie aus der Millionenmetropole Auckland. Wo sie sich angesteckt haben, ist noch unklar. Die neuen Maßnahmen sind drastisch: In der Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern wurde ein zunächst dreitägiger Lockdown angeordnet, der bis Freitag dauern soll. Die Schulen und alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte sind geschlossen.

Vom ersten bekannten Fall - ein Reisender schleppte die Viruserkrankung Ende Februar ein - bis zur letzten Übertragung in Neuseeland am 1. Mai dauerte es 65 Tage. Wissenschaftler der Universität von Otago hatten zuvor analysiert, was es brauche, um das Virus in der Bevölkerung zu eliminieren. Drei Maßnahmen seien erfolgreich gewesen, schreiben die Forscher in einem Aufsatz für das Wissenschaftsmagazin »The Conversation«: Grenzkontrollen, um den »Import« von Covid-19 zu verhindern, eine Ausgangssperre und physische Distanzierung, um die Übertragung zu stoppen, sowie stringente Tests, Kontaktverfolgung und Quarantäne. Anders als viele Länder in Europa setzte Neuseeland sofort auf Eliminierung des Virus - ähnlich wie China, Taiwan, Südkorea, Vietnam, die Mongolei, Australien und Fidschi. Doch die meisten dieser Länder verzeichnen bis heute noch Covid-19-Ausbrüche.

Australien beispielsweise reagierte nicht ganz so schnell und nicht mit den gleich strengen Maßnahmen. Inzwischen werden in den meisten Bundesstaaten keine Infektionen mehr registriert. Doch Victoria mit Melbourne und in geringerem Maße New South Wales mit Sydney erleben derzeit ein weiteres Aufbäumen der Krankheit. Melbourne, wo die Lage außer Kontrolle geraten ist, befindet sich erneut in einem sechswöchigen Lockdown mit deutlich strengeren Maßnahmen als zuvor, was die Wirtschaft weitere Milliarden kosten wird.

Was machte Neuseeland also so viel erfolgreicher als andere Staaten? »Der Hauptunterschied besteht darin, dass Neuseeland sich relativ früh zu einer klar formulierten Eliminierungsstrategie verpflichtet und diese aggressiv verfolgt hat«, schreiben die Forscher der Universität Otago. Bereits Mitte März, als der Inselstaat gerade mal sechs bestätigte Covid-19-Fälle zählte, verkündete Premierministerin Jacinda Ardern, dass jeder Einreisende zwei Wochen in Selbstisolation muss. Wenige Tage später - inzwischen waren etwas über 100 Menschen positiv getestet - bereitete sie ihr Land bereits auf den Lockdown vor.

Sieben Wochen verbrachten die Neuseeländer letztlich zu Hause. Premierministerin Ardern versuchte mit täglichen Briefings, die Stimmung im Volk nicht kippen zu lassen. Ihr empathischer Ansatz - das »Fünf-Millionen-Team« der Neuseeländer müsse für kurze Zeit die Normalität opfern, um die am stärksten gefährdeten Menschen zu schützen - ging auf.

Nur wenige murrten. Die Umfragewerte für Arderns Labour Party liegen laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsin-stituts Roy Morgan bei 53,5 Prozent im Vergleich zu 26,5 Prozent für die konservative Opposition. Demnach könnten die Sozialdemokraten nach der für Mitte September angesetzten Wahl sogar ohne die Unterstützung der bisherigen Koalitionspartner New Zealand First und Grüne regieren. Dennoch denkt die populäre Premierministerin über eine Verschiebung des Urnengangs nach, wie neuseeländische Medien am Mittwoch berichteten, und verschob bereits die Auflösung des Parlaments im Vorfeld der Wahl um zunächst einige Tage. Der Fokus liege zunächst darauf, das Virus in den Griff zu bekommen, sagte Ardern.

Die schnelle Krisenreaktion brachte der Politikerin, die während ihrer Amtszeit bereits mit einer Terrorattacke auf zwei Moscheen in Christchurch sowie einem Vulkanausbruch konfrontiert worden war, weltweites Lob ein. Insgesamt verzeichnete der Fünf-Millionen-Einwohner-Staat im Pazifik bis vergangenen Sonntag nur 1569 Infektionen und 22 Todesfälle, die niedrigste Covid-19-Sterblichkeitsrate unter den Ländern des Industrieländerclubs OECD.

Bis Dienstag war das Leben in Neuseeland wieder fast normal. Es gab keine Maskenpflicht, keine Abstandsgebote, dafür sogar Großveranstaltungen. Oliver Hartwich, ein deutscher Wirtschaftsexperte, der den Thinktank »The New Zealand Initiative« leitet, warnt jedoch vor einfacher Nachahmung: Länder, die Neuseelands Beispiel folgen wollen, müssten auch die Nachteile einer solchen Eliminierungsstrategie in Kauf nehmen. »Die wirtschaftlichen Kollateralschäden sind bereits jetzt beträchtlich«, so Hartwich. Besonders schwer wiege dabei die Schließung der Grenzen für Besucher aus dem Ausland. Denn im Rahmen der Eliminierungsstrategie könnten diese eigentlich erst dann wieder geöffnet werden, wenn es einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 am Markt gibt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln