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Lücken in der Aufarbeitung

Die Stadt Braunschweig versucht, sich ihrer kolonialen Vergangenheit zu stellen

  • Von Josefine Körmeling
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein riesiger Otto von Bismarck in Hamburg, eine 60 Meter hohe Christoph-Kolumbus-Statue in Barcelona. Ehemalige Wegbereiter des Kolonialismus stehen oft noch erhaben auf hohen Sockeln - und das, obwohl sich die einstige Verehrung ihrer Taten längst in kritische Reflexion von Menschenrechtsverbrechen verwandelt hat. Wie können solche Denkmale also heute noch Bestand haben? Sollten sie umgedeutet werden oder sogar am besten ganz aus dem Stadtbild verschwinden? Vor allem in Großbritannien und den USA entschieden über diese Frage in den vergangenen Wochen Aktivist*innen oft eigenmächtig. So wurde in Bristol im Zuge einer Demonstration gegen Rassismus die Statue eines britischen Sklavenhändlers im Hafenbecken versenkt. Auch hierzulande hat der Diskurs um die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung noch einmal an Fahrt aufgenommen. Das zeigt sich auch an der Debatte um mehrere Kolonialdenkmale in der niedersächsischen Stadt Braunschweig.

Ein großer Löwe thront dort am Ende der Jasperallee. Eine Pranke hat er um eine große Weltkugel gelegt, hält sie fest zwischen seinen Krallen. Unten befindet sich die Inschrift: »Gedenkt unserer Kolonien und der dort gefallenen Kameraden.« Auf den Seitenflächen die Namen ehemaliger deutscher Herrschaftsgebiete. Diese Erinnerung an imperialistische Politik steht seit fast 100 Jahren in der Stadt - und hat in dieser Zeit auch schon einige gesellschaftliche Phasen und Debatten miterlebt. Vor allem in den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder kleinere Diskurse dazu, ob und wie das Denkmal in seiner geschichtlichen Belastbarkeit in der Stadt bestehen kann. Heute zeugt davon eine Tafel neben dem Löwen, die Informationen zu dem geschichtlichen Kontext des Monuments liefert.

In den letzten Monaten hat die Diskussion noch einmal an Schärfe gewonnen. Die im Rat der Stadt Braunschweig vertretene Gruppierung »Bürgerinitiative Braunschweig« (BIBS) hatte im Juli einen Antrag gestellt, alle Denkmale der Stadt untersuchen zu lassen und in »unbedenklich, bedenklich, kritisch und belastet« einzuteilen. Im September wird das Thema im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft diskutiert. »Damit soll vor allem eine langfristige Debatte angestoßen werden«, sagt Peter Rosenbaum von der BIBS. Eine Nacht- und Nebelaktion zum Denkmalsturz sei nicht zielführend.

Auch die Kulturdezernentin der Stadt Braunschweig, Anja Hesse, grenzt sich davon ab, das belastete Denkmal einfach aus dem Stadtbild zu entfernen: »Wenn da auf einmal nichts mehr steht, dann wäre ein Stück Geschichte ungeschehen gemacht«, sagt sie. Man müsse sich der Vergangenheit als Verwaltung vielmehr stellen und eine kritische Aufarbeitung suchen.

Das hat die Stadt nun im Zuge des größer werdenden Drucks in die Wege geleitet: Neben einem Schild, das eine geschichtliche Einführung bietet und über einen QR-Code auf Informationen im Netz aufmerksam macht, sind weitere Schritte zur kritischen Einordnung des Denkmals geplant: Eine vertiefende Recherche zur Thematik ist von der Stadt in Auftrag gegeben. Außerdem wird ein Wettbewerb stattfinden, um eine »künstlerische Ergänzung« des Denkmals vorzunehmen. »Nur mit deutschen Künstlern zu arbeiten, ist dabei die falsche Herangehensweise«, sagt die Kulturdezernentin zur Umsetzung des Projekts. Vielmehr sollten vor allem Künstler mit Ursprung in Ländern der ehemaligen Kolonien angefragt werden, um keine rein weiße Perspektive darzustellen.

Doch das Denkmal in der Jasperallee ist nicht das einzige Zeugnis kolonialer Geschichte in Braunschweig. Die BIBS bezieht sich in ihrem Antrag zu den kritischen Denkmalen der Stadt auch auf einen Gedenkstein im Neubauviertel Rosalies in Braunschweig, der bisher weit weniger öffentliche Aufmerksamkeit erfahren hat.

Der Name »Rosalies« bezieht sich auf eine Stadt in Belgien, in der unter anderem braunschweigische Soldaten zu Beginn des Ersten Weltkrieges Kriegsverbrechen begingen. Ein »Garten der Erinnerung« soll dort kritisch an die Vergangenheit erinnern. Unter anderem steht dort auch ein Stein, der an gefallene Soldaten der »Schutztruppe Deutsch-Südwest« erinnert. Soldaten, die im heutigen Namibia für den Genozid an den Herero und Nama verantwortlich waren. Die BIBS verstehe nicht, wie so ein Monument noch 2012 aufgestellt werden konnte und beklagt in einer Pressemitteilung eine fehlende Einsicht der Stadt Braunschweig zum Thema. In der Antwort auf eine Anfrage der Initiative 2015 habe die Stadt angemerkt, dass die Kriegsführung der Schutztruppe Deutsch Süd-West in Namibia nicht offiziell als Völkermord anerkannt sei. Damit trifft sie genau den Nerv einer gesamtdeutschen Debatte, in der es noch immer zu keiner Einigung bezüglich Reparationen für die in Namibia geschehenen Grausamkeiten gibt.

Gedenksteine an gefallene Soldaten, wie die im Rosaliesviertel, sind oft weniger pompös als große Statuen von ehemaligen Kolonialherren und erlangen deshalb weniger kritische Aufmerksamkeit. Dennoch können sie als Erinnerung an imperialistische Politik und Menschenrechtsverbrechen in der deutschen Geschichte gesehen werden. Ähnliche Steine, wie die im Rosaliesviertel, die an den Genozid an den Herero und Nama erinnern, gibt es auch in anderen niedersächsischen Städten, wie in Hameln und in Göttingen.

Vermutlich gebe es in fast jeder großen Stadt in Deutschland auf Friedhöfen oder in Kirchen kriegsverherrlichende Gedenktafeln über die Kolonialzeit, sagt Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial. Eine Monografie mit einer vollständigen Übersicht zu dem Thema existiert seines Wissens aber bisher nicht.

Eine kritische Auseinandersetzung zum Umgang mit solchen Monumenten dürfe aber in keinem Fall dazu führen, dass koloniale Spuren ganz verloren gehen, sagt Kopp. Wichtiger sei es, jedes Monument als Einzelfall zu betrachten und sich Gedanken um eine angemessene Darstellung und Einordnung zu machen. Eine kleine Tafel mit einem einordnenden Text im Vergleich zu einem riesigen Denkmal reiche dafür jedenfalls nicht.

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