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Ein langer, heißer Sommer

Mit dem Spielfilm »Kokon« gelang Leonie Krippendorff eine authentische Darstellung des »Coming of Age«

Ein »Spätzünder« sei Nora (Lena Urzendowsky) ja offenbar, befindet ihre ältere Schwester Jule (Lena Klenke) beim nächtlichen Gespräch im gemeinsamen Schlafzimmer. Sie mag kaum glauben, dass Nora erst jetzt, mit 14 Jahren, ihre erste Periode hatte, und bietet Rat an. Nora aber hat sich bereits informiert, schließlich gibt es im Internet für alles Tutorials und Influencerinnen, die auch gleich das passende Produkt empfehlen.

Oder eben doch nicht für alles. Nora passiert »es« ausgerechnet während der Turnstunde auf dem Schwebebalken. Romy (Jella Haase) hilft Nora, mit dem Malheur umzugehen. Bald entdeckt Nora, dass sie erotische Gefühle für die in der Klasse bei vielen Mädchen, und nicht zuletzt auch bei Jule, unbeliebte Mitschülerin hegt. Das führt Nora zu der Frage: »Bin ich jetzt lesbisch?« Das darf man ja heutzutage sein, irgendwie jedenfalls, es gibt sogar Jungs, die das cool finden, aber als ein seltsames Gefühl erscheint es Nora trotzdem. Und wie umgehen mit dem Anpassungsdruck, den Jule, die getreu den gängigen Influencerinnen-Idealen folgt, als Ältere schon zwangsläufig, aber zuweilen auch gezielt ausübt?

Leonie Krippendorffs zweiter Spielfilm »Kokon« erzählt Noras »Coming of Age« in beengten Berliner Wohnverhältnissen am Kottbusser Tor - allerdings mit einem Balkon, der so etwas wie einen Felddamenblick auf das Getümmel erlaubt - während des extrem heißen Sommers 2018. »Kokon« ist eigentlich kein Film über lesbische Liebe, sondern über eine Liebe und erwachende Sexualität, die - da Nora ein anderes Mädchen begehrt - als lesbisch gilt. Ihre Sexualität und deren Orientierung werden nicht »problematisiert«, sie sind eben da. Deal with it.

Den Film einzuspinnen in die Metapher der Raupe, die zum Schmetterling wird, und Nora eine Raupe züchten zu lassen, die sich im passenden Moment in einen Schmetterling verwandelt, ist ein wenig klischeehaft. Aber Krippendorff ist ein Film gelungen, der glaubhaft vom sogenannten Erwachsenwerden erzählt, weil er sich ansonsten der Klischees und des Moralisierens enthält. Was angesichts der starken sozialpädagogischen Tendenz deutscher Filmkunst zumeist Anlass für die Suche nach Schuldigen und Therapien gewesen wäre, ist hier schlicht eine Bedingung für Noras Aufwachsen. So etwa der von der Berliner Polizei offiziell als »kriminalitätsbelasteter Ort« eingestufte »Kotti«, den Nora und Jule auch mal nachts im Schlafanzug überqueren, weil der Kühlschrank leer ist und ihre Mutter in der Kneipe abhängt. Deal with it. Die alleinerziehende Mutter ist oft verkatert und kümmert sich allenfalls sporadisch um Erziehung. Deal with it. Die Jungs albern noch wie Kinder herum und überspielen ihre Unsicherheit mit Macho-Sprüchen und -Ritualen. Deal with it.

Noras Lebensbedingungen sind »dramatisch« genug, Krippendorff verzichtet auf spektakuläre Szenen. Die gerade wegen der Unaufgeregtheit authentisch, bisweilen fast dokumentarisch wirkende Darstellung des »Coming of Age« gelingt nicht zuletzt dank der schauspielerischen Leistungen von Lena Urzendowsky, der man jederzeit das Ringen mit sich und der Umwelt abnimmt, von Lena Klenke, die als Jule zwischen »Bitch« und wohlmeinender älterer Schwester changiert, und Jella Haase, die als Romy die unangepasste ältere Freundin gibt und Nora bei der Selbstfindung hilft. Martin Neumeyers Kamera ist den Darstellerinnen meist sehr nahe, auch deshalb ist »Kokon« ein sehr intimer Film - so intim, dass man sich als männlicher Zuschauer zuweilen etwas voyeuristisch vorkommt.

»Coming of Age«-Filme werden nicht nur, wohl nicht einmal in erster Linie für Jugendliche gedreht. Der Rückblick auf die eigene Jugend ist da unvermeidlich. Ohne Zweifel gibt es Kontinuitäten, auch in den kommenden Jahrhunderten werden Jugendliche noch kotzend über dem Klo hängen, weil sie zu viele oder die falschen Rauschmittel konsumiert haben. Anpassungszwänge mögen sich durch die sogenannten sozialen Medien verstärkt haben. Doch es gibt auch Wendungen zum Besseren.

Man wird Krippendorff vielleicht vorwerfen, dass sie die gleichgeschlechtliche Liebe zu konfliktfrei inszeniert hat, schließlich registrierte das Projekt Maneo für das Jahr 2019 in Berlin 559 Angriffe auf Schwule, Lesben oder Transsexuelle, und die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Aber »Kokon« erzählt - und das ist legitim - eine andere Geschichte. Es ist nunmehr möglich, eine solche Geschichte als nicht ungewöhnliche Form des »Coming of Age« zu erzählen, und das lässt hoffen, dass es doch so etwas wie gesellschaftlichen Fortschritt gibt.

»Kokon«, Deutschland 2020. Buch und Regie: Leonie Krippendorff. Mit Lena Urzendowsky, Jella Haase, Lena Klenke, Elina Vildanova, Anka Schneider. 95 Min.

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